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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Inzestfall von Amstetten“ Licht aus, Licht an, Licht aus

 ·  In St. Pölten muss sich Josef Fritzl vor Gericht verantworten. Er bekennt sich zum Vorwurf des Mordes durch Unterlassen und für den Vorwurf des Sklavenhandels für „nicht schuldig“, „teilweise schuldig“ für den Vorwurf der Vergewaltigung, „schuldig“ für den Vorwurf der Blutschande, der schweren Nötigung und der Freiheitsberaubung.

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E. Fritzls treuester Begleiter in all den Jahren war der Schimmel. Er hing in ihren Haaren, ihrer Kleidung, diffundierte durch jede Pore ihrer Haut, tropfte mit dem Wasser von den Wänden und hüllte ihre neugeborenen Kinder ein, sobald sie das Glühbirnenlicht der Welt erblickten. So wusste sie in jeder Sekunde, dass Fäulnis und Verderbnis sie umgaben, auch wenn die Person, die ihr das antat, mal wieder für mehrere Wochen zur Kur war.

Eine Schachtel mit Gegenständen aus dem Kellerverlies reicht an diesem Montag Staatsanwältin Christiane Burkheiser den acht Geschworenen. Jeder soll zumindest einmal den Modergeruch wahrnehmen, der für E. Fritzl 24 Jahre lang einer der wenigen Sinneseindrücke war. Viele der Geschworenen riechen nur kurz an der halbgeöffneten Schachtel und geben sie dann schnell weiter. „Haben Sie sich jemals vorgestellt, wie es in dem Keller zugegangen ist?“, fragt die Staatsanwältin die Geschworenen. Und bevor sie beginnt, das Martyrium der E. Fritzl zu schildern, zeigt sie mit dem Laserpointer auf Markierungen mit weißen Klebestreifen, die sie zuvor an den schwarzen Türen im Gerichtssaal angebracht hat. Etwa in Höhe von 1,74 Meter: So hoch war das 11 Quadratmeter kleine Kabuff, indem E. die ersten 9 Jahre ihrer Gefangenschaft verbrachte. Oder in Höhe von 1,22 Meter: So niedrig hing die Dusche, die Josef Fritzl Jahre später anbrachte, als er das Verlies ein wenig „erweiterte“.

Luft gelangte nur durch die undichten Mauern in das Verlies

Ein Ausbau des Verlieses war nötig geworden, weil Josef Fritzl Platz brauchte für die Kinder. Doch das war einige Jahre später. Für die ersten neun Jahre hielt er elf Quadratmeter ausreichend. In diese Zelle lockte er nach den Ausführungen der Staatsanwältin am 29. August 1984 die damals 18 Jahre alte E. unter dem Vorwand, ihm beim Tragen einer Tür zu helfen. Es sollte für 24 Jahre das letzte Mal sein, dass sie das Tageslicht gesehen hat. Im Keller angekommen, betäubte und fesselte er sie mit einer Eisenkette, die er um ihren Bauch wickelte. Ein Brief, angeblich von ihr verfasst, sollte der Außenwelt anschließend weismachen, sie habe sich einer Sekte angeschlossen. Am nächsten Tag habe er sie dann zum ersten Mal im Verlies vergewaltigt (sie soll schon im Alter von 11 Jahren von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sein). Es gab kein Licht, keine Frischluft, kein warmes Wasser, keine Heizung. Luft gelangte nur durch die undichten Mauern in das Verlies. Die Feuchtigkeit war so unerträglich, dass E. immer versuchte, mit Handtüchern das Wasser von den Mauern aufzufangen.

Kommunikation zwischen Vater und Tochter habe es in den ersten Jahren keine gegeben, sagt die Staatsanwältin. Das Leben von E. war von dem immergleichen Rhythmus bestimmt: „Licht aus: Vergewaltigung. Licht an: Schimmel. Licht aus: Er geht.“ Einmal ließ er sie zur Bestrafung 10 Tage ohne Strom. Nur Moder und Dunkelheit. Nicht einmal einen Tee für ihr krankes Baby habe sie kochen können.
Das kam 1989 zur Welt. K., geboren auf einer verschimmelten Matratze. Im Februar 1991, wird der Bruder S. geboren, wieder ein Jahr später L.. Mit neun Monaten, im Mai 1993, holte Josef Fritzl L. „nach oben“. Das Baby legte er auf die Türschwelle seines Hauses, zusammen mit einem Brief, von E. zwangsweise verfasst. Sie lebe immer noch in der Sekte, könne das Kind nicht versorgen. Josef F. und seine Frau nahmen das Kind mit Einwilligung der Behörden auf. Niemand will etwas geahnt haben, dass da etwas nicht stimmen konnte. Seine Ehefrau Rosemarie hat den Keller angeblich nicht betreten dürfen. Er habe sein Büro dort, das sei „tabu“.

„Wie's kommt, so kommt's“

Für E. änderte sich fortan das Leben ein wenig: Licht aus: Vergewaltigung. Licht an: Geburt. Licht aus: Das Kind kommt weg. 1993 erweiterte Josef Fritzl das Verlies um zwei Zimmer. 1994 wurde M. geboren. Im Alter von zehn Monaten holte er auch sie ans Tageslicht, fingierte ebenfalls eine Findelkind-Geschichte. Im April 1996 schließlich brachte E. Fritzl. die Zwillinge M. und A. zur Welt. Während die Zwillinge geboren wurden, saß ihr Vater derweil beim Abendessen mit seinen beiden Enkel-Kindern im Wortsinne, S. und K.. Beide Babys hätten nach der Geburt gelebt, sagte E. Fritzl bei ihren ersten Befragungen. Doch M.s Haut begann sich bald darauf blau zu färben. Er atmete schwer. Die Mutter habe den Vater gedrängt, Hilfe zu holen. „Wie's kommt, so kommt's“, soll er dazu gesagt haben.

Zwei Tage später war das Kind tot. Josef Fritzl habe den Körper dann im Heizofen verbrannt. Nachts, damit die Nachbarn sich nicht wundern, warum im Frühling geheizt wird. Mord durch Unterlassung nennt das die Staatsanwältin am Montag. „Herr Fritzl, ihrem eigenen Fleisch und Blut keine Hilfe zukommen zu lassen. Da sind Sie eindeutig zu weit gegangen.“ Der Angeklagte sagt dazu nichts. Josef Fritzl, den ein Gutachter als voll zurechnungsfähig und gleichzeitig „seelisch abartig“ erklärt hat, sitzt leicht gebückt, mit hellgrauem Haar und hellgrauem Anzug vor der Richterbank. Er wendet den Kopf nicht rechts, nicht links, meidet den Blickkontakt sowohl mit den Geschworenen als auch mit seinem Verteidiger. Zuvor, als ihn sechs Wachen hineinführen, hält er die ganze Zeit einen aufgeschlagenen blauen Ordner vors Gesicht. Mit zitternden Armen harrt er aus mit dem Ordner vor dem Kopf, bis er Dutzende Male fotografiert und gefilmt wurde. Minutenlang stellt ein Reporter des ORF Fragen an den Ordner, hält dem Ordner das Mikrofon hin. Doch der Ordner antwortet nicht.

Mit Gas- und Sprengfallen gedroht

Später, als die Kameras verschwunden sind und er auf Aufforderung der Richterin den Ordner endlich sinken lässt, wird sich Josef Fritzl zum Vorwurf des Mordes durch Unterlassen „nicht schuldig“ bekennen. „Schuldig“ für den Vorwurf der Blutschande. „Teilweise schuldig“ für den Vorwurf der Vergewaltigung. „Schuldig“ für den Vorwurf der Freiheitsberaubung. „Nicht schuldig“ für den Vorwurf des Sklavenhandels, da er seine Tochter wie sein Eigentum behandelt habe, die ihm stets zu Diensten sein musste. „Schuldig“ für den Vorwurf der schweren Nötigung, da er seiner Tochter und den Kindern mit Gas- und Sprengfallen im Falle einer Flucht drohte.

Der 73 Jahre alte Mann wird erzählen, wie er am 9. April 1935 unter ärmlichen Verhältnisse in Amstetten geboren wurde und dort auch aufwuchs, ungeliebtes Kind einer kaltherzigen Mutter. „Sie hat es selbst schwer gehabt“, sagt er dazu, fast entschuldigend. Er absolvierte nach der Hauptschule eine Lehre als Elektrotechniker, schlug sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1956 heiratete er seine jetzige Frau Rosemarie, da war sie 17 Jahre alt. 1957 wurde das erste Kind geboren. „Sie wollte mindestens 10 Kinder haben“, sagt Josef Fritzl vor Gericht. Es sollten sechs werden. Während der sechziger Jahre fuhr Josef Fritzl immer wieder für mehrere Monate auf Montage ins Ausland, mal nach Luxemburg, mal nach Ghana.

Zurück in Amstetten, bewohnte er mit Frau und Kindern das Haus seiner Mutter, die dort ebenfalls lebte. 1968 verbüßte Josef Fritzl eine mehrmonatige Haftstrafe wegen Vergewaltigung, 1971 wurde er Exportleiter einer kleinen Firma. Mit den Kindern mehrte er auch seinen Wohlstand. Immobilien wurden erworben, Gasthäuser gepachtet. 1980 starb seine Mutter. Das Verhältnis sei gut gewesen, sagt er. Eingesperrt habe er zeitweilig auch sie, heißt es von anderer Seite. Während Josef Fritzl das Haus seit Anfang der achtziger Jahre über- und unterirdisch
ausbaute, kümmerte sich seine Frau um die Kinder - und ab 1993 auch um die Findelkinder. Nach M. und L. kam im August 1997 das dritte Kind dazu: der 15 Monate alte A., der überlebende Zwilling. Die Kinder wuchsen „liebevoll betreut“ auf, besagen Berichte von Sozialarbeitern. Sie gingen zur Schule, hatten Freunde und wirkten bei der örtlichen Feuerwehr mit.

Das Schlimmste war die Ungewissheit

Den drei Kindern unter der Erdoberfläche, K., S. und F. (geboren 2003), blieben innerhalb der feuchten Mauern nur der Fernseher, ein Radio und ein Videorekorder. Die Bilder aus Abenteuerfilmen erklärte ihre Mutter ihnen als das Leben auf einem anderen Planeten, womit sie nicht die Unwahrheit sagte. Ihr Planet umfasste nach dem Ausbau 1993 etwa 55 Quadratmeter. Drei kleine Räume, eine Nasszelle, eine Kochnische. Essen und Kleidung brachte Josef Fritzl nach eigenem Gutdünken hinunter - mal mehr, mal weniger. Die Kinder waren oft krank, auch schlimmstes Zahnweh, Fieber und Infekte wurden ausschließlich mit Aspirin oder Hustensaft „behandelt“.

Zu erreichen war das Versteck auf Knien durch einen meterlangen Gang, abgesichert waren die Räume mit drei Türen und einer Stahlwand. Den elektronischen Code kannte nur Josef Fritzl. Das Schlimmste an der Kerkerhaft, sagt die Staatsanwältin, sei die Ungewissheit gewesen. Diese Ungewissheit, ob der Peiniger wiederkomme, wenn er für Wochen zur Kur oder im Urlaub war, ob er den Strom wieder einschalte, ob die Luftzufuhr ausreichen werde, habe E. Fritzl gebrochen. Als es schließlich kaum noch ging, als die 19 Jahre alte K. im Frühjahr 2008 so schwer erkrankte, dass er dem Drängen E.s nachgab und sie am 26. April in ein Krankenhaus brachte, da versuchte er nach Ansicht der Staatsanwaltschaft ein letztes Mal mit allen Mitteln, sein Reich zu verteidigen. Er werde sie alle umbringen, sollten sie etwas erzählen, drohte er ihnen. Dazu kam es nicht mehr. Am 27. April wurde E. Fritzl, die ihr Vater ans Krankenbett ihrer Tochter gelassen hatte, nach einem anonymen Hinweis zur Polizei gebracht.

Dass Josef Fritzl seine Tochter K. ins Krankenhaus gebracht hat, will sein Verteidiger Rudolf Mayer als Beweis seiner Fürsorglichkeit darstellen. „Handelt so ein Sexmonster?“ Wäre es ihm nur um seine Triebe gegangen, er hätte sicher keine Kinder mit E. gezeugt. „Die Kinder hätten dann nur gestört.“ Auch dem Zwillingsbaby Michael hätte er geholfen, wenn ihm der Ernst der Lage nur bewusst gewesen wäre. Schließlich hätte er doch alle Kinder sterben lassen können. Nein, ein Monster handele nicht so wie Josef Fritzl. „Dann mach ich keine Kinder, schaff keine Schulbücher in den Keller, keinen Tannenbaum, sitze nicht mit ihnen beim Abendessen zusammen.“ Die Antwort ist nach Ansicht des Verteidigers einfach: Josef Fritzl hat einfach noch eine Familie haben wollen.

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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