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Großbritannien Stadtplan des Verbrechens

02.02.2011 ·  Stille Straßen werden auf einmal zu Hochburgen des Verbrechens. Das britische Innenministerium hat im Internet einen „Kriminalitätsatlas“ eingerichtet, auf dem die Bürger sehen können, wie sicher ihre Wohngegend ist.

Von Johannes Leithäuser, London
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In Preston, einer nordenglischen Industriestadt, war am Dienstag die Hölle los. Jeder Engländer kann von sofort an auf seinem Heimcomputer feststellen, welche und wie viele Verbrechen jüngst in seinem Wohnviertel begangen wurden – auf der Seite police.uk kann man über die Postleitzahl seiner Gegend eine Abbildung der Straßenkarte mit Zahlen und Daten zur Polizeistatistik abrufen.

Und so erfuhren die Bewohner von Glovers Court in Preston, dass sie in der wildesten Ecke ganz Englands wohnen: 152 Vorfälle im Monat Dezember (das ist der jüngste Zeitraum, für den die Daten ausgewiesen werden) haben sich in dieser Gasse in der Prestoner Innenstadt ereignet; darunter ein Raub, ein Einbruch, 73 Platzverweise wegen unsozialen Verhaltens – oft die Konsequenz von Ruhestörungen betrunkener Jugendlicher – sowie 44 Gewalttaten und 33 „sonstige kriminelle Vorfälle“. Da half es nicht viel, dass die örtliche Polizei von einer sinkenden Kriminalitätsrate sprach und Anwohner sogleich meinten, Verbrechen hätten sie hier noch nie gesehen.

Beginn der Informationsoffensive

Die konservativ-liberale britische Regierung, die diesen „Kriminalitätsatlas“ eingerichtet hat, nennt die Datenbank einzigartig in der ganzen Welt. Die Bürger könnten jetzt die Polizei besser zur Rechenschaft ziehen und sich ein Bild davon machen, wie sicher ihre Wohngegend sei. Der englische Datenschutz-Beauftragte hat keine Einwände gegen die Verbrechenskarten geltend gemacht – er bestand allerdings darauf, dass nicht alle Arten von Delikten bis ins Detail, also Straße für Straße, aufgeschlüsselt werden. Dieses genaueste Vergrößerungsmuster gilt bloß für Raub und Einbruch, Autodiebstähle oder -beschädigungen sowie für Landfriedensbruch oder unsoziales Verhalten. Andere Kategorien von Verbrechen, etwa Sexualdelikte, sind in der Sammelkategorie „Sonstiges“ enthalten, um die Opfer der betreffenden Taten vor Identifizierung zu schützen.

Die Verbrechensstadtpläne sind nur der Beginn der Informationsoffensive des britischen Innenministeriums: In einigen Polizeibezirken können neugierige Anwohner auch Videoaufzeichnungen von Tatorten (die meist von automatischen Überwachungskameras stammen) aufrufen oder sich die Namen und Gesichter jener Streifenbeamten ansehen, die für ihr Wohnviertel zuständig sind. Außerdem sind sechs Polizeipräsidien angehalten worden, ihre Statistikpläne als Pilotvorhaben um weitere Kategorien zu ergänzen. Die Bürger von Hampshire können jetzt beispielsweise Neuigkeiten über Straftaten auf täglich (statt monatlich) aktualisierter Basis erhalten, in Surrey kann man die Kartierungen auch auf seinem Mobiltelefon abrufen, und in Yorkshire liefert die Polizei nicht nur die geographischen Details der Straftaten, sondern auch Informationen über verurteilte Täter dazu.

Proteste in Portsmouth

Die Aufschlüsselung der verübten Verbrechen und Vergehen auf das Straßenraster hat allerdings kurz nach der ersten Veröffentlichung der Daten auch schon zu vehementen Protesten geführt. Beispielsweise wird in der Hafenstadt Portsmouth die „Surrey-Straße“ mit 136 Vorfällen als Hochburg des Verbrechens aufgeführt, obwohl die eher stille Zeile, die nicht einmal hundert Meter lang ist, nur ein Parkhaus, ein paar Mietshäuser und einen Pub zu ihren Anrainern zählt. Nach Einwänden der Stadtverwaltung teilte die Polizei von Portsmouth mit, die „Surrey Street“ werde regelmäßig dazu herangezogen, kriminelle Vorfälle aus dem nahegelegenen Einkaufs- und Freizeitzentrum (zu dem das erwähnte Parkhaus gehört) mit einer Adresse zu versehen. Und unter die statistisch erfassten Taten seien unter anderem viele Ladendiebstähle zu rechnen. Die Polizei weist überdies darauf hin, dass Straßen, die weniger als zwölf Anwohner-Adressen aufweisen, in eine größere geographische Einheit eingeordnet werden, um die Anonymität möglicher Verbrechensopfer zu wahren.

Ein polizeiinterner Probelauf des neuen Verbrechens-Datenservice habe ergeben, dass die Informationen keineswegs die Angst der Öffentlichkeit schürten, Opfer krimineller Delikte zu werden, beteuert das Londoner Innenministerium. Dass der neue Atlas einen Effekt auf die Entwicklung der Häuserpreise habe, wurde nicht geleugnet. Dies könne aber „doch kein Hinderungsgrund dafür sein, der Öffentlichkeit die Kriminaldaten zu verschweigen“.

Für andere Wirtschaftszweige, etwa die Hersteller von Alarmanlagen, werden die Datensätze zweifellos gleichfalls von hohem Interesse sein: Am Dienstag war police.uk das Ziel derart vieler Anfragen, dass die Website des neuen Auskunftsdienstes zeitweilig zusammenbrach. Aber das wird wohl nur die Anfangs-Wissbegierde vieler Briten gewesen sein.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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