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Immendorff-Prozeß Der Koks und die Partys

20.07.2004 ·  Einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart steht vor Gericht. Nicht die „erotische Inszenierung“, für die er in einem Luxushotel neun Prostitutierte angefordert hatte, sondern das Kokain, das dabei im Spiel war, interessiert das Gericht.

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Die Razzia vor elf Monaten glich einem Paukenschlag: In einem Düsseldorfer Luxushotel erwischt die Polizei einen der bedeutendesten deutschen Künstler beim ausschweifenden Gelage mit neun Prostituierten und jeder Menge Kokain. Als Immendorffs 30 Jahre jüngere Frau von einer Auslandsreise zurückkehrte, war der Skandal bundesweit Gesprächsstoff. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Maler Drogenbesitz und die leichtfertige Weitergabe von Kokain vor.

Vor dem Düsseldorfer Landgericht, wo der Fall seit Dienstag verhandelt wird, muß sich der Künstler einer peinlichen Befragung unterziehen. „Wie kam es dazu? Sie waren doch gerade frisch verheiratet und hatten ein Kind?“ zeigt sich Richter Schuster überrascht. Und weiter: „Hatten sie früher schon Kontakt zu Prostituierten?“ Als der Anwalt des Künstlers einschreiten will, wird er vom Richter zurückgepfiffen. „Es geht mir nicht um die Ausbreitung von sexuellen Einzelheiten. Das Ganze ist nur wichtig, weil Sie mit Koks durch die Lande gezogen sind. Die beiden Sachen sind untrennbar miteinander verbunden“, gibt Richter Schuster zurück.

Niederschmetternde Diagnose

Der Maler schildert, wie er vor zehn Jahren „aus leichtsinniger Neugier“ die Partydroge in Clubs auf der Düsseldorfer Königsallee ausprobiert hat. Vor fünf Jahren habe sich die Bedeutung des weißen Pulvers für ihn aber völlig verändert. Nach der niederschmetternden Diagnose, an der Nervenkrankheit ALS unheilbar erkrankt zu sein und in wenigen Jahren einem Tod durch Ersticken entgegen sehen zu müssen, hätten ihn „extreme Angstschübe“ geplagt. Allmählich sei er „zum Krüppel geworden“, sagt Immendorff. Kokain sei sein Mittel gegen die Panikattacken, aber auch sein Instrument zum Stillen seiner „Lebensgier“ geworden.

Mal drei, mal fünf, mal zehn Gramm habe er gekauft, sich in Hotels eingemietet, Prostituierte bestellt und sich mit Kokain, Pornofilmen und Alkohol „über meine körperlichen Gebrechen hinweggetäuscht und euphorisiert“. Das Kokain habe er in einen Aschenbecher geschüttet und dann mit Strohhalmen oder Geldscheinen geschnupft. Er habe sich dort „sexuell amüsieren wollen“, räumt Immendorff ohne Zögern ein. Es sei eine „erotische Inszenierung“ ohne Geschlechtsverkehr gewesen. Zur Unterstützung hätten Pornofilme, Alkohol und das Kokain beigetragen. „Meine Familie war die eine Seite, meine Lebensgier eine andere.“

Entlassung droht

Was die Strafverfolger mehr interessierte als das außereheliche Treiben des Künstlers, war das in der Suite auf einem Silbertablett in Linien ausgebreitete weiße Pulver: Kokain. Bei einer sofort eingeleiteten Durchsuchungsaktion stießen die Fahnder auch in Immendorffs Wohnung und in seinem Atelier auf die Droge: insgesamt 21,6 Gramm. Besonders unangenehm für Immendorff: Der Wirkstoffgehalt lag über der Menge, die das Strafrecht noch als Konsumentendosis einstuft. Die Mindeststrafe liegt bei einem Jahr Haft - und damit über dem, was das Beamtenrecht als Gesetzesverstoß toleriert. Dem Beuys-Schüler droht - wie schon Beuys selbst - die Entlassung aus der Kunstakademie, verbunden mit dem Verlust seiner Professur und der Pensionsansprüche.

Seine Frau hält zu ihm

Doch ganz gleich, wie der Prozeß auch ausgeht: Immendorff und seine junge Ehefrau Oda Jaune wollen offenbar zusammenhalten. Er wolle sich für sein Verhalten vor niemandem rechtfertigen außer vor seiner Familie, ließ der Maler schon im vergangenen Sommer wissen. „Ich liebe meine Frau, und ich liebe mein Kind.“ Dies sei „ein Punkt, wo ich wirklich auch Scham empfinde“, gestand der Maler. „Das andere ist privat.“

Daß Immendorff weiter auf die Unterstützung seiner gut 30 Jahre jüngeren Ehefrau bauen kann, machte diese zuletzt im Frühjahr deutlich. Sie sehe die Affäre heute nicht mehr als Verletzung, „sondern als Prüfung“, erklärte sie in einem Interview. Zwar habe sie nicht vor, während der Verhandlung gegen ihren Mann im Gerichtssaal zu sitzen. „Trotzdem stehe ich meinem Mann bei“, versicherte die ehemalige Schülerin des Künstlers und nannte als Grund auch seinen schlechten Gesundheitszustand: „Das, was mein Mann mir angetan hat, verblaßt eben der gewaltigen Krankheit.“

Gutachter: Immendorff ist todkrank

Er bedauere seine Tat, sagt Immendorff. Schon jetzt spüre er die Folgen. So sei er vorübergehend von der Kunstakademie suspendiert worden. Es habe Erpressungsversuche gegeben und er sei bestohlen worden. Die Ausübung seiner Lehrtätigkeit sei für ihn extrem wichtig, sie sei für ihn eine „Überlebensdimension".

Im Prozeßverlauf wird auch ein Gutachter zu der Erkrankung von Jörg Immendorff befragt. „Immendorff leidet im fortgeschrittenen Stadium an der Nervenkrankheit ALS. An der Diagnose besteht kein Zweifel“, sagte der Neurologe Prof. Johannes-Richard Jörg vor Gericht. ALS sei die schwerste Erkrankung in der Neurologie. „Irgendwann versagt die Atemmuskulatur. Man muß mit den Patienten über das Sterben reden“, sagte der Mediziner. Der Prozeß wurde daraufhin auf Bitten Immendorffs unterbrochen.

Das Urteil in dem Prozeß wird Ende August erwartet.

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