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Hells Angels Die apokalyptischen Harley-Reiter

 ·  Vor 60 Jahren wurden in Kalifornien die Hells Angels gegründet. Bis heute haben sie sich auf der ganzen Welt ausgebreitet. Für die einen sind sie Rebellen und „Pfadfinder der Unterwelt“, für die anderen Verbrecher.

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Herr Hanebuth, warum hat der Hells Angel eine so platte Nase? "Er hat in ganz Europa Free Fight gemacht", sagt Frank Hanebuth, der Präsident der Hannoveraner Hells Angels, über seinen Rocker-Bruder Jörg. Jörg lacht und sagt, eigentlich habe er sich die Nase beim Oralverkehr gebrochen. So geht das immer, wenn man es mit den Hells Angels zu tun hat: Von jeder Geschichte gibt es zwei Versionen, von denen vielleicht die dritte stimmt.

Hanebuth, Jörg und etwa 35 Brüder sitzen am Freitagabend beim Essen im Clubheim. Es heißt, Hannover sei das größte Angels Charter der Welt. Das Landeskriminalamt spricht von etwa 40 Männern zwischen 35 und 55 Jahren. Im Kamin brennt Feuer, ein Kampfhund streift mit einem Knochen im Maul um die Tische. Der "Angels Place" liegt in einer Sackgasse, die von den Rockern streng bewacht wird. Ihr Lager, ihre Jungs. Die Hells Angels seien die "Pfadfinder der Unterwelt", schreibt der Journalist Yves Lavigne. Wer mit dem Auto einbiegen will, wird von "Prospects" oder "Hangarounds", die eine und zwei Stufen unter den Vollmitgliedern, den "Members", stehen, angeleuchtet und gefragt, ob nicht ein Irrtum vorliege. Manche wollten nur zu dem Tischler, der seine Werkstatt in der Straße hat. Das sei dann kein Problem, sagt Hanebuth.

„Sozialschmarotzer dulden wir nicht“

Nach dem Essen - Koteletts, Kartoffeln, Gemüse - steht einer auf und sagt, er lade für Karfreitag alle Frauen und Kinder seiner Brüder zum Kaffeetrinken ein. Dann, kurz vor 22 Uhr, schwärmen die Hells Angels in ihren Autos aus. Hanebuth fährt einen 517 PS starken Dodge Viper. Die Harley, nach den "Hannover Rules" Bedingung für die Mitgliedschaft, nimmt heute keiner. "Erst ab 20 Grad", sagt ein Angel, den sie "Kirsche" nennen.

Einige der Hells Angels "machen die Türen" am Steintor, dem Hannoveraner Vergnügungsviertel. Andere - wie Kirsche - betreiben dort ihren eigenen Laden oder arbeiten als "Wirtschafter" in einem der Bordelle. Die "Colors", die Jacke mit den Clubabzeichen, trägt dabei keiner: Man wolle die Kunden nicht verschrecken, sagen die Hells Angels. Die Rocker seien zunehmend um Diskretion bemüht, sagen Ermittler. Im Hannoveraner Club gibt es auch Leute in "bürgerlichen Berufen", wie es beim LKA Niedersachsen heißt: Schlachter, Lastwagenfahrer, Kfz-Mechaniker. "Sozialschmarotzer dulden wir nicht", sagt Hanebuth. "Wenn einer keinen Job hat, dann wird ihm einer besorgt. Wer nicht arbeiten will, der fliegt." Das gelte auch, wenn einer beim Drogenhandel erwischt werde. Seit Hanebuth auf dem Kiez das Sagen hat, sei es dort sicherer geworden, sagt man.

„Frauen von Membern sind Tabu für jedermann“

Als die "Members" den Angels Place verlassen haben, dürfen auch die "Prospects" zum Essen ins Clubhaus. Lavigne schreibt in seinem Buch von 1987, dass die "Prospects", um aufgenommen zu werden - dazu ist ein einstimmiges Votum der Vollmitglieder notwendig -, ein Verbrechen bis hin zum Mord begangen haben müssen. Außerdem, so heißt es, sei es in der Bewährungsphase üblich, den Clubmitgliedern seine Frau zur Verfügung zu stellen. Was früher und woanders vielleicht einmal war, interessiere ihn nicht, sagt Hanebuth, der dreieinhalb Jahre wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis saß. Er hatte 2001 einen "Bruder", der Karate-Schwarzgurtträger und Bodybuilding-Europameister war, halb totgeschlagen. Im Club, sagt Hanebuth, werde streng über die Einhaltung der Regeln gewacht. "Frauen von Membern, Prospects und Hangarounds sind tabu für jedermann." Wenn einer "Eier in der Hose" habe, sagt der 43 Jahre alte Hanebuth, "dann überlässt er mir doch nicht seine Frau". Er habe in seinem Leben "genug Titten und Ärsche" gesehen. Jetzt lebe er in einer "stabilen Beziehung".

"Franks Geradlinigkeit ist es, die ich am meisten an ihm schätze", sagt Lutz Schelhorn, der mit Gesundheitssandalen in seinem Atelier nahe dem Stuttgarter Bahnhof sitzt. Schelhorn ist freier Fotograf und seit 1981 Präsident der Stuttgarter Hells Angels, des ältesten Charters in Deutschland. Er hat mit seiner Kamera Drogensüchtige begleitet, Behinderte, Obdachlose: "Randgruppen, so wie die Hells Angels". Vor ein paar Jahren erhielt er von einer Unternehmensberatung den Auftrag, für ein paar Tage in ein Zisterzienserkloster zu gehen, um dort die Mönche zu fotografieren. Deren Leben habe ihn oft an die Hells Angels erinnert.

Gelangweilt, dumpf, perspektivenlos

Schelhorn, 49 Jahre alt, Sohn eines Ingenieurs und Vater zweier Kinder, hat Realschulabschluss und eine Lehre zum Kfz-Mechaniker gemacht. Als er sich vor fast 30 Jahren den Hells Angels verschrieb, tauschte er seinen Beruf ein "für ein Leben auf der Überholspur". Das zehrt. Er spricht von seiner schwachen Blase, bei größeren Ausfahrten nehme er gern ein Hotelzimmer. Es gab Zeiten bei den Angels, da war es sogar verpönt, einen Schlafsack mitzunehmen. Er habe noch viel vor in seinem Leben, ein Kunststudium zum Beispiel, sagt Schelhorn. Das heiße aber nicht, dass er Auseinandersetzungen meide. "Wenn mir einer blöd kommt, dann sag' ich: hau ab. Beim zweiten Mal sag ich es noch mal. Beim dritten Mal brettert's."

Pazifisten waren die Hells Angels nie. Das erste Charter wurde vor genau 60 Jahren, am 17. März 1948, im kalifornischen San Bernardino County gegründet: von Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich nach einer Bomberstaffel der amerikanischen Luftwaffe benannten. In den folgenden Jahrzehnten spannten die Hells Angels ein enges Netz über sechs Kontinente. Man kennt sich: Zur 60-Jahr-Feier flogen auch einige Stuttgarter und Hannoveraner nach Amerika. Der Schriftsteller Hunter S. Thompson, der die Hells Angels als erster Journalist Mitte der Sechziger für einige Monate begleitete, beschrieb sie, wenn er gerade nicht von ihnen fasziniert war, als gelangweilt, dumpf, perspektivenlos. Das Einzige, was ein Angel wirklich beherrsche, sei sein Motorrad.

Ein erfolgreiches Geschäftsmodell

Künstler und Linksintellektuelle, die sich in den Sechzigern an der amerikanischen Westküste fanden, störte das zunächst nicht. Sie sahen in den Hells Angels die Verkörperung ihrer Konzepte der Entfremdung und Revolte. Nebenbei waren sie spektakuläre Partygäste. In seinem Buch "The electric kool-aid acid test" erinnert sich Tom Wolfe, wie sie einer Urgewalt gleich über eine Party hereinbrachen, zu der sie sogar geladen waren. Draußen lauerte die Polizei, drinnen hatte man Spaß. Mit Schelhorn kann man über so etwas reden. Hanebuth ist "die ganze Hippiesache" egal. Für ihn sind die Hells Angels ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Der "orgasmische Moment", von dem Wolfe erzählt, fand 1965 statt. Die Hells Angels wurden zu den heimlichen Stars des subversiven, aber auch des populären Amerika. Die Anerkennung durch die Gesellschaft blieb den selbsternannten Outlaws fortan wichtig: Sie umgaben sich mit Prominenten wie John Belushi oder Dan Aykroyd, bewachten Sylvester Stallone oder ließen - wie Schelhorn - die eigene Fotoausstellung von der Stuttgarter Sozialbürgermeisterin eröffnen. Zu Bekanntheit hatte ihnen aber ausgerechnet die Nachricht von einer angeblichen Vergewaltigung zweier minderjähriger Mädchen im Jahr 1964 verholfen, wobei die Ermittlungen den Verdacht nicht erhärten konnten.

„Ein Hells Angel braucht nicht zu vergewaltigen“

Auch Schelhorn saß schon einmal wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung im Gefängnis. Nach 12 Monaten Untersuchungshaft wurde er wieder entlassen. Es folgte ein 15 Monate dauernder Prozess, an dessen Ende ein Freispruch und 3650 Mark Haftentschädigung standen. "Ein Hells Angel braucht nicht zu vergewaltigen", sagt Schelhorn. Mit Totschlag könnte er noch leben, Vergewaltigungen verabscheue er aber. In seinem Charter sei das im Übrigen verboten. Schelhorns Frau kommt in sein Atelier, sie ist 28. Er bittet sie, Filterzigaretten zu holen, Selbstgedrehte kann er seit dem Knast nicht mehr ausstehen. Auf Schelhorns Armen prangen mehrere Tattoos: die Insignien der Angels, Namen von Brüdern, die Zahl 50 vom Jubiläum vor zehn Jahren. Die Symbolsprache der Angels ist heute weniger vulgär. Es soll Zeiten gegeben haben, in denen sich die Mitglieder für den Sex mit einer Polizistin blau-gelbe Flügel tätowieren durften und rote für Oralverkehr mit einer menstruierenden Frau.

Vieles, was über die Angels geschrieben werde, sei Quatsch, sagt Schelhorn. Natürlich gebe es Verfehlungen, aber auch nicht mehr als im Bundestag oder unter Fußballfans. Das ist eine gewagte These - nach einer Studie von Europol aus dem Jahr 2005 für Kanada und Europa wurden 56 Prozent aller Mitglieder der Hells Angels vorrangig wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittel- und Waffengesetz sowie wegen Roheitsdelikten schon einmal verurteilt. Schelhorn sagt, auch der "Naziquatsch", der verbreitet werde, stimme nicht. Tatsächlich war es vor allem unter den amerikanischen Hells Angels eine Zeitlang üblich, sich Hakenkreuze tätowieren zu lassen oder mit SS-Helmen durch die Gegend zu fahren. "Um die Leute zu schocken", sagt Schelhorn. Auf Bitten der deutschen Charter unterlasse man das. Linke waren die Hells Angels aber auch nie. Als Ende 1965 in Berkeley gegen den Vietnam-Krieg protestiert wurde, sprengten einige von ihnen die Kundgebung und droschen auf die verdutzten Hippies ein, die in ihnen Verbündete vermutet hatten.

„Ich habe auch schon einmal einen umgebracht“

Der Bruch mit der linken Szene kam 1969 auf dem Konzert der Rolling Stones in Altamont, bei dem der Schwarze Meredith Hunter vor der Bühne erstochen wurde. Die Angels, die für Bier im Wert von 500 Dollar als Sicherheitspersonal engagiert worden waren, sagen, es habe sich um Notwehr gehandelt. Hunter habe auf einen Angel geschossen und eine Waffe auf Mick Jagger gerichtet. Andere behaupten, die Angels hätten gegen Hunter gepöbelt, weil er als Schwarzer mit einem weißen Mädchen zum Konzert gekommen sei. Hunter habe sich bedroht gefühlt und deshalb eine Waffe gezogen. Die Sache endete mit Freispruch. Auch Ralph "Sonny" Barger, der Präsident des Oakland Charter, war in Altamont dabei. In seiner Autobiographie, in der er in anekdotischer Form Gewaltorgien und Schwerverbrechen zum Besten gibt, schreibt er, Keith Richards habe ihm beim Konzert gesagt, entweder die Angels kämen zur Ruhe, oder er höre sofort auf zu spielen. Daraufhin habe er Richards den Lauf seiner Pistole zwischen die Rippen gepresst und ihn aufgefordert weiterzuspielen. Das habe er dann auch getan, "wie ein Motherfucker".

Als Barger das Stuttgarter Charter besuchte, war Uli sein Leibwächter. Uli ist Techniker bei einer schwäbischen Firma, die ihm die Möglichkeit lasse, sein Leben in den Dienst des Clubs zu stellen. Wenn das nicht mehr möglich sein sollte, würde er sofort kündigen. In Schelhorns Atelier erzählt er von dem magischen Morgen, als er mit Barger, der ein Frühaufsteher sei, spazieren ging. Besonders amüsiert habe sich Barger darüber, dass in deutschen Dörfern die Kühe einfach so über die Straße getrieben würden. Wie er zu Bargers Verbrechen steht? "Ich habe auch schon einmal einen umgebracht", sagt Uli: "Freispruch wegen Notwehr". Wenn es hart auf hart komme, müsse man handeln.

Mörderisches Imperium

Es gibt Beobachter der Szene wie Yves Lavigne oder Julian Sher, die mit Berufung auf Undercoverermittlungen behaupten, dass es sich zumindest bei den amerikanischen und kanadischen Hells Angels um ein mörderisches Imperium handelt, das es - bei aller Imagepflege und sozialem Pseudoengagement - etwa im Drogenhandel durchaus mit der italienischen Mafia aufnehmen könne. Verboten wurden die Hells Angels aber nicht. In Deutschland wurden zwei Charter - Hamburg und Düsseldorf - nach dem Vereinsrecht verboten. Der Nachweis, dass es sich um eine Vereinigung der organisierten Kriminalität handelt, fehlt bis heute.

Als Hunter S. Thompson seine Recherchen bei den Hells Angels weitgehend abgeschlossen hatte, wurde er, wie er schreibt, "ohne Vorwarnung" verprügelt. Der Stuttgarter Angel Uli sagt, Thompson habe es darauf angelegt: um einen guten Schluss für sein Buch zu haben.

Quelle: F.A.Z., 17.03.2008, Nr. 65 / Seite 9
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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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