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Organspende-Skandal : Des einen Leben ist des anderen Tod

Heikles Gut: Kommen Spenderorgane immer beim Richtigen an? Bild: dpa

Der erste Prozess um die betrügerische Vergabe von Organen geht zu Ende. Ein Arzt muss sich verantworten, weil er den falschen Menschen das Leben gerettet haben soll. Mit ihm steht ein System vor Gericht, das an vielen Stellen krankt.

          Man kann die Geschichte von Irina F. in zwei Varianten erzählen. Die erste beschreibt ihre eigene Perspektive, und sie erzählt von einem kleinen Wunder. Die junge Mutter von zwei Kindern trinkt sich mit viel Wodka die Leber kaputt. Sie wird erst gelb, dann dick vom vielen Wasser im Bauch, schließlich bereitet sie sich auf den Tod vor. Doch dann findet sie einen Arzt, der ihr eine Spenderleber besorgt. Ihr geht es gut, auch fünf Jahre später noch. Ihr Arzt – ein Held.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die zweite Variante der Geschichte beschreibt die Perspektive der Staatsanwaltschaft, und sie erzählt von einem Verbrechen. Weil Irina F. jeden Tag eine Flasche Wodka trinkt, hat sie kein Spenderorgan verdient. Dass sie jung ist und gute Überlebenschancen hat, spielt keine Rolle, auch ihre zwei Kinder nicht. Nur dass es viele andere Patienten gibt, die auch ein Organ brauchen und, weil sie nicht trinken, vielleicht besser darauf aufpassen. Dass Irina F. lebt, ist demnach ein Skandal. Ihr Arzt – ein Krimineller.

          Der Arzt in dieser Geschichte heißt Aiman O. und soll die zentrale Figur im Transplantationsskandal sein,  der das Landgericht Göttingen seit fast zwei Jahren beschäftigt. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig wirft dem Mediziner vor, in elf Fällen gelogen und betrogen zu haben, um seinen Patienten Spenderlebern zuzuschustern. Er soll Blutwerte verändert und Dialysen erfunden haben, um sie kränker erscheinen zu lassen als sie waren. Und er soll bewusst verschwiegen haben, dass manche von ihnen – wie Irina F. – nicht seit sechs Monaten trocken waren, wie es die Bundesärztekammer vorschreibt. Patienten in anderen Häusern sollen deshalb länger als nötig auf ein rettendes Organ gewartet haben und womöglich gestorben sein.

          Mehr als 100 gehörte Zeugen

          Es war ein großer Prozess. Wenn das Gericht an diesem Mittwoch sein Urteil verkündet, ist das der 65. Verhandlungstag.  Aber auch nach gut 100 gehörten Zeugen ist die Lage in vielerlei Hinsicht verworren. Am Ende sehen sich jedenfalls beide Parteien bestätigt, was aber nicht verwundert. Selbstzweifel kennen in diesem Verfahren weder die Anklage, noch die Verteidigung: Oberstaatsanwältin Wolff, eine Korruptionsexpertin, die schon den VW-Skandal vor Gericht brachte, und Anwalt Steffen Stern, ein vielfach bewanderter Fachmann für Strafrecht. Wolff fordert vergangene Woche in ihrem Plädoyer acht Jahre Haft und bringt den Vorwurf auf die Formel: „Er hat selektiert, er hat Gott gespielt.“ Stern fordert zwei Tage drauf einen Freispruch, weil das Verfahren keine Beweise gegen seinen Mandanten erbracht habe – und überhaupt der ganze Prozess nur ein „Experiment“ der Staatsanwaltschaft sei.

          Bei aller Polemik, die dem Verteidiger zu eigen ist: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig weiß selbst, dass sie mit ihrer Anklage juristisches Neuland betritt. Noch wurde kein vergleichbarer Fall vor einem Gericht verhandelt; der Gesetzgeber hat die Manipulation von Wartelisten erst nach diversen Skandalen zur Straftat erklärt. Doch die Anklage will in Göttingen  Tatsachen schaffen. Ursprünglich ermittelte sie wegen vollendeten Totschlags, scheiterte aber daran, die benachteiligten Patienten, die gestorben sein sollen, beim Namen zu nennen. Deshalb lautet die Anklage auf versuchten Totschlag. Um mit diesem Konstrukt erfolgreich zu sein, muss die Staatsanwaltschaft nachweisen, dass Aiman O. den Tod anderer Patienten billigend in Kauf nahm. Einfach ist das nicht.

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