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Türkei : Frauenmord als Mentalitätsfrage

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Gewalt gegen Frauen löst in der Türkei immer wieder Proteste aus. 2015 gingen Frauen auf die Straße, um gegen die Ermordung der jungen Studentin Özgecan Aslan zu demonstrieren. Bild: AFP

Fast jede zweite verheiratete Frau in der Türkei wird Opfer von Gewalt. Schuld daran sind vor allem traditionelle Denkmuster, gegen die auch die Politik nur halbherzig vorgeht.

          Als die junge Studentin Özgecan Aslan von einem Kleinbusfahrer und dessen Vater in der türkischen Provinz Mersin an der Mittelmeerküste im Februar 2015 auf grausame Weise ermordet wurde, nachdem sich die Zwanzigjährige als einziger Fahrgast auf ihrem Nachhauseweg gegen die Vergewaltigungsversuche gewehrt hatte, brachte das die Nation auf. Proteste und Kampagnen für eine harte Bestrafung der Täter gab es im ganzen Land. Frauenrechtlerinnen und prominente Stimmen in der Türkei forderten sogar ein „Özgecan-Aslan-Gesetz“, das für männliche Täter in Fällen von Frauenmorden das maximale Strafmaß vorsieht. Im Dezember fiel das Urteil gemäß den Erwartungen der Angehörigen von Özgecan Aslan und des türkischen Volkes: Die Täter wurden zu lebenslanger Haftstrafe von 27 Jahren verurteilt.

          Der Fall von Özgecan Aslan zeigt Typisches und zugleich Außergewöhnliches: Während durchschnittlich 250 Frauen im Jahr in der Türkei getötet werden – in den meisten Fällen von ihren Partnern oder Familienmitgliedern –, stoßen die wenigsten Fälle auf so eine breite Solidarität wie bei der Studentin. Es offenbart sich eine grundlegende Mentalität, die in der Türkei herrscht: Da es sich um eine junge und schöne Studentin handelte, die von Fremden und nicht durch ihren Bruder oder Ehemann umgebracht wurde, wird die Gewalt, der sie ausgesetzt war, nicht als „legitim“ angesehen. Die Tat wird nicht „kulturell“ gerechtfertigt. Der Studentin wurde nicht vorgeworfen, sich „moralisch verwerflich“ verhalten zu haben, wie es in vielen Fällen von Gewalt gegen Frauen in der Türkei geschieht.

          Während sich die Rechte für Frauen in der Türkei in den vergangenen 14Jahren unter der konservativ-islamischen Regierungspartei AKP auf dem Papier erheblich gebessert haben, hat die Gewalt gegen Frauen in der Türkei nicht abgenommen. Im Gegenteil: Zwischen 2010 und 2015 hat die türkische Frauenorganisation „We will Stop Femicides“ nach einem Bericht der Zeitung „Hürriyet“ 1134 Frauenmorde in der Türkei gezählt, mehr als die Hälfte von ihnen (608) wurde von den Ehemännern oder früheren Männern der Frauen begangen. Jeder fünfte Fall geschah, weil sich die Frauen trennen oder scheiden lassen wollten.

          In der Türkei besonders hoch

          Gewalt gegen Frauen ist ein Problem auf der ganzen Welt, aber im internationalen Vergleich ist die Zahl an Gewalttaten in der Türkei besonders hoch angesichts der vielen Reformen, die in den vergangenen Jahren auch von der türkischen Frauenbewegung durchgesetzt wurden. Während nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) international jede dritte Frau Opfer physischer oder sexueller Gewalt wird, meist durch ihren Partner, hat in der Türkei fast jede zweite verheiratete Frauen physische Gewalt durch ihren Partner erfahren. Häusliche Gewalt ist ein wichtiger Scheidungsgrund in der Türkei: Drei Viertel der geschiedenen Frauen wurden in ihrer Ehe Opfer von Gewalt, wie eine Studie des türkischen Familienministeriums von 2014 feststellt.

          „Besonders wenn Frauen nicht untertänig sind, werden sie zu Opfern von Gewalt“, sagt die Frauenrechtlerin und Filmemacherin Melek Özman. „Und wenn Frauen ihre Rechte nutzen wollen, wenn sie Entscheidungen über ihr eigenes Leben fällen wollen, beispielsweise, wenn sie sich scheiden lassen möchten.“ So wie die 30 Jahre alte Nil Turan, die sich scheiden lassen wollte. Sie wurde im vergangenen November von ihrem Noch-Ehemann mit einem Jagdgewehr erschossen, als sie in Begleitung von Polizisten in die gemeinsame Wohnung zurückkehrte, um einige Kleidungsstücke zu holen. Kein Einzelfall, wie die vielen Medienberichte und Statistiken von Frauenorganisationen wie „We will Stop Femicides“ zeigen.

          Umdenken in der Gesellschaft nötig

          Türkische Frauenrechtlerinnen beklagen aber auch, dass die existierenden Gesetze nicht effektiv sein können, um Frauen vor Gewalt zu schützen, solange nicht auch ein Umdenken in der Gesellschaft stattfindet und sich das Prinzip der Gleichheit von Mann und Frau durchsetzt. In weiten Teilen der türkischen Gesellschaft herrscht das traditionelle Frauenbild vor, das die Frau vorrangig als Teil der Familie sieht und ihr damit ein individuelles Selbstbestimmungsrecht abspricht.

          Protest unter Wasser: Die Szenen sind gestellt, doch sollen sie alltägliche Gewaltexzessen zeigen, wie sie Frauen in der Türkei erleben. Bilderstrecke

          „Wir leben in einer Gesellschaft, die vom Patriarchat beherrscht und mit Religion legitimiert wird“, stellt die Frauenrechtlerin Derya Kaya von der türkischen Frauenorganisation „Women for Women’s Human Rights“ fest. Das türkische Bildungssystem hinterfrage nicht existierende Geschlechterrollen, sondern sei eine Methode, diese zu verfestigen. Der schulische Lehrplan sei diskriminierend und sexistisch. „Auf der gleichen Weise sind wir in Zeitungen und im Fernsehen Geschlechterrollen ausgesetzt, die nicht das Prinzip der Gleichheit von Mann und Frau erfüllen. Leider ist auch die Sprache der Politik und Politiker dementsprechend. Die Ungleichheit von Mann und Frau wird uns so beigebracht und aufgezwungen.“

          Dabei stand die Emanzipation der Frau schon bei der Gründung der türkischen Republik weit oben auf der politischen Agenda. Als gleichberechtigten Staatsbürgerinnen wurde türkischen Frauen zum Beispiel 1930 das Wahlrecht gegeben. Der türkische „Staatsfeminismus“ beinhaltete dennoch weiterhin diskriminierende Gesetze, die sogar Gewalt gegen Frauen legitimierten – beeinflusst von herrschenden patriarchalischen Werten. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs 1922 war mit der Gründung der türkischen Republik die Polygamie zwar verboten worden, und Frauen bekamen Zugang zum öffentlichen Leben. Im Zivilgesetz aber wurde der Mann als Familienoberhaupt definiert, das die letzte Entscheidungsgewalt innehat. Das Strafgesetzbuch sah zudem Strafminderungen in Fällen von „Ehrenmorden“ und Vergewaltigungen vor.

          Die Rolle der Frau

          Die Rolle der türkischen Frau wurde von den republikanischen Eliten definiert als „Beschützerinnen“ der neuen Republik, die den gesellschaftlichen Auftrag als „Erzieherinnen der Nation“ bekamen. Die türkische Frau sollte zwar dem Mann gleichgestellt sein, gebildet und modern aussehen, aber gleichzeitig aufopfernd und sittsam sein und den gesellschaftlichen Normen gehorchen. So wurde sexuelle Gewalt gegen Frauen im alten türkischen Strafgesetzbuch nicht vorrangig als ein Verbrechen gegen das individuelle Menschenrecht der Frau, sondern auch als ein Verbrechen gegen die Moral der türkischen Gesellschaft definiert. Die körperliche Integrität der türkischen Frau wurde nicht einzig als ihr individuelles Recht gesehen, ihr Körper gehörte auch ihrer Familie und der Gesellschaft.

          Es war die Frauenbewegung der achtziger Jahre, die den Mythos des republikanischen Feminismus hinterfragte und sich mit patriarchalischen Werten und Strukturen öffentlich auseinandersetzte. 2001 wurde schließlich das türkische Zivilgesetzbuch reformiert, der Mann als Familienoberhaupt abgeschafft. Als die vom jetzigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan neu gegründete AKP 2002 zum ersten Mal an die Macht kam und sich dem europäischen Beitrittsprozess verpflichtete, konnten die türkischen Frauenorganisationen weiter Druck auf die Regierung ausüben. Noch im selben Jahr wurde das Strafgesetzbuch reformiert: Vergewaltigung in der Ehe wurde kriminalisiert, Strafminderung in Fällen von „Ehrenmorden“ abgeschafft. Vergewaltiger konnten zudem eine Strafverfolgung nicht mehr umgehen, wenn sie ihr Opfer heirateten.

          „Es gab viele positive Entwicklungen“

          2011 unterzeichnete die Türkei als erster Staat das „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“, das fortan als „Istanbul-Konvention“ bezeichnet wird. Darauffolgend ließ die konservativ-islamische Regierung eine Plattform gründen, bei der mehr als 236 türkische Frauenorganisationen an einem Gesetzesentwurf gegen häusliche Gewalt mitwirkten. „Es gab viele positive Entwicklungen, aber die Realität zeigt uns, dass diejenigen, die geltende Gesetze anwenden sollten, wie Richter, Polizisten und Sozialarbeiter, die Wirksamkeit dieser Gesetze verhindern“, meint Derya Kaya. „Das Problem sind nicht die Gesetze, sondern ihre Umsetzung. Beispielsweise versuchen Polizisten aufgrund von traditionellem Denkmustern, weibliche Gewaltopfer einfach nach Hause zu schicken oder sie mit dem Täter zu versöhnen.“ Wenn Polizisten weibliche Opfer häuslicher Gewalt nach Hause schicken, ohne dass sie eine Anzeige gegen ihren Ehemann oder Partner gestellt haben, bleibt der Übergriff meist folgenlos.

          Trotz gesetzlicher Verpflichtung gibt es in der Türkei bis heute nicht genügend staatliche Frauenhäuser: Vorgesehen ist ein Haus pro 100.000 Einwohner – 2005 lag die Zahl sogar noch bei einem Haus pro 50.000 Einwohner, das Gesetz wurde aber von der AKP-Regierung geändert. Statt 750 Frauenhäusern kommen auf die 75 Millionen Einwohner aber nur 122 mit einer Gesamtkapazität von 3190 Betten.

          „Weil sich ein männlicher Täter während eines Verfahrens gut benahm, einen Anzug trug, wurde ihm als Mörder Strafminderung eingeräumt“, sagt die Oppositionspolitikerin Aylin Nazliaka von der Republikanischen Volkspartei CHP. „Weil ein weibliches Opfer roten Lippenstift trug, eine weiße Hose anhatte und sich im Dunkeln auf den Weg nach Hause gemacht hatte, wurde ihrem Vergewaltiger ebenfalls Strafminderung eingeräumt – wegen ,Provokation‘.“

          Dass im Fall von Özgecan Aslan keine Strafminderung erteilt wurde, sei kein glaubwürdiger Grund, dass sich bei der Rechtsprechung in Fällen von Frauenmorden etwas geändert habe, meint Canan Güllü, Präsidentin des Verbands türkischer Frauenvereine. Das Urteil sei lediglich dem Druck der Zivilgesellschaft geschuldet. „Damit sich in allen Fällen von Frauenmorden etwas ändert, fordern wir eine Reform der Gesetze und ein Umdenken der Gesellschaft.“ Von diesem Umdenken spricht neuerdings auch Ministerpräsident Ahmet Davutoglu, der beim jüngsten Gipfel der „United Nations Women“ in Istanbul sagte, dass Gesetze nicht die einzige Lösung sein können, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen. „Es geht vielmehr um Mentalität; Werte, auf denen wir unsere Welt aufbauen und mit denen wir die Rechte anderer verteidigen.“

          Öffentliche Gleichheit von Mann und Frau

          Dabei haben sich hohe Funktionäre der Regierungspartei AKP in den vergangenen Jahren vermehrt frauenfeindlich geäußert, wie Nazliaka von der oppositionellen CHP beklagt. „Die politischen Führer dieses Landes müssten öffentlich für die Gleichheit von Mann und Frau eintreten.“ Ihrer Meinung nach erlebe ihr Land derzeit die rückständigste Periode in der Geschichte der türkischen Republik. Gewalt gegen Frauen sei vorrangig ein Mentalitätsproblem, die Verbrechen seien politisch. „Wir haben in diesem Land öffentlich darüber diskutiert, ob schwangere Frauen auf die Straße gehen sollten, ob sie laut lachen dürfen.“

          Auch die Schriftstellerin und Juristin Ece Temelkuran beklagt, dass Frauen aufgrund von konservativen und reaktionären Haltungen in der türkischen Gesellschaft weniger Rechte haben, was von der politischen Führung noch unterstützt werde. „Teile der Gesellschaft befürworten es ja sogar, dass ein Ortsvorsteher in diesem Land straflos sagen kann: Jungen Frauen, die abends allein durch die Straßen laufen, lasse ich die Beine brechen.“

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