07.09.2006 · Das erste Interview mit Entführungsopfer Natascha Kampusch hat Millionen Menschen vor die Fernseher gelockt. FAZ.NET dokumentiert Teile des 40minütigen Gesprächs, in dem die 18 Jahre alte Österreicherin offen über ihr achtjähriges Martyrium sprach.
Das erste Interview mit Entführungsopfer Natascha Kampusch hat Millionen Menschen vor die Fernseher gelockt. FAZ.NET dokumentiert Teile des 40minütigen Gesprächs, in dem die 18 Jahre alte Österreicherin offen über ihr achtjähriges Martyrium sprach.
Sie sind jetzt zwei Wochen in Freiheit. Wie haben Sie diese neue Freiheit erlebt? Was machen Sie die ganze Zeit?
In erster Linie mich von den Strapazen der Flucht erholen. Mich entspannen. Mit meinen Eltern telefonieren. Ich hab' mich gestern und vorgestern schon mit meiner Mutter getroffen. Auch bei der Polizei hab' ich mich schon mit meinen Eltern getroffen. Gestern hab' ich zum ersten Mal meine jüngere ältere Schwester getroffen. Die Sabine. Gestern hat mein Neffe Geburtstag gehabt. Er hat sich gewünscht, daß ich ihn anrufe. Was ich erledigt habe. Obwohl ich so viel zu tun habe.
Sie sind im Stress!
Schon!
Wer sind die Menschen, mit denen Sie am meisten sprechen? Denen Sie am meisten vertrauen?
Ja, also . . . denen ich am meisten vertraue? Hm, ich weiß nicht. Der Dr. Friedrich zum Beispiel. Aber auch die ganzen Psychologen und so, die sich um mich kümmern. Aber hauptsächlich vertraue ich eigentlich meiner Familie. Und auf mich. (. . .)
Sie sind ja jetzt ziemlich von der Außenwelt abgeschirmt. Sie haben in Ihrem Brief auch geschrieben, daß es Ihnen hier sehr gut geht und daß man Sie super gut behandelt. Sie haben aber auch gesagt, Sie fühlten sich vielleicht ein bißchen bevormundet.
Ja, das wollte ich gerade andeuten. Es ist wirklich sehr schwer. Alle Leute wollen einen irgendwie beeinflussen. Sie meinen es zwar gut, aber . . . Die ersten Nächte haben sie versucht, mich dazu zu bringen zu schlafen. Sie wollten am Anfang nicht verstehen, warum ich um vier Uhr in der Früh schon munter bin und mich erst um elf oder so schlafen lege. Aber ich hab' sie davon überzeugt, daß ich das selbst in den Griff bekommen werde. Und ohne Schlafmittel oder sonst irgendwelche Medikamente auskomme.
Sie sind eine Frühaufsteherin?
Ja, sicher.
Was war der erste Wunsch, den Sie sich erfüllt haben?
Hm. Kann sich da irgendwer erinnern?
Ist nicht so wichtig. Es hat wahrscheinlich so viele gegeben.
Ja, schon. Also . . . Es gab sehr viele Wünsche. Der hauptsächliche Wunsch, den ich mir erfüllt habe in den letzten Tagen, ist die Freiheit.
Was ich wissen wollte, weil Sie von der Öffentlichkeit abgeschirmt sind: Waren Sie trotzdem schon draußen? Spazieren? Einkaufen?
Ja. Einkaufen war ich . . . Ich war inkognito Eis essen.
Wie hat dieses Inkognito ausgeschaut?
Ich war mit dem Dr. Berger . . . auf der Währinger Straße. In einem Eissalon. (. . .) Und da haben wir uns einen Eisbecher bestellt. Ich hatte eine Sonnenbrille auf, ein Kopftuch um. Da hat man mich nicht erkannt. (. . .) Wir sind auch mit der U-Bahn gefahren. Und es war toll, die Menschen alle anzulächeln. Und keiner hat mich erkannt!
Haben Sie schon außerhalb des Betreuerteams, das Sie auch ständig umgibt, Freundschaften schließen können?
Ja. Sozusagen auf der Station, wo ich aufgehoben bin, habe ich schon Freundschaften geschlossen. (. . .)
Wie war das erste Wiedersehen mit Ihren Eltern?
Ja . . . Das Komische war, daß meine Eltern sowie sämtliche Verwandten mehr geweint . . . Also sie haben geweint und mich umarmt und gedrückt. Und ich . . . Ich weiß nicht. In dem Moment . . .
Es war ein bissel viel? Emotional?
Ja, schon. Ich hab' mich ein bißchen überfordert und ein bißchen beengt gefühlt durch die . . . durch dieses plötzliche Einfallen. Die Polizisten zum Beispiel. Die haben es ja auch nicht gefaßt. Die wollten mich fast vor Glück zerquetschen! Ja, also . . .
Und Sie brauchen ein bissel, um das zu realisieren?
Ja, sicher. Sicher. Weil . . . Ich meine, nicht so sehr ich, sondern eher die Polizisten. Weil die haben . . . Sie haben mir erzählt, daß sie, ein paar Tage bevor ich floh, noch eine Genehmigung beantragt haben, um nach meiner Leiche zu graben. Und sie haben die Hoffnung schon fast aufgegeben. Dazu muß ich noch sagen: Meine Mutter hat die Hoffnung nie aufgegeben, daß ich noch lebe.
Ich weiß. Und . . . Was ist das jetzt für eine Verbindung? Acht Jahre liegen da dazwischen.
Das liegt bei uns nicht dazwischen. Die Öffentlichkeit meint ja, ich sei kein gutes Kind oder meine Mutter sei keine gute Mutter, weil sie mich nicht bei sich haben möchte. Oder ich sie bei mir haben möchte. Aber bei uns ist es eher so, als wären überhaupt . . . als wäre gar nichts geschehen. (. . .) Ich hab' sogar eine neue Nichte dazubekommen. Sieben Jahre ist sie jetzt. Die kleine Alina. Und ich, ja, ich hab' mich sehr gefreut, daß ich jetzt noch eine Verwandte dazu habe. (. . .)
In diesen zwei Wochen haben Sie sich ja sicher viele Gedanken um Ihre Zukunft gemacht. Was haben Sie für Pläne? Gibt es einen Berufswunsch?
Na ja, konkrete Berufswünsche hab' ich noch nicht. Ich möchte zuerst meine Bildung komplettieren. Und die Matura machen. Und vielleicht studieren. Aber ich weiß noch nicht, was ich studieren möchte.
Irgend jemand hat mir erzählt, daß Sie gerne Schauspielerin werden möchten.
Ja, schon. Aber seien wir uns doch ehrlich! Hollywood ist auch nicht so . . .
Es muß nicht immer Hollywood sein.
Das meine ich ja!
Wir haben auch ein schönes Burgtheater!
Ja, meine Mutter hat immer gesagt: „Wenn du groß bist, kommst du auf die Burg.“
(. . .)Lesen Sie eigentlich alles, was über Sie oder über den Fall Natascha Kampusch in den Zeitungen veröffentlicht wird?
Im Prinzip möchte ich mich nicht mit solchen Verunglimpfungen, Verleumdungen und Demütigungen belasten momentan. Das ist auch zuviel. Ich könnte mir nicht jede Zeitung zu Gemüte führen. Ich hab' so viel zu tun: medizinische Untersuchungen, Gespräche, alles mögliche.
Was sind die Dinge, die Sie am meisten ärgern?
Ja, also zum Beispiel . . . hm . . . so Sachen, die einfach der Unwahrheit entsprechen. Mißbrauch oder . . . Vor allem ärgern mich diese Fotos von meinem Verlies, weil . . . das geht niemanden etwas an. Ich möchte auch nicht in die Wohnzimmer und Schlafzimmer von den Leuten schauen. Warum sollen die Leute dann, wenn sie ihre Zeitung aufschlagen, in mein Zimmer schauen? Das ist schon ein Eingriff in die Persönlichkeit, und ich glaube, das geht einfach niemanden etwas an.
Sie sagen jetzt selber „das Verlies“.
Ja.
Im Brief haben Sie geschrieben, es war „Ihr Raum“.
Na ja. Das hat mir der Dr. Friedrich so vorgeschlagen, um ehrlich zu sein. Es ist ja auch mein Raum. Aber trotzdem: Verlies klingt einfach besser. Weil es kommt dem nahe. Es ist unterirdisch. Ja, und die deutsche Sprache bietet einfach nicht mehr Möglichkeiten.
(. . .) Ist dieses enorme mediale Interesse ein bissel zuviel für Sie?
Was heißt da „ein bissel zuviel“!? Es . . . Ja, schon. Aber auf der anderen Seite ist mir dadurch klargeworden, daß ich durch diese Berühmtheit und, wie Sie gesagt haben, mit dem begehrten Gesicht, daß ich dadurch eine gewisse Verantwortung habe und die auch nützen möchte. Mir ist klargeworden, daß man das nicht einfach so verstreichen lassen sollte. Sondern daß man das auch zu seinem eigenen Vorteil und zu dem Vorteil von vielen Menschen, denen man helfen kann . . . Also ich plane, eine Foundation zu gründen. Wo ich gewisse Hilfsprojekte aufstellen möchte, die sich mit der Thematik von zum Beispiel verschwundenen Leuten, die nie gefunden worden sind, so wie ich . . .
Sie haben gesagt, daß Sie einen Teil der Spendengelder auch für etwas spenden wollen. Was schwebt Ihnen da vor?
Es geht dann auch noch um diese verschleppten, mißbrauchten und gefolterten und ermordeten jungen Frauen, die in Mexiko verschwinden. Da gibt es eine gewisse Gegend, wo sehr viele Frauenmorde passieren. (. . .) Und da möchte ich auch eingreifen. Ich möchte das Geld dazu verwenden, um weitere Fälle zu verhindern. Und ferner plane ich, da ich ja weiß, wie entwürdigend und unmenschlich es ist, andere Leute hungern zu lassen (. . .) Ich möchte ein Programm aufbauen, daß die Leute sich selbst helfen können, den Hunger zu bekämpfen. Sie sollen . . .
Sie haben vorher gesagt, daß Sie aus eigener Erfahrung kennen, was Hunger heißt. Was meinen Sie damit? Wollen Sie uns darüber etwas erzählen?
Ja. Ich habe in meiner Gefangenschaft auch sehr oft gehungert. Und hab' dadurch auch miterlebt, was man da alles hat: Kreislaufbeschwerden, Konzentrationsschwierigkeiten. Man ist nur noch zu den primitivsten Gedanken fähig. (. . .) Jedes Geräusch, jedes Kratzen ist schon so aufreibend und schmerzend. Jeder Gedanke quält sich aus einem heraus. Und ich kann mir vorstellen, daß diese Leute unmenschliche Qualen durchmachen müssen. Und deswegen möchte ich mich dafür einsetzen, daß die zumindest, ja, zumindest daß die Kinder dort was Gutes zum Essen kriegen. Weil das setzt sich auch . . . Ich meine die Intelligenz. Wir tun immer so, als wenn wir so gescheit wären. Aber wenn wir das ganze Essen nicht hätten, dann würden wir auch blöd sein. (. . .)
Sie haben in Ihrem Brief an die Medien symbolhaft geschrieben, er habe Sie auf Händen getragen und mit Füßen getreten.
Ja.
Sie seien aber gleich stark gewesen.
Ja, das war seine Formulierung. Das hat man eh gemerkt, daß das ein bißchen hakt. Ich finde ja eher, daß ich stärker war.
Inwiefern?
Na ja. Er hatte einfach eine labile Persönlichkeit. Ich hatte dadurch, daß ich früher ein sehr gesundes soziales Umfeld hatte, eine - na ja - nicht unbedingt glückliche, aber dafür eine liebevolle Familie. Also beide Eltern haben mir immer wieder glaubhaft versichern können, daß sie mich lieben. Und er hatte so was nicht. Ihm fehlte in gewisser Weise so etwas wie Selbstsicherheit. Und so was. Diese . . . diese Geborgenheit. Das hat ihm gefehlt.
Frau Kampusch, wollen Sie uns erzählen, was an diesem Morgen, dem 2. März 1998, passiert ist?
Ja. Möchte ich. Also ich bin in der Früh aufgestanden. Hab' natürlich noch nicht geahnt, was passiert. Ich war sehr traurig. Es gab am Abend eine Auseinandersetzung mit meiner Mutter. Weil mein Vater mich zu spät nach Hause brachte.
Und das schon öfters vorkam, daß . . .
Ja. Meine Mutter war vordringlich auf meinen Vater böse. Aber irgendwie auch auf mich. Und ich hab' . . . ich war sehr traurig darüber, weil . . . es war nicht der erste diesbezügliche Streit und so. Übrigens: Was mit dieser Auseinandersetzung geschildert wurde in den Medien, daß meine Mutter mir eine Watschen gegeben haben soll, das stimmt nicht. (. . .) Ich war einfach nur so geknickt. Bevor ich aus der Wohnungstür gegangen bin, habe ich mir noch gedacht . . . Meine Mutter hat nämlich diesen Merksatz, daß sie meinte: Man soll nie böse auseinandergehen. Man soll sich immer vertragen. Denn es könnte ja ihr oder mir etwas passieren, und wir sehen uns nie wieder.
Was ja fast passiert wäre.
Und, ja, ich dachte mir an der Tür noch: Mir ist eh bis jetzt nichts passiert. Also vertrag' ich mich zum Trotz jetzt extra nicht mit meiner Mutter. (. . .) Ich bin dann den Schulweg gegangen bis zu dieser (. . .) Melangasse. Und aus einigen Metern Entfernung habe ich ihn schon bei seinem Auto stehen gesehen. Ich dachte mir noch, ich wechsle die Straßenseite. (. . .) Es war mir einfach unangenehm. Was man über diese Kinderverzahrer gehört hat in der Schule. Ich weiß auch nicht, warum. Und dann hab' ich aber dieses Bauchgefühl meiner emotionalen aufgeladenen Stimmung zugeschrieben. Und bin einfach . . . Ich dachte: Der wird dich schon nicht beißen. Und bin einfach weitergegangen. Und er packte mich. Ich versuchte zu schreien. Aber es ist nicht . . . Es kam kein Laut raus. Ja.
(. . .) Hat er da schon mit Ihnen gesprochen?
(. . .) Während des Startens hat er schon gesagt, daß mir nichts passiert oder so, wenn ich das mache, was er sagt. Und daß ich ruhig sein soll. Und mich nicht rühren soll. Und dann, später, also ein paar Minuten später hat er dann schon gesagt, daß es angeblich eine Entführung ist. Und wenn meine Eltern was zahlen, dann könnte ich noch am selben Tag oder am nächsten Tag wieder zu Hause sein.
Haben Sie den Weg dann real mitbekommen? Ich meine . . . Da müssen Sie ja unglaubliche Ängste ausgestanden haben.
Ich hatte vom ersten Moment an eigentlich überhaupt, außer den schlimmsten Befürchtungen, was er mit mir anstellen könnte, keinerlei Angst. Im Gegenteil. Ich dachte mir: Der bringt dich sowieso um. Also kannst du deine letzten paar Stunden, Minuten oder was auch immer noch gezielt nützen, um wenigstens zu versuchen, irgend etwas daraus zu machen. Zu fliehen oder auf ihn einzureden oder so irgendwie.
Haben Sie auf ihn eingeredet?
Na ja. Ich habe ihm gesagt, daß das nichts wird und daß unrecht Gut nie gedeihen wird. Und daß die Polizei ihn schon schnappen wird und so.
Wie war das dann beim Haus? Wollen Sie darüber sprechen?
Ja, also . . . Beim Haus war's dann so, daß ich ihn, weil ich mir dachte, vielleicht kann ich irgendwelche Einzelheiten des Hauses erkunden, vielleicht kann ich irgendwas erkennen, um es später dann der Polizei . . . Ich war zu dem Augenblick, zu diesem Zeitpunkt noch sicher, daß mich die Polizei finden und befreien wird. Und daß das ein gutes Ende haben wird. Nehmen wird.
Wollen Sie beschreiben, wie das war, als Sie das erste Mal den Kellerraum gesehen haben?
Ja, also das erste Mal habe ich den Kellerraum überhaupt nicht gesehen. Weil es dort stockdunkel war. Es war keine Lampe eingeschraubt. Die brachte er erst nach einigen Minuten oder, ich weiß nicht, nach einer halben Stunde. (. . .)
Wollen Sie uns erzählen über die Stille, die dort geherrscht haben muß? (. . .)
Es war ein Ventilator. Ich konnte dieses ewige Geräusch des Ventilators am Anfang überhaupt kaum ertragen. Das ist mir dermaßen auf die Nerven gegangen. Es war furchtbar. Und ich habe beinahe klaustrophobische Zustände bekommen in diesem kleinen Raum und schlug mit Mineralwasserflaschen an die Wände oder mit den Fäusten. Und ja, ich weiß nicht. Auch damit irgendwer mich vielleicht hört oder so. Ich weiß nicht. Es war . . . es war grauenvoll. Und wenn er mich nicht irgendwann einmal rauf ins Haus genommen hätte, damit ich ein bißchen mehr Bewegungsfreiheit hab' . . . Ich weiß nicht, ob ich dann nicht wahnsinnig geworden wäre.
Können Sie sich erinnern, wann dieser Moment war, daß er Sie ins Haus hinaufgenommen hat? (. . .)
Das war nach einem halben Jahr. Da durfte ich dann immer zum Waschen rauf. Also baden im Badezimmer und so. (. . .)
Wie haben Sie sich über die Außenwelt informiert? Was haben Sie mitbekommen?
Am Anfang eben nicht viel. Die ersten zwei Jahre hab' ich keine Nachrichten sehen dürfen. (. . .)
Nach zwei Jahren haben Sie dann Radio bekommen. Was noch? Wie ist das dann weitergegangen?
Na ja, also nach zwei Jahren habe ich einfach die Nachrichten im ORF oder so gehört. Nicht, daß ich mich einschmeichle! Aber . . . Ja, also . . . Zeitungen hab' ich eigentlich am Anfang nur Wochenzeitungen bekommen. Und dann durfte ich schon auch Zeitungen lesen. Er hat's gelesen, ich hab's gelesen. Dann hat er jede einzelne Seite durchgeblättert, ob ich nicht was draufgeschrieben hab'. Das war seine Paranoia. Überhaupt, er hat immer alles kontrolliert. Und untersucht, daß ich ja keine Botschaft schreibe oder so.
Haben Sie Geburtstag, Weihnachten, Ostern gefeiert? (. . .)
Äh . . . Ja. Ich hab' Geburtstag, Weihnachten und Ostern gefeiert.
Haben Sie das auch mit Herrn Priklopil gefeiert?
Ja, sicher hab ich's mit dem Herrn Priklopil gefeiert! Ich hab' ihn dazu genötigt, das mit mir zu feiern. Ja, er hat mir viele Sachen geschenkt. Ostereier oder Weihnachtsgeschenke und so. Schließlich war das einfach . . . Andere Kinder und Jugendliche können sich etwas kaufen. Ich konnte mir dort natürlich nichts kaufen. Und er war offenbar der Meinung, daß er mir wenigstens in dieser Art eine gewisse Entschädigung oder Gleichberechtigung mit den anderen Menschen draußen in der normalen Realität gibt.
Da sagen Sie etwas sehr Interessantes. Glauben Sie, hatte er ein schlechtes Gewissen?
Ja, schon sehr. Sehr. Irgendwie war das so zwiespältig. Ich glaube, er hatte ein sehr starkes schlechtes Gewissen. Aber er versuchte, es massivst zu verdrängen und abzuleugnen. Und gerade das hat sozusagen gezeigt, daß er ein schlechtes Gewissen hat.
Frau Kampusch, Sie haben öfter auch mit Herrn Priklopil das Haus verlassen.
Ja.
Wie war das? Wie hat er sich da verhalten?
Na ja, er war sehr vorsichtig. Ist kaum von meiner Seite gewichen. Hat jedesmal panikartige Zustände bekommen, wenn ich auch nur drei Zentimeter von ihm entfernt gestanden bin. Er wollte immer, daß ich vor ihm gehe und nie hinter ihm. Damit er mich immer im Auge behalten kann. Und ich konnte mich keiner Menschenseele anvertrauen. Weil er drohte mir immer damit, daß er . . . daß er den Menschen etwas antun würde, wenn ich etwas sage. Daß er sie umbrächte. Jeden Mitwisser sozusagen beseitigen würde. Und das konnte ich nicht riskieren. (. . .)
Als Sie das Haus verlassen haben. Sie haben ja Menschen getroffen.
Ja, genau.
Wie war das, wenn Sie denen in die Augen geschaut haben?
Ja, beispielsweise die netten . . . Diese netten Verkäufer im Baumarkt zum Beispiel. Die einen dann so fragen: Kann ich Ihnen vielleicht helfen? Und ich steh' da so panikartig und verklemmt und mit Herzklopfen und Kreislaufproblemen dort. Und kann mich kaum rühren. Und ich muß dann so hilflos zuschauen, wie der den Verkäufer abwimmelt. Und hab' gerade noch die Möglichkeit, den Verkäufer anzulächeln, weil er so freundlich ist. Ich meine, der weiß das ja nicht. Und . . . ja. Es ist . . . Ich hab' nämlich immer versucht, ein bißchen so zu lächeln, wie ich auf den Fotos ausschaue, damit die Leute sich an mein Bild erinnern. (. . .)
Was war dann am Tag der Flucht anders als sonst? Wo Sie sich immer so bedroht gefühlt haben?
Ich wußte in dem Moment, wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie mehr wieder. Ich hab' geschaut. Er hat sich umgedreht. Ich hab' ihm in den Monaten davor auch schon gesagt: Ich kann so nicht mehr leben. Ich werde sicherlich versuchen, von dir zu fliehen. Und . . . Ja, ich dachte mir: Wenn nicht jetzt . . . Ich hatte auch eine irrsinnige Sorge, seiner Mutter und seinen näheren Freunden und Nachbarn und Bekannten ihr Weltbild zu ruinieren. Und zu zerstören. (. . .) Sie wissen eh, er war sozusagen der nette, hilfsbereite Typ. Immer freundlich, immer korrekt. Ich wollte das auch seiner Mutter nicht antun, daß sie diese andere Seite von ihrem Sohn kennenlernt. (. . .) Und es tut mir auch jetzt irrsinnig Leid für die Frau Priklopil. Daß dieses Bild sozusagen zerstört ist. Und sie hat ihren Glauben an die Welt verloren an diesem Tag. Und ihren Glauben an ihren Sohn. Und ihren Sohn auch. Und der Herr Priklopil hat an diesem Tag sowohl mich . . . Ich war mir ja völlig bewußt, wie ich geflohen bin, daß ich damit auch ihn zum Tode verurteile, weil er mir immer mit Selbstmord drohte. Er hat sowohl mich als auch den Herrn, der ihn zu dem Bahnhof fuhr, und auch den Schnellbahnschaffner indirekt zu Mördern gemacht.
Wie haben Sie es gelernt, in diesen acht Jahren mit dieser Einsamkeit umzugehen?
Ja, also ich war nicht einsam. In meinem Herzen war meine Familie. Und glückliche Erinnerungen waren immer bei mir. Und ich hab' mir eines Tages geschworen, daß ich älter werde, stärker und kräftiger, um mich eines Tages befreien zu können. Ich hab' sozusagen mit meinem späteren Ich einen Pakt geschlossen. Daß es kommen würde und das kleine zwölfjährige Mädchen befreien würde.
Das war immer Ihr Traum während dieser acht Jahre? Von was haben Sie denn da geträumt?
Nein, ich habe eher so Gedanken, was mir alles entgangen ist: der erste Freund, alles mögliche. Ich hab' versucht, beispielsweise immer besser zu sein als die Leute draußen. Oder mit ihnen gleichzuziehen. Vor allem was die Schulbildung betrifft. Ich hatte immer das Gefühl, daß ich ein sehr starkes Defizit habe. Einen Mangel. Und das wollte ich immer irgendwie ausgleichen. Und deswegen habe ich versucht, mir Wissen anzueignen. (. . .)
Was sind Ihre Träume?
Na ja. Jetzt sind wir wieder bei diesen Träumen!
Möchten Sie die Welt sehen?
Ja, ich möchte reisen. Ich möchte reisen. (. . .)
besserwisser
Vanessa Weber (weber2109)
- 08.09.2006, 18:36 Uhr
Sehr geehrter Herr Beiert,
Geigle Annette (AGeigle)
- 18.09.2006, 00:32 Uhr