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Interview : „Schuldunfähig ist kaum einer“

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Karl-Heinz Beine Bild: F.A.Z./privat

Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die ihre Patienten töten - Tragödien, für die kaum einer eine Erklärung hat. Ein Interview mit Karl-Heinz Beine, Professor für Psychiatrie am St. Marien-Hospital in Hamm, der das Phänomen „Patiententötungen“ untersucht hat.

          Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die ihre Patienten töten - Tragödien, für die kaum einer eine Erklärung hat. Ein Interview mit Karl-Heinz Beine, Professor für Psychiatrie am St. Marien-Hospital in Hamm, der das Phänomen „Patiententötungen“ untersucht hat.

          Eine Pflegeassistentin hat in einem Altenheim in Wachtberg bei Bonn nach Angaben der Staatsanwaltschaft sechs Patienten getötet. Im vergangenen Jahr wurde ein junger Mann festgenommen, der in Sonthofen 29 Patienten getötet haben soll. Ist eine Zunahme der Fälle von Patiententötungen zu beobachten?

          Das kann man nicht mit Zahlen belegen. Aber solche Taten gibt es in allen westlichen Industrienationen, und die Dunkelziffer ist auch in Deutschland hoch. Nach einer Studie der Gerichtsmedizin Münster kommt auf jedes aufgeklärte Tötungsdelikt mindestens ein unentdecktes. Diese vorsichtige Schätzung zeigt, daß die aktuellen Fälle nur die Spitze des Eisbergs sind.

          Sie haben anhand von Prozeßakten 20 Tötungsserien auf der ganzen Welt untersucht. Was geht in einem Menschen vor, der erst einen Pflegeberuf erlernt und dann zum Mörder an seinen Patienten wird?

          Personen in Gesundheitsberufen haben nicht per se stärkere Nerven oder mehr Mitleid als andere. Aber sie sind großen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt - wofür sie in der Regel gesellschaftlich auch viel Anerkennung und Mitgefühl erfahren, oft hören sie den Satz: "Ich könnte das ja nicht." In diesen Berufen spielt Macht eine große Rolle: Die Abhängigkeit eines Patienten von seinem Arzt oder Pfleger ist groß. Der Patient kann sich von dem Bindeglied "Krankheit" ja nicht selbst befreien. Gleichzeitig sind die Erwartungen hoch, die Pfleger und Ärzte an sich, aber auch an die Patienten stellen. Viele werden schnell mit einem Widerspruch konfrontiert: von ihrer eigentlichen Absicht zu helfen und dem tatsächlichen Leid. Wenn dann dankbare, geheilte Patienten ausbleiben, sind die Erwartungen an die Berufswahl oft nicht erfüllt.

          Gibt es ein psychiatrisches Krankheitsbild, das diesen Tätern zuzuordnen ist?

          Es gibt keine klare Pathologie. Die meisten sind sich ihrer Taten durchaus bewußt. Keiner wurde bisher als schuldunfähig angesehen. Nur sehr selten lagen Persönlichkeitsstörungen vor, die dazu führten, daß ein Täter als "vermindert schuldfähig" eingestuft wurde.

          Was steckt dann hinter den Taten?

          In den meisten Fällen läßt sich eine "projektive Identifikation" beobachten. Ein Pfleger, der tagtäglich mit aggressiven, undankbaren, schwer heilbaren Patienten konfrontiert ist, die seinem Bedürfnis nach Anerkennung durch den Beruf im Wege stehen, vermischt seine eigene Unzufriedenheit mit dem Befinden der Patienten. Es entwickelt sich eine Melange aus seinen negativen Gefühlen und dem Zustand der Opfer. Er unterscheidet dann nicht mehr zwischen eigenem und fremdem Elend. Die meisten wären kaum zu Tätern geworden, wenn sie nicht diesen Beruf erlernt hätten.

          Von den Tätern hört man auf die Frage nach der Motivation ja meist nur ein Wort: Mitleid.

          Und genau dieses Motiv kann in den meisten Tötungsdelikten, die ich untersucht habe, ausgeschlossen werden. Meistens kannten die Täter ihre Opfer nur kurz. Auch die oft brutalen Tötungsmethoden sind mit Mitleid nicht in Einklang zu bringen. Die wenigsten Opfer waren todkrank. Wenn, dann muß man von Selbstmitleid sprechen: Der Täter tötet und glaubt, sich selbst damit von dieser "Last" und dem eigenen Leid zu befreien.

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