28.09.2009 · Der weltberühmte Filmregisseur Roman Polanski ist bei der Einreise in die Schweiz festgenommen worden - aufgrund eines Haftbefehls aus dem Jahre 1978. Polanski wird der Missbrauch einer Dreizehnjährigen vorgeworfen.
Am Sonntagmorgen um elf Uhr war alles bereit. Im Rahmen des angelaufenen Züricher Filmfestivals, dessen Präsident er in diesem Jahr ist, hätte Roman Polanski vor ausgewählten Studenten über sein Metier reden sollen. Doch das Publikum wartete vergeblich: Der Regisseur saß zu diesem Zeitpunkt bereits in Haft. Am Samstag war er bei seiner Einreise festgenommen und ins Flughafengefängnis gesteckt worden. Ihm droht die Auslieferung nach Amerika.
Der Sprecher des amerikanischen Justizministeriums, Guido Balmer, bestätigte am Sonntag, dass Polanski offiziell in Auslieferungshaft genommen worden sei. Wo sich Polanski derzeit befindet, sagte Balmer nicht. Auf die Frage, warum man den Regisseur, der in den vergangenen Jahren häufig vollkommen unbehelligt in der Schweiz war, gerade jetzt festgenommen habe, sagte der Sprecher: „Wir wussten diesmal genau, wann er einreist.“ Polanski war vom Filmfestival Zürich eingeladen worden und sollte dort am Sonntagabend für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden.
Französische Regierung überrascht
Die französische Regierung zeigte sich überrascht von der Festnahme Roman Polanskis. Er sei „höchst erstaunt“ über „das Vorgehen gegen den international renommierten Regisseur“, erklärte Kulturminister Frédéric Mitterrand dem Rundfunk zufolge. Präsident Nicolas Sarkozy wünsche „eine schnelle Lösung der Lage“. Mitterrand erinnerte daran, dass Polanski französischer Staatsbürger sei. Ohne sich in das Justizverfahren einmischen zu wollen, bedauere er „diese neue Prüfung für jemanden, der bereits so viel durchlebt“ habe.
Im Februar 1978 war der gebürtige Pole Polanski, der seit 1975 französischer Staatsbürger ist, aus den Vereinigten Staaten geflohen. Dort war ein Prozess gegen ihn anhängig, nachdem er 1977 den sexuellen Missbrauch eines 13-jährigen Mädchens gestanden hatte. Polanski flüchtete, nachdem der Richter ihn mit einer höheren Gefängnisstrafe bedroht hatte als vereinbart. Ein amerikanischer Richter hatte im vergangenen Mai den Antrag Polanskis abgewiesen, den Missbrauchsprozess einzustellen (Polanski scheitert mit Einstellung von Vergewaltigungsverfahren). Der Richter begründete dies damit, dass Polanski nicht selbst nach Amerika gereist war, um sein Anliegen vorzutragen. Polanski hätte bei der Einreise die Festnahme riskiert.
Oscar für einen Abwesenden
Seit 1978 lebte Polanski unbehelligt in Frankreich und reiste nie mehr in die Vereinigten Staaten - auch nicht im Jahr 2003, als er mit dem Oscar für die beste Regie im Holocaust-Drama „Der Pianist“ ausgezeichnet wurde (FAZ.NET Spezial zur Oscar-Verleihung). Inzwischen setzt sich selbst sein damaliges Opfer für das Ende des Verfahrens gegen ihn ein (Polanskis Opfer steht auf seiner Seite). Die heute Fünfundvierzigjährige ist verheiratet und lebt mit Mann und drei Kindern auf Hawaii.
Vor dem Großerfolg mit „Der Pianist“ hatte Polanski bereits andere bekannte Kinofilme gedreht, so etwa „Ekel“ (1965 mit der noch jungen Catherine Deneuve), „Tanz der Vampire“ (1967), „Rosemary“s Baby“ (1968) bis hin zu „Chinatown“ (1974) und „Frantic“ (1988).
1933 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren, zog er mit diesen 1936 ins polnische Krakau. Die Mutter verlor Polanski in Auschwitz, er überlebte im Versteck bei Kleinbauern. Ausgebildet wurde Polanski an der Filmhochschule in Lodz. Schon sein 1961 noch in Polen produziertes Kinodebüt „Das Messer im Wasser“, das von der eskalierenden Rivalität zweier Männer handelte, war eine Sensation und ebnete ihm den Weg in den Westen. Zunächst arbeitete der Regisseur in England, dann in Hollywood. Sharon Tate, Hauptdarstellerin der Horror-Komödie „Tanz der Vampire“, wurde 1968 dort Polanskis zweite Frau. Hochschwanger wurde Tate im folgenden Jahr von Anhängern des Sektenführers Charles Manson ermordet.
Polanski hätte am Sonntagabend am fünften Zürcher Filmfestival das „Goldene Auge“ für sein Regie-Lebenswerk erhalten sollen. Die Festivalleitung zeigte sich in der Mitteilung über die Festnahme bestürzt und betroffen. Sie verschob die Preisverleihung bis auf weiteres, beschloss aber gleichzeitig, die unter dem Motto „Tribute to Roman Polanski“ angesetzte Retrospektive mit ausgewählten Polanski-Werken am Sonntagabend programmgemäß aufzuführen.
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