Home
http://www.faz.net/-gus-t1l2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Internetkriminalität Die Bombe aus dem Netz

03.08.2006 ·  Anleitungen für Sprengsätze sind im Internet leicht zu finden. Die Inhaltsstoffe für eine Bombe gibt es im Baumarkt oder in der Drogerie. Und die Staatsanwaltschaft muß zuschauen: Bombenanleitungen ins Netz zu stellen ist legal.

Von Timo Frasch und Bernhard Koch
Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (1)

Irma Lerch weiß von nichts. Die zweiundsiebzigjährige Frau aus Leinfelden besitzt keinen Computer und hat keine Erfahrung mit dem Internet. Daß eine Website, auf der man Bombenbaupläne studieren kann, auf ihren Namen angemeldet ist, beunruhigt sie kaum. „Ich hab' noch nie etwas im Internet gekauft. Das muß ein Fehler sein.“ Vom Bombenbauen verstehe sie nichts. Man solle ihren Namen bitte löschen.

Es ist nicht schwer, eine Internetseite unter falschem Namen anzumelden. Aus Kostengründen wird häufig das gesamte Anmeldeverfahren über Mail abgewickelt. Manchmal genügt den Unternehmen für das „Hosting“, also die Anmeldung der Seite und die Speicherung der Daten, eine bloße Plausibilitätsprüfung: Gibt es diese Straße in dieser Stadt?

„Betreten“ sei verboten

Die Adresse von Irma Lerch wurde offenbar gezielt ausgewählt. Die Seite, die nun die ihre sein soll, ist ein Meisterwerk der Tarnung. Denn das, worauf es dem Nutzer ankommt, ist nur über Links zu anderen Seiten zu erreichen. Die Eingangseite füllen nur vermeintliche Haftungsausschlüsse und der Hinweis, daß die Inhalte nur zur privaten Nutzung vorgesehen sind. Das „Betreten“ sei verboten.

Diese Bannsprüche schützen nicht - und sollen es auch nicht. Denn Inhalte ins Internet zu stellen heißt, sie zu veröffentlichen. Der Autor der Seite hat ausdrücklich den Wunsch, die „größte deutsche Sammlung“ zu Sprengstoffen und Pyrotechnik bereitzustellen. Sie enthält genaue Angaben zu den Gemischen, die für verschiedene Bombentypen benötigt werden, als auch zum Bau von Zündern und zur Beschaffung der Materialen, die jeweils benötigt werden.

Keine schlafenden Hunde wecken

Das Bundesinnenministerium sieht nur bei einem geringen Teil der Straftatbestände mit Spreng- und Brandvorrichtungen einen Bezug zu solchen Bauanleitungen aus dem Netz. In der Vergangenheit hätten sich diese Art von Bombenbauanleitungen in Deutschland eher als Problem in der Szene jugendlicher Bastler dargestellt.

National sei das Problem wegen der Struktur des Internets ohnehin nur begrenzt zu lösen. Auch von der Seite, die vermeintlich Irma Lerch gehört, wird über Links sofort auf andere verwiesen, die auch im Ausland gespeichert sind. Das Bundesinnenministerium hofft auf bessere internationale Zusammenarbeit und die Selbstkontrolle der Online-Wirtschaft. Bundeskriminalamt und Landeskriminalämter halten sich beim Thema der Bombenbaupläne im Internet bedeckt: Man will auch keine schlafenden Hunde wecken.

Geräuschlose Anwendung einer Handgranate

Um so offener geht es in den einschlägigen Internet-Foren zu. „Andreas“ fragt, ob ihm jemand „einen Buchtip für ein Buch so wie ,The Anarchist Cookbook' geben könnte, also mit Waffen, Sprengstoff, Selbstverteidigung und vielleicht Drogen und das ganze auf deutsch.“ „Pittbullix“ sucht nach „dem Rezept zur Bombe“. Er wolle es zu Silvester einfach mal richtig krachen lassen, schreibt er im April.

Auf den Chat kommt man über eine Seite, auf der es Anleitungen aller Art gibt: zum Kochen, zum Basteln, überhaupt für den Haushalt. Auf anderen Seiten ist der Bezug zu extremistischen oder zumindest militaristischen Kreisen offensichtlicher: „Generalmajor Nikita“ fragt nach der geräuschlosen Anwendung einer Handgranate. „Sprengmeister“, offenbar eine Frau, schreibt ihm zurück: „Beim Zünden von Abreißzündern in Stielhandgranaten dürfte es außer einem leisen Zischen keine Geräusche geben.“

Grundkurs Chemie

Die Internetbenutzer geben sich als Fachleute. Wenn sie selbst nicht mit ihren Kenntnissen am Ende sind, können sie zumindest auf weiterführende Literatur verweisen. Zum Beispiel auf „Der kleine Sprengmeister“, gewissermaßen das Standardwerk der Szene, das immer wieder vom Netz genommen wurde - bevor es unter neuer Adresse wieder zugänglich gemacht wird. Man muß nicht sonderlich gewieft sein, um ihn sich zu besorgen. Auch das Bauen von Bomben ist offenbar mit dem Wissen eines Grundkurses Chemie machbar.

„Das reicht zumindest, um es richtig knallen zu lassen“, sagt Michael Göbel von der Arbeitsgruppe anorganische Molekularchemie der Universität München. Schwieriger sei es schon, eine „sophisticated bomb“ zu bauen, die leicht ist, wenig Platz wegnimmt und dennoch große Wirkung entfaltet. Aber auch dafür ist im Internet gesorgt. Für komplexere Sachverhalte wird man dort auf einen amerikanischen Autor verwiesen, der Werke wie „The preparatory manual of explosives“ oder „The preparatory manual of chemical warfare agents“ publiziert hat. Seinen Verlag aus Columbus in Ohio gibt es mittlerweile nicht mehr. Er hieß „paranoid publications“.

Elf Liter Butangas

Den Anbietern der Ratschläge ist gemein, daß sie jede Haftung für Folgeschäden ausschließen. Sie wissen, warum: Nach Angaben des Bundesinnenministeriums ist es zwar zulässig, Bombenbauanleitungen ins Netz stellen, strafbar ist es jedoch, ausdrücklich zu einer Straftat aufzufordern. Auch der Besitz vieler Chemikalien ist legal, sofern sie nicht zur Herstellung von Sprengstoffen verwendet werden.

Hinzu kommt, daß man fast alles Notwendige ganz banal im Baumarkt oder in der Drogerie kaufen kann: Mit den Stoffen, die etwa im Sprengstoff TATP enthalten sind, färben sich die einen ihre Haare blond, die anderen putzen damit ihr Auto. Wenn man sie mischt, kann man damit eine U-Bahn in die Luft sprengen. Wie im vergangenen Jahr in London und bei vorherigen Anschlägen: TATP war bei Terroristen lange insbesondere für Anschläge auf Flugzeuge verwendet worden, weil er bei der Gepäckkontrolle nicht entdeckt werden konnte.

Die Bomben, die am Mittwoch in Dortmund und Koblenz gefunden wurden, waren einfach gebaut, in Dortmund fand man in einem Koffer elf Liter Butangas, ein Benzingemisch und einen Wecker. „Das Gas kann man leicht bekommen“, sagt Göbel. „Und um zu wissen, wie man daraus eine Bombe macht, reicht es, einmal zu googeln.“

Quelle: F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 7
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge