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Göhrde-Morde aufgeklärt : Der Gärtner war’s

Polizeibeamte untersuchen 1989 im Wald in der Göhrde ein Fahrzeug am Fundort eines ermordeten Paares. Bild: dpa

Nach 28 Jahren gelingt es endlich, die zwei Doppelmorde von Göhrde aufzuklären. Zu verdanken ist das auch einem Angehörigen, der mit einem Team aus Ermittlern im Ruhestand immer weiter suchte – auch als die Polizei schon lange aufgegeben hatte.

          Es war ein Freitagnachmittag im vergangenen September, als der ehemalige Chef des Landeskriminalamts (LKA) Hamburg, Wolfgang Sielaff, in Lüneburg in der Garage eines Wohnhauses stand und beobachtete, wie ein Bauarbeiter Löcher in den Boden bohrte. Um Sielaff herum standen Kriminalisten im Ruhestand, alte Freunde, die er Jahre vorher um sich geschart hatte. Ein Gerichtsmediziner entdeckte in der Garage zuerst einen Mittelfußknochen, dann tauchten immer mehr Knochen auf. Es waren die sterblichen Überreste von Sielaffs Schwester, die 1989 ermordet worden war. „Ich war geschockt, aber auch erleichtert“, sagt Sielaff heute über den Moment. DNA-Spuren hatten schon vorher darauf hingedeutet, dass der Mörder seiner Schwester Kurt-Werner Wichmann war, ein Friedhofsgärtner, der in dem Haus in Lüneburg gelebt hatte, bevor er sich 1993 im Gefängnis das Leben nahm.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Eine Blamage war der Fund allerdings für die Polizei in Lüneburg: Die hatte das Haus mehrfach durchsucht, 1993 sogar mit einem Leichenspürhund. „Der Fall hätte zwei Monate nach dem Verschwinden meiner Schwester aufgeklärt werden können“, sagt Sielaff. „Er wurde monatelang als Vermisstenfall behandelt, obwohl es ganz offensichtlich ein Verbrechen war.“ Als Wichmann sich erhängt hatte, wurden die Ermittlungen eingestellt. Sielaff wollte sich damit nicht abfinden, immer wieder drängte er in Lüneburg darauf, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. „Auch die Angehörigen sind Opfer und brauchen Antworten.“ Vor zwei Jahren nahmen Ermittler sich die Mordfälle von 1989 abermals vor, Sielaff führte sie im März 2017 in die Garage in Lüneburg, weil ihm eine im Boden eingelassene Werkstattgrube zu klein vorkam. Der leitende Ermittler habe ihm daraufhin gesagt, dass er nicht glaube, dass hier sterbliche Überreste einbetoniert worden seien, sagt Sielaff. „Das war bitter.“ Mit dem Einverständnis der Eigentümerin ließ er den Boden dann selbst öffnen.

          Aus seinem Unmut hat Sielaff nie ein Geheimnis gemacht: „Ich kann nicht nachvollziehen, dass mehr als 20 Jahre Stillstand in den Ermittlungen herrscht, weil man auf einen Fortschritt in der DNA-Analytik hofft“, sagte er im Oktober 2016 der „Zeit“. Er sprach damals nicht über eine Spur im Fall seiner verschollenen Schwester, er redete über die Morde an zwei Liebespaaren im Sommer 1989 bei Lüneburg, die Menschen in ganz Deutschland erschüttert hatten: Im Staatsforst Göhrde waren mitten in der Natur zwei Paare ermordet aufgefunden worden. Die Leichen waren nackt, sexuelle Motive wurden nicht ausgeschlossen. „Gut möglich, dass wir es hier mit einem Serienmörder zu tun haben“, sagte Sielaff 2016. Er forderte, DNA-Spuren, die es aus einem der Autos der Opfer gebe, zu untersuchen – und nicht weiter abzuwarten, bis ein Verdächtiger gefunden wird, den es für ihn schon lange gab.

          „DNA-Treffer im Göhrde-Fall“

          Am Mittwochabend wurde Sieloffs Serienmörder-Theorie zur Gewissheit: „DNA-Treffer im Göhrde-Fall“, hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei Lüneburg. Die Spur aus einem der Autos stimme mit der DNA von Wichmann überein. Staatsanwältin Wiebke Bethke sagte: „Das lässt den Schluss zu, dass er mit den Göhrde-Morden in Zusammenhang stehen könnte.“ Sie verwies außerdem auf Videoaufzeichnungen von Fernsehsendungen über die Morde, die zusammen mit Berichten über die Suche nach Sielaffs Schwester in Wichmanns altem Wohnhaus gefunden worden seien. Sielaff sagt: „Die habe ich dort gefunden – 20 Jahre nach der Durchsuchung 1993.“ Er ist weiter überzeugt davon, dass man die DNA-Spuren viel früher hätte untersuchen können. „Ich wüsste nicht, welche neuen Techniken da jetzt angewendet worden sein sollen.“ Ein Polizeisprecher will dazu aus „ermittlungstechnischen Gründen“ nichts sagen.

          Ursula R. und ihr Ehemann, die in einem Waldgebiet bei Göhrde im Juni 1989 ermordet wurden.

          Für die Angehörigen der 1989 ermordeten Paare gibt es endlich Gewissheit, viele andere warten dagegen weiter auf Antworten: Sielaff hat 19 ungeklärte Mordfälle aus der Lüneburger Region analysiert, die seiner Einschätzung nach zum Tatmuster von Wichmann passen. Nach Angaben der Lüneburger Polizei gibt es in der Region sogar 34 ungeklärte Tötungsdelikte aus der Zeit zwischen 1965 und 1993. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Täter für weitere Morde – auch außerhalb der Region – verantwortlich sei. Vermutet wird, dass ein Mittäter noch lebt. Ob es der Bruder ist, der oft verdächtigt wurde? „Zu einer genauen Person sagen wir noch nichts“, teilt ein Polizeisprecher dazu mit.

          Die Frage, warum die Polizei dem Täter nicht viel früher auf die Spur kam, drängt sich auch bei einem Blick auf dessen Lebenslauf auf: Wichmann wurde 1949 in der Nähe von Lüneburg geboren, mit 14 Jahren kam er zum ersten Mal in Jugendarrest, nachdem er eine Frau mit einem Messer bedroht und versucht hatte, sie zu erwürgen. Mit 16 überfiel er eine Radfahrerin, mit 21 wurde er für die Vergewaltigung einer Anhalterin zu fünfeinhalb Jahren Jugendstrafe verurteilt. 1993 fanden Ermittler bei ihm Gewehre, Folterwerkzeug – und ein im Garten vergrabenes Auto. Wichmann wurde festgenommen und erhängte sich mit 43 Jahren im Gefängnis. Danach endete die Mordserie in den Wäldern rund um Lüneburg.

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