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Hells Angels „Deutschland ist einer der aggressivsten Ableger“

 ·  Stefan Schubert hat ein Buch über die „Hells Angels“ geschrieben. Im Interview spricht er über den Krieg zwischen Rockern, die Unterwelt und die Schwierigkeiten für die Polizei.

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© dapd Biker oder Kriminelle? Die harten Jungs der Red Devils, eines der größten Unterstützerklubs der Hells Angels, bei einer Demonstration in Kiel.

Herr Schubert, wann sind Sie das erste Mal auf Rocker aufmerksam geworden?

In den neunziger Jahren. Ich arbeitete beim Bundesgrenzschutz und war auch in Hannover tätig. Dort gab es die Bones - die wurden später zu Hells Angels. Über die hörte ich dann die eine und andere Geschichte.

Was für Geschichten waren das?

Das waren Geschichten über Türsteher und aus dem Rotlichtmilieu. Es wurde von Boxkämpfen berichtet, wo die Bones mit 200 Mann auftraten. Mir fiel vor allem auf, dass in allen Geschichten respektvoll über die Rocker gesprochen wurde.

Respektvoll?

Ich habe damals nichts Negatives über die Rocker gehört. Sie genossen Sympathie in Hannover, auch unter Polizisten. Es hatten ja wilde Zustände in der Stadt geherrscht. Albaner, Türken und Kurden hatten sich bekriegt, ihre Revierkämpfe ausgetragen. Das hatten die Bones um Frank Hanebuth beendet. Insofern war man den Rockern dankbar.

Von Dankbarkeit kann man derzeit nicht mehr reden. Die Hells Angels gelten als Kriminelle.

Es gibt unterschiedliche Hells Angels. Da sind zum einen Typen wie die Stuttgarter Hells Angels, die den Easy-Rider-Mythos leben wollen...

...was meinen Sie damit?

Das sind Kerle, denen es wirklich um das Herumschrauben an ihren Maschinen geht. Das sind für mich ursprüngliche Hells Angels. Die Rocker hatten ja anfangs mit Kriminalität nicht viel zu tun. Als sich der Klub in Amerika gründete, gab es zwar regelmäßig heftige Schlägereien, und der Drogenkonsum steigerte sich beständig, aber sie waren keine Berufskriminellen. Sie waren in der Hippieszene verankert, haben ans Feiern gedacht und nicht ans Geldverdienen. Nach und nach sind dann die Hells Angels auf den Geschmack gekommen, sie haben die Drogen nicht nur konsumiert, sondern auch verkauft, schließlich im großen Stil. Das ging dann so weit, dass PCP in den Sechzigern Angels Dust hieß - weil die Droge hauptsächlich von Rockern verkauft wurde.

Damit wären wir dann bei den anderen Hells Angels.

Ja, die Hamburger Hells Angels beispielsweise waren auf der Reeperbahn tätig und sind von Anfang an mit Straftaten aufgefallen. Neben den harmlosen Rockern gibt es eben auch geschäftliche Hardliner wie derzeit in Berlin. Denen geht es hauptsächlich um den Profit und Geld. Es gibt unterschiedliche Fraktionen bei den Hells Angels. Der Klub zählt etwa 1000 Vollmitglieder in Deutschland. Zählen wir noch die sogenannten Unterstützer dazu, haben wir es sicherlich mit 3000 oder 4000 Mann zu tun. Da gibt es dann verschiedene Typen. Die einen suchen Freiheit und Kameradschaft, die anderen kommen aus dem Rotlichtmilieu oder aus der Kampfsport- und Türsteherszene. Wobei man sagen muss, dass vor allem Letztere in den vergangenen Jahren gezielt rekrutiert worden sind. Und irgendwie eint der Klub alle Mitglieder noch auf eine gewisse Art und Weise. Das mag auch an der strengen Hierarchie liegen: Es gibt die Präsidenten, die haben ihre Offiziere und dann kommt das Fußvolk.

Jedes Charter, also jeder Ortsklub, hat seinen eigenen Präsidenten. Die Hells Angels sagen, dass ihre Präsidenten unabhängig voneinander agieren.

Ich halte es für ziemlich naiv zu glauben, dass es keine bundesweite Steuerung gibt. Nur weil es der Polizei nicht gelungen ist, das zu beweisen, heißt das ja nicht, dass solche Strukturen nicht existieren. Wenn man sich anschaut, wie strategisch die Rocker vorgehen: Ganz gezielt werden in manchen Städten und Regionen Charter gegründet, man dehnt sich nach Osten aus, erst Ostdeutschland, dann Osteuropa - das sieht schon alles ziemlich gesteuert aus und nicht zufällig.

Wie schätzen Sie insgesamt die Hells-Angels-Szene ein? Sind es überwiegend harmlose Motorradfahrer oder überwiegend Kriminelle?

Vergleichen wir das doch international. Die Hells Angels sind jetzt in 47 Ländern aktiv. Und nach Kanada und Skandinavien ist Deutschland sicherlich der aggressivste Ableger, der sich entwickelt hat - bezogen auf die Häufung der Straftaten. Es gibt hier einen Territorialkrieg gegen die Bandidos, mit Toten und Verletzten. Das gibt es in anderen Ländern nicht.

Sie sprechen von einem Ableger. Handelt es sich um eine internationale Organisation?

Die Bandidos haben eine offizielle Deutschland-Führung, eine Europa-Führung und ein Weltpräsidium. Das haben die Hells Angels formal nicht. Aber es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass es eine internationale Ausrichtung gibt. Ein Beispiel: Das Hakenkreuz war und ist in der Rockerszene ein sehr beliebtes Symbol, vor allem auch in Amerika. Wenn ausländische Rocker nach Deutschland kamen, um hier Hells Angels zu besuchen, gab es oft Ärger wegen der Hakenkreuze. Die Polizei kam, es gab schlechte Presse. Die deutschen Hells Angels haben dann auf einer internationalen Konferenz darüber abstimmen lassen, dass keine Hakenkreuze mehr getragen werden sollen. Also auch bei solchen eher geringen Problemen gibt es schon internationale Absprachen.

Sie nannten gerade Kanada und Skandinavien. Dort gab es Rockerkriege mit vielen Toten. Halten Sie Vorkommnisse wie in Kanada auch in Deutschland für möglich?

In Kanada hatte der Rockerkrieg gewaltige Ausmaße. Es gab dort ungefähr 200 Tote. Auch Unbeteiligte starben, Kinder, die von Bombensplittern getroffen wurden. In Deutschland ist die Lage anders. Die Gewalt hat nicht diese Ausmaße, und sie bleibt meist im Rockermilieu, aber es gab auch den erschossenen SEK-Polizisten. Wenn man sich jedoch Berlin oder das Ruhrgebiet anschaut: Da wird aus Rache oder als Abschreckung im Vorbeifahren auf Klubhäuser geschossen. Die liegen in Wohngebieten. Und erst vor kurzem versuchten Bandidos, Sprengstoff von Dänemark nach Deutschland zu bringen, um hier einen Überläufer durch eine Bombe zu töten. Die Explosion hätte auch leicht Unbeteiligte treffen können.

Also halten Sie es für möglich?

Nicht in den kanadischen Dimensionen. Aber es kann schlimmer werden, als es bislang gewesen ist.

Die Behörden sind doch wesentlich stärker gegen die Rocker vorgegangen. Zahlreiche Charter haben daraufhin dichtgemacht.

Dass die Charter jetzt von den Rockern selbst geschlossen werden, halte ich für eine neue Taktik. Sie kommen den Verboten zuvor.

Schwächt das die Hells Angels nicht?

Kurzfristig ist es für sie, glaube ich, kein Problem. Die Hells Angels sind dominant in ihren Milieus. Man kennt sich. Die Hells Angels brauchen momentan nicht ihre Kutten, damit man weiß, wer sie sind. Dennoch ist zu befürchten, dass auf lange Sicht doch ein Machtvakuum entsteht und andere Gruppen versuchen werden, den Platz der Hells Angels einzunehmen. Wir werden sehen, wohin die Reise geht.

Was glauben Sie?

Ich glaube, wir befinden uns gerade an einem Scheidepunkt. Es könnte sich wie in Skandinavien entwickeln. In Kopenhagen gibt es seit 2008 wieder einen Krieg, nicht nur Rockerkrieg, sondern auch einen Bandenkrieg. Es haben sich dort zahlreiche Gruppen gebildet, die sich nach dem Vorbild der Hells Angels oder der Bandidos organisiert haben. Es sind rivalisierende Einwandererbanden aus dem Nahen Osten und aus dem Balkan - da gibt es keinen Bikerhintergrund mehr. Die Bandenmitglieder tragen keine Kutten, sondern schusssichere Westen. Und vollautomatische Waffen. Erste Schritte in Richtung skandinavische Verhältnisse haben wir ja schon, zum Beispiel in Berlin oder in Duisburg. Banden wie die Mongols haben nichts mit Rockern zu tun. Auch der Satudarah MC in Duisburg oder die Neugründung Median Empire sind nur schwer mit einem traditionellen Motorradclub in Verbindung zu bringen.

Warum tun sich Behörden so schwer, solche kriminellen Strukturen zu zerschlagen?

Bei den Hell Angels liegt es sicherlich an der schon erwähnten Struktur. Der Präsident befiehlt, die Offiziere geben weiter, die Bodentruppen führen aus. Man kommt also nur an die Männer ganz unten in der Pyramide heran. Es gibt zahlreiche Straftaten, bei denen gegnerische Rocker lebensgefährlich verletzt wurden. Doch selbst die schweigen. Ohne Aussage werden die Ermittlungsverfahren dann häufig eingestellt. Da muss schon der Zufall helfen, man muss Kronzeugen finden oder Ähnliches.

Das war in Kiel der Fall. Da hat ein Rocker von einer Leiche unter einer Lagerhalle erzählt. Die war da aber nicht.

Die Leiche wurde zwar nicht gefunden, trotzdem bleibt der Mann ja verschwunden - und ich denke, er wird auch nicht mehr lebend auftauchen.

Hatten Sie während der Recherche Probleme mit den Hells Angels?

Nein. Ich hatte Anrufe, ob es möglich wäre, das Buch vor Erscheinen zu lesen. Ich habe verneint, und das war es dann auch.

War es eine Bitte oder eine Forderung?

Eine Frage. Mehr nicht.

Und nach Erscheinen?

Die amerikanischen Hells Angels haben wegen angeblicher Markenrechtsverletzungen juristische Schritte eingeleitet. Sie stören sich an der Verwendung ihres Schriftzugs auf dem Buchcover. Dieses Vorgehen der Rocker belegt meines Erachtens die These, dass es sich bei den Hells Angels um eine weltweit eng vernetzte Organisation mit einer zentralen Führung handelt.

Das Gespräch mit Stefan Schubert führte Philip Eppelsheim.

Quelle: F.A.S.
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