http://www.faz.net/-gum-8x44l

Anschlag auf BVB-Bus : Um 5.30 Uhr klingelte die GSG 9

Polizeieinsatz in Rottenburg am Neckar zur Festnahme des Täters im Fall des Sprengstoffanschlags auf den BVB-Mannschaftsbus Bild: dpa

Der Mann, der den Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verübte, hat die Tat sorgfältig geplant – und doch viele Fehler gemacht. Am Nachmittag wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen.

          Die Einheit der GSG 9 der Bundespolizei kam gegen 5.30 Uhr in den Rottenburger Fasanenweg. Es ist ein gutes Wohnviertel in der baden-württembergischen Kleinstadt südlich von Tübingen, der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart wohnt nicht weit entfernt. Die Spezialeinsatzkräfte drangen zunächst in ein langgestrecktes Haus mit blauen Fensterrahmen ein.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am Briefkasten stehen elf Namen einer türkischstämmigen Großfamilie. Der 18 Jahre alte Murat und sein Onkel waren schon wach. „Die waren aggressiv, die haben nach einem Sergej gefragt, entschuldigt haben sie sich auch nicht“, sagt Murat. GSG-9-Beamte haben für Höflichkeitsgesten keine Zeit, wenn es darum geht, den Attentäter auf den Mannschaftsbus des BVB festzunehmen. Zum Missfallen der Generalbundesanwaltschaft hatte auch schon ein großes Boulevardblatt von der großangelegten Fahndungsaktion des Bundeskriminalamtes Wind bekommen. Beim Zugriff hatten die Fotografen die Teleobjektive schon ausgepackt.

          Den mutmaßlichen Attentäter trafen die GSG-9-Beamten dann in Haus Nummer 5 an. Der 28 Jahre alte Mann ist nicht in Rottenburg gemeldet. Er hatte sich in dem gut sanierten Zweifamilienhaus offenbar ein Zimmer gemietet. Im Erdgeschoss wohnt eine junge Frau, sie will mit dem Mann nichts zu tun gehabt haben. Das Gerücht, sie sei auch Russlanddeutsche, erweist sich als falsch. In der Wohngegend verdienen sich viele Familien mit Airbnb etwas dazu. Deshalb kennt im Fasanenweg auch kaum jemand Sergej W. Ein paar Jungs wollen ihn mal auf dem Sportplatz gesehen haben. Andere wiederum berichten, dass sein rotes Auto öfter vor dem Haus gestanden habe.

          Öffnen
          Bombenanschlag : Der Anschlag in Dortmund Bild: Luftbild: Google Maps/Texte kai./F.A.Z.-Bearbeitung sie

          Verhaftet wird der Mann mit einem deutschen und einem russischen Pass auch nicht in Rottenburg, sondern offenbar auf dem Gelände eines Heizkraftwerks in Tübingen, wo er als Elektrotechniker gearbeitet haben soll. Am Nachmittag wurden gegen den Mann Haftbefehl erlassen. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

          Die Tat ist ein in der deutschen Kriminalgeschichte neues Phänomen, das eher an einen Plot aus der Kriminalliteratur erinnert. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger spricht am Freitagnachmittag von einer bisher noch nicht gesehenen „außerordentlichen Motivlage“. Nach Erkenntnissen der Ermittler verfolgte der mutmaßliche BVB-Attentäter, anders als zunächst angenommen, keine extremistischen Motive. Vielmehr wollte der Russlanddeutsche allem Anschein nach aus reiner Gier möglichst viele Spieler und Betreuer des BVB töten, als sie am Abend des 11. April von ihrem Mannschaftshotel „L’Arrivée“ zum Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco aufbrachen.

          Der Täter plante sein Vorgehen minutiös

          Sein Plan: Nach einem infernalischen Anschlag auf die Mannschaft würde der Kurs des einzigen am Aktienmarkt notierten deutschen Bundesligavereins massiv einbrechen. Eben darauf hatte er mit einem Put-Optionsschein wenige Stunden vor der Tat gewettet – und mit einem fetten Gewinn gerechnet.

          Sergej W. plante seine Tat minutiös: Der Elektrotechniker kundschaftete die Abläufe der Mannschaft vor einem Spiel aus und konstruierte drei aufwendige Sprengsätze, die er am Abend des 11. April laut Bundesanwaltschaft „zeitlich optimal“ separat voneinander per Funk zündete. Es war eine regelrechte Sprengfalle, wie man sie sonst eher von Terrormilizen oder Guerrillakämpfern kennt.

          Nach Bus-Attacke : Erleichterung nach Festnahme des mutmaßlichen BVB-Attentäters

          Unter anderem weil einer der Sprengsätze nicht seine volle Wirkung entfaltete und der Bus die Sprengfalle zum Zeitpunkt der Detonationen zudem schon weitgehend passiert hatte, kam es aber nicht zu dem von W. geplanten großen Blutvergießen. Am Tatort hinterließ W. drei gleichlautende Bekennerschreiben, mit denen er den Eindruck erweckte, es handle sich um den Beginn einer dschihadistischen Anschlagsserie.

          Weitere Themen

          Waffenhändler verurteilt, Nebenklage nicht zufrieden Video-Seite öffnen

          Prozess zum Münchner Attentat : Waffenhändler verurteilt, Nebenklage nicht zufrieden

          Das Oberlandesgericht München hat den Angeklagten Philipp K. zu sieben Jahren Haft verurteilt, da er die Mordwaffe dem Attentäter von München verkauft hatte. Sein Verteidiger sieht das Urteil kritisch, da zu viel in seinen Mandanten hinein projiziert worden sei. Der Nebenklage ist dieses Urteil dagegen nicht genug, sie will in Revision gehen.

          Kiloweise Kokain in Ananas Video-Seite öffnen

          Schlag gegen Drogenschmuggel : Kiloweise Kokain in Ananas

          Die Ananas sahen ganz normal aus, aber in ihnen drin steckte kein Fruchtfleisch mehr. Stattdessen fanden portugiesische und spanische Ermittler kiloweise Kokain. Bei dem Schlag gegen den Drogenschmuggel nach Europa konnten neun Mitglieder einer Schmugglerbande verhaftet werden.

          Topmeldungen

          Weltwirtschaftsforum : Alle Augen auf Trump

          Wieder treffen sich die Top-Politiker und Konzernchefs der Welt im kleinen Schweizer Städtchen Davos – auch Amerikas Präsident will dabei sein. Dass das Forum ein Erfolg wird, ist dennoch unsicher. Denn Asiens wichtigster Mann bleibt daheim. Ein Kommentar.

          Neue Details ums „Horrorhaus“ : Fürs Leben gezeichnet

          Über das „Horrorhaus von Perris“, in dem ein Paar seine 13 Kinder jahrelang quälte, wird immer mehr bekannt. Doch die Eltern erklären sich für nicht schuldig. Sind sie Psychopathen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.