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Haarschneide-Attacke Jetzt bebt die Welt der Amischen

 ·  Ein bizarrer Kreuzzug: Eine Splittergruppe der amerikanischen Glaubensgemeinschaft soll „Ungehorsamen“ Haar und Bart beschnitten haben. Ihnen droht nun lebenslange Haft.

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© dapd Die mutmaßlichen Hass-Friseure im Oktober 2011 im Gericht von Millersburg (Ohio). Die Haarschneide-Attacke mag spaßig erscheinen, könnte aber bitter ernst als „hate crime“ eingestuft werden

Dass Sam Mullet die Amischen im ländlichen Ohio nicht im Entferntesten so friedlich führte, wie es die Regeln der täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft vorsehen, war schon seit Frühjahr 2006 nicht mehr zu leugnen. Damals versammelten sich mehr als 300 Bischöfe der Amischen in Ulysses im amerikanischen Pennsylvania, um über Mullets ungewöhnliche Bestrafung vermeintlich ungehorsamer Gemeindemitglieder zu richten.

Ehemalige Anhänger des Laiengeistlichen hatten von Nächten in Hühnerkäfigen, sexuellen Übergriffen und abrupter Exkommunikation berichtet. Da das Konklave für Mullets „shunning“ eine religiöse Rechtfertigung nicht finden konnte, machte es die Exkommunikation damals rückgängig. „In der Welt der Amischen kam das einem Erdbeben gleich“, sagte der Kulturanthropologe Donald Kraybill jetzt im Prozess gegen Mullet und Gläubige der von ihm geführten Bergholz-Clans. Das Beben erschütterte Mullet laut Staatsanwaltschaft offenbar so heftig, dass Anhänger des Sechsundsechzigjährigen fünf Jahre später zu einem bizarren Kreuzzug aufbrachen. Mit Mähnenscheren und batteriebetriebenen Rasierern überfielen sie im vergangenen Herbst die abgelegenen Bauernhöfe amischer Widersacher, um ihnen Haar und Bart abzuscheiden.

Die Anwaltskosten für die 15 Mitangeklagten übernommen

Ein Foto, das die Anklägerin Bridget Brennan den Geschworenen im Bundesbezirksgericht in Cleveland vorlegte, zeigte Mullets Sohn Johnny bei einem Überfall auf den 79 Jahre alten Raymond Hershberger. Während Mullets Sohn den weißen Bart des knienden Bischofs abschnitt, flehten Hershbergers Frau und sein weinender Enkel um Gnade. Wie dem langen Haar, das amische Frauen unter weißen Hauben verbergen, kommt den Bärten der männlichen Gläubigen spirituelle Bedeutung zu. Die Bärte, die nach der Heirat nicht mehr rasiert werden, gelten zudem als äußeres Zeichen von Männlichkeit und Selbstwertgefühl. Die Ehefrau eines Opfers sagte aus, ihr Mann habe nach dem Überfall des Mullet-Clans das kahle Kinn schamhaft hinter einer Serviette verborgen.

Da Mullet und seine Anhänger laut Anklage aus religiösem Motiv handelten, muss sich die radikale Splittergruppe seit zwei Wochen wegen eines „Hassverbrechens“ (hate crime) vor dem Bundesgericht in Ohio verantworten. Staatsanwältin Brennan trug in ihrem Eröffnungsplädoyer vor, Mullet habe die Bärte seiner Widersacher zwar nicht eigenhändig abgeschnitten, aber die Überfälle organisiert. „Sam Mullet war der Anstifter der Attacken“, sagte Brennan.

Der Clan-Chef, den amerikanische Medien schon mit Warren Jeffs vergleichen - Jeffs hatte in Texas als Oberhaupt der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage jahrelang Kinder sexuell missbraucht-, soll auch die Anwaltskosten für die 15 Mitangeklagten übernommen haben. Mullets Verteidiger Edward Bryan beschrieb seinen Mandanten dagegen als „amischen Großgrundbesitzer“, der um die Disziplin der 120 Mitglieder großen Bergholz-Gemeinde fürchtete. Er habe vermutlich von den Bartrasuren gewusst, die fünf Überfälle aber nicht angeordnet. Nach Bryans Darstellung waren die Übergriffe nicht religiös motiviert, sondern stellten bloß Familienstreitigkeiten dar. Unter anderen war Mullets Schwiegertochter Nancy zu einer benachbarten Amisch-Gemeinde geflohen, nachdem der Laiengeistliche sie wiederholt zum Geschlechtsverkehr gezwungen hatte.

Die heftigste Verletzung amischer Grundsätze

Da die Amischen seit fast 300 Jahren abgeschieden in ländlichen Regionen der Vereinigten Staaten wie Ohio, Pennsylvania und Indiana leben, bot der Prozess auch einen der seltenen Einblicke in das Leben der etwa 250.000 Anhänger der fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft. Einige Zeugen fielen immer wieder in den deutschen Dialekt Pennsylvania Dutch zurück, den ihre Vorfahren zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus dem deutschen Südwesten und der Schweiz nach Amerika trugen. Zudem fühlten sich die Amischen im Gerichtssaal merklich unwohl. Da die Glaubensgemeinschaft den Kontakt zu anderen aus religiösen Gründen meidet, lehnt sie auch Gerichtsprozesse grundsätzlich ab.

Bei einer Razzia nach den rätselhaften Zwangsrasuren war die amerikanische Bundespolizei FBI jedoch auf Mullets Bergholz-Clan aufmerksam geworden. Die Splittergruppe der bibeltreuen Religionsgemeinschaft hatte schon den Sheriff des Bezirks Jefferson einige Jahre beschäftigt, da wiederholt Übergriffe gemeldet wurden. Die heftigste Verletzung amischer Grundsätze einer gewaltfreien Gesellschaft stellt für den Kulturanthropologen Kraybill aber Mullets Versuch dar, religiöse Gegner mit dem gewaltsamen Abschneiden der Bärte einzuschüchtern.

Während die Staatsanwaltschaft Dutzende Amische zu Vergehen des Clan-Chefs und seiner Anhänger aussagen ließ, verzichteten Mullets Anwälte auf eigene Zeugen. Prozessbeobachter vermuten, dass der Führer der amischen Splittergruppe weitere Enthüllungen vermeiden wollte. Den Antrag der Verteidiger, die Anklage aus Mangel an Beweisen fallen zu lassen, lehnte der Vorsitzende Richter Dan Aaron Polster wie erwartet ab. „Eine vernünftige Jury könnte zu dem Schluss kommen, dass die Angriffe religiös motiviert waren. Daher wird der Fall auch durch die Geschworenen entschieden“, sagte Polster, bevor sich die Jury am Donnerstag zu Beratungen zurückzog. Falls die Geschworenen Mullet und seine Anhänger der „Verbrechen aus Hass“ für schuldig befinden, droht den Bartschneidern lebenslange Haft.

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