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Höxter-Prozess : Frei von Gefühl und Mitleid

„Je mehr ich mich gewehrt hätte, umso mehr hätte ihn das angespornt“: Angelika W. am Mittwoch vor Gericht in Paderborn. Bild: dpa

Der Prozess um das Horror-Haus von Höxter in Paderborn erlaubt einen Blick auf das Seelenleben der 47 Jahre alten Angeklagten. Sie präsentiert sich als naive Frau vom Lande. Kann man ihr das glauben?

          Dann hab ich gesagt: Du musst ihn umbringen“, erklärt Angelika W. mit so ruhiger Stimme, als habe sie bei Tisch mal eben nach dem Salzstreuer gefragt. Es ist der einzige Moment an den bisher zwei Sitzungstagen im Paderborner Landgericht, in dem man sich fragt, ob diese Frau vielleicht doch nicht so harmlos ist, wie sie sich gibt. Richter Bernd Emminghaus hatte sie, die sich zu einer Aussage bereiterklärt hatte, gefragt, was es mit einem Schäferhund auf sich hatte, der in dem Horror-Haus am Saatweg in Höxter-Bosseborn zu Tode gekommen war. Und Angelika W. erzählt völlig emotionslos, dass Wilfried W. den Hund nicht mehr habe haben wollen, „der hatte den ganzen Tag nicht gehört, obwohl der eigentlich lieb war und gut erzogen.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So habe sie vorgeschlagen, ihn laufenzulassen, aber ihnen sei beiden klar gewesen, dass er zu ihnen zurückkommen würde. Daher habe sie also die Tötung ins Spiel gebracht, aber Wilfried W. habe gesagt, er könne den Hund nicht töten, sie solle das machen, und ihr ein Luftgewehr gegeben. „Ich fühlte mich herausgefordert, also schoss ich auf den Hund.“ Der Hund sei aber nicht gestorben, sondern habe blutend und winselnd im Badezimmer gelegen und zu ihr hochgesehen. Und da habe Wilfried W. ihm mit einem Brotmesser die Kehle durchgeschnitten.

          Fast eine Wohnzimmeratmosphäre im Gerichtssaal

          Es sind Beschreibungen wie diese, vorgetragen mit äußerster Ruhe und ohne erkennbare Regung, die, wie der Zipfel einer gelüfteten Bettdecke, einen Blick auf das Seelenleben der 47-Jährigen freigeben, die von sich selbst ansonsten das Bild einer gutgläubigen und keinesfalls aggressiven Frau zeichnet. Mit rotbrauner Ponyfrisur, eckigem Kiefer, weichen Wangen und deutlich sichtbarem Übergewicht sitzt sie auf der Anklagebank.

          An deren anderem Ende hängt der ebenfalls übergewichtige Wilfried W. locker und entspannt in seinem Sessel – ein großer, imposanter Mann mit eckiger dunkler Brille, nicht unseriös wirkend und so gar nicht wie die Bestie, als die manche Journalisten ihn bezeichnet haben. Alles in allem fast eine Wohnzimmeratmosphäre also, wären da nicht die grauenhaften Details, die Staatsanwalt Ralf Meyer in seiner Anklageschrift aufgelistet hat.

          Richter Bernd Emminghaus fragt das Naheliegende: Wie es dazu kommen konnte, dass sich Angelika W. in Wilfried W. verliebte?
          Richter Bernd Emminghaus fragt das Naheliegende: Wie es dazu kommen konnte, dass sich Angelika W. in Wilfried W. verliebte? : Bild: dpa

          Grausam und aus niedrigen Beweggründen soll das geschiedene Paar zwei Frauen getötet und mehrere andere misshandelt haben. Zuvor hatten sie diese Frauen jeweils mit Hilfe von Kontaktanzeigen, in denen sich Wilfried W. als Single ausgab, zu sich gelockt. Dabei achteten sie darauf, dass die Frauen möglichst wenig soziale Kontakte hatten – weil sie so niemand vermissen würde. Waren die Frauen erst mal bei ihnen eingezogen, sollen sie den Willen der Frauen „gefühl- und mitleidlos“ durch psychischen Druck und physische Gewalt gebrochen haben, so dass Wilfried W. „die Lebensführung der Frau in allen Bereichen kontrollierte und die Frau ihm wie eine Leibeigene in jeglicher Weise zur Verfügung stand“.

          Die Aufzählung der Martyrien umfasst zehn DIN-A4 Seiten

          Die Aufzählung der Martyrien, die die Frauen durchlitten, umfasst zehn DIN-A4 Seiten. So habe das Paar das erste Opfer, Anika W., im Juli 2014 in einer Badewanne im Keller des Hauses schlafen lassen, und zwar so, „dass sie auf dem Bauch in der Wanne liegen musste und ihr rechter Arm und ihr rechtes Bein sowie ihr linker Arm und ihr linkes Bein hinter dem Rücken jeweils mit Handschellen gefesselt worden sind“.

          Das Horror-Haus aus der Vogelperspektive.
          Das Horror-Haus aus der Vogelperspektive. : Bild: dpa

          Wenn sie sich in der Wanne eingekotet habe, sei sie kalt abgeduscht worden. Einmal habe Angelika W. die Wanne auch volllaufen lassen und gegenüber Wilfried W. geäußert: „Die ersäuft jetzt.“ Wilfried W. sei dann aber in den Keller gegangen und habe die bereits bewusstlose Anika W. aus der Wanne gezogen.

          Auch das zweite Opfer, Susanne F., die Anfang 2016 in das Haus einzog, erlitt ähnliche Qualen. Beide Frauen starben schließlich stark geschwächt und körperlich fast schon zugrunde gerichtet an den Folgen von Stürzen, die die W.s hervorgerufen oder nicht verhindert hatten.

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