Am Vormittag des 27. März entführt Thomas Wolf in Wiesbaden die Frau eines leitenden Bankmanagers. Stundenlang hält er sie in seiner Gewalt und fordert zwei Millionen Euro Lösegeld. Den Ehemann der Frau dirigiert er durch das Rhein-Main-Gebiet. Droht, dass der Frau etwas zustoßen wird, sollte der Mann das Geld nicht beschaffen. Gegen 19 Uhr kommt der letzte Anruf des Entführers: Das Geld solle an einer Autobahnstation an der A 66 bei Hofheim-Diedenbergen abgelegt werden. „Nur anhalten, ablegen, weiterfahren. Mehr nicht!“ Wolf gelingt die Flucht. Deshalb setzen die Ermittlungen der Polizei dort an, wo sich Wolfs Spur verliert.
Inzwischen weiß die Polizei, dass Wolf nach der Geldaufnahme in den Taunus nach Oberursel fährt. Er stellt den Wagen, einen silbergrauen VW Golf Variant, in der Nähe einer Telefonzelle an der Adenauerallee ab, die in unmittelbarer Nähe eines Supermarktes liegt. Um 23.55 Uhr ruft er von der Telefonzelle aus die lokale Polizeistation an und gibt durch, wo die Entführte zu finden ist. Den Fluchtwagen hat er kurz zuvor unter falschem Namen gemietet.
Falsche Identitäten liegen Wolf. Schon in der Vergangenheit, als er etwa Banküberfälle in Hamburg oder Eindhoven vorbereitet hatte, trat er als Marc Gathercole oder Tom Pitkeathley auf, als Holger Krohn, Alexander Leeuwin, Jacob Milla oder Herbert Elsenbach. Am Abend des 27. März jedoch ist er einfach nur Thomas Wolf – vielleicht, weil er weiß, dass die Polizei ihm ohnehin schon auf den Fersen ist.
Was dann folgt, wissen auch die Ermittler noch nicht im Detail. Thomas Wolf schafft es, etwa drei Wochen lang unterzutauchen. Es gibt weder Hinweise dafür, dass er sich ins europäische Ausland abgesetzt hat, noch dafür, dass er sich weiterhin in Deutschland befindet. Zu diesem Zeitpunkt halten es die Fahnder für sehr wahrscheinlich, dass er sich in einer größeren Stadt in einer anonymen Wohnsiedlung versteckt und das Apartment möglicherweise schon vor Monaten gemietet hat.
Ein akribischer Planer
Wolf sei ein akribischer Planer, der erfahrungsgemäß nicht nur die Taten selbst, sondern auch die Zeit danach penibel vorbereite, heißt es in der Sonderkommission, der 80 Beamte aus Frankfurt und Hamburg angehören. In der Zwischenzeit setzen die Fahnder auf die Öffentlichkeit. Das Fahndungsplakat hängt inzwischen in fast jeder größeren Stadt, an Bahnhöfen, Flughäfen, Bushaltestationen. Es zeigt einen Mann mit schütterem Haar und Dreitagebart. Thomas Wolf, der meistgesuchte Gewaltverbrecher Deutschlands, der seit 42 Tagen die Polizei in Atem hält, sieht aus wie ein ganz normaler Mann.
Die Zielfahnder gehen in den ersten drei Wochen vielen Hinweisen nach. Wolf, so wissen sie, gilt als gesellig. Er sucht die Öffentlichkeit, verbringt seine Abende gerne in Kneipen und kommt öfters bei einem Bier mit anderen Gästen ins Gespräch. Außerdem ist er ein begeisterter Sportler. Vor allem mit Schwimmen und Hanteltraining hält er sich fit. Einen Monat lang suchen sie alle Bäder und Fitnessstudios im Rhein-Main-Gebiet ab. Schließlich wissen sie: Wolf war dort.
Wolf spricht perfekt Englisch und Niederländisch
Denn der gebürtige Düsseldorfer, der mit rheinländischem Dialekt spricht, aber auch Englisch und Niederländisch perfekt beherrscht, hat den Drang, weiter Sport zu treiben. Er legt die Gewohnheit auch dann nicht ab, als längst mit internationalem Haftbefehl nach ihm gesucht wird.
Er sucht mehrere Schwimmbäder auf, trainiert mit Paddles, einer Art Schwimmhilfe, mit der die Armmuskulatur trainiert wird – und scheut nicht das Risiko, dass ihn einer der Bademeister erkennen könnte. Vielleicht wiegt er sich noch immer in der Sicherheit, dass er, das „Chamäleon“, ohnehin nicht so schnell erkannt wird - zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass das ein Trugschluss ist.
Bei seiner Lebensgefährtin, mit der er acht Jahre lang zusammen im Frankfurter Westend gewohnt hatte, meldet sich Wolf nicht. Er hatte sie die ganze Zeit über getäuscht und gab vor, ein niederländischer Staatsbürger namens David van Dijk zu sein. Stutzig wurde die Lebensgefährtin nie, sagt sie. Aus Sicht von Kriminalpsychologen ist das der beste Beweis dafür, dass Wolf ein Talent dafür hat, Menschen zu täuschen – und mit ihnen wie mit Puppen zu spielen, denn eine enge Bindung zu anderen Menschen sei ihm fremd.
Er begann mit Ladendiebstahl
Seine kriminelle Karriere begann früh: Als Teenager stahl er Fahrräder und fiel als Ladendieb auf. Später folgten Körperverletzung und Raub. Mehrfach saß Wolf im Gefängnis, zuletzt in der Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen wegen eines Banküberfalls. Von dort flüchtete er um die Jahreswende 1999/2000 – er kam von einem Hafturlaub nicht mehr zurück. Warum ihm der Freigang überhaupt gewährt wurde, können die Ermittler der Polizei bis heute nicht verstehen.
Am 31. März hält sich Wolf in Berlin auf. Nach Polizeiangaben stiehlt er in einem Parkhaus an der Knesebeckstraße, die den Kurfürstendamm kreuzt, zwei Paar Nummernschilder: das Münchner Kennzeichen M-XA 8036 und das Apoldaer Kennzeichen AP-FY 43. Das Parkhaus ist mit 333 Stellplätzen das größte in der Umgebung. Das Nummernschild aus Thüringen wird später an dem Fluchtwagen gefunden.
Hinweise gibt es in Berlin, München und Bremen
Auch bemüht sich Wolf um eine Wohnung in der Hauptstadt – in dem Auto, das die Polizei später sicherstellt, liegen Zeitungen mit markierten Wohnungsanzeigen, auch Berliner Adressen. Es sind Ausgaben vom 22. und 23. April. Die Polizei hofft, dass Wolf in Berlin bei potentiellen Vermietern angerufen hat und diese nun mit Hilfe einer alten Tonaufnahme seine Stimme identifizieren können (eine von der Polizei freigegebene Hörprobe Wolfs kann unter dem ersten Fahndungs-Foto auf dieser Seite angeklickt werden).
Vom 13. bis 16. April macht Wolf Station in München. Dort kauft er ein Fahrrad, ein hochwertiges blaues Herrenrad. Am 27. April wird er in Bremen gesehen. Er stellt seinen Golf Variant in der Parkgarage „Pressehaus“ ab und ist in der Innenstadt unterwegs. Über die Hochstraße fährt er in den Stadtteil Huchting und geht dort im Hallenbad schwimmen – mit Paddels.
Ende April ist er in Holzhausen. Der Ort ist so klein, dass es keine Straßennamen gibt, die Häuser in dem Ortsteil von Beckeln sind durchnumeriert. „Hier gibt es nicht viele Häuser, aber viel Wald“, sagt eine Anwohnerin. Das macht sich auch Thomas Wolf zunutze.
Ein Versteck im Wald
Auf den silbernen VW Golf Variant hat er das gestohlene Kennzeichen AP-FY 43 montiert. Mit dem Auto hält er in einem Waldstück in der Nähe der Samtgemeinde Harpstedt im Landkreis Oldenburg. Gut 300 Meter entfernt liegt die verlassene Gaststätte und Pension „Kreuzkrug“. Sie steht zum Verkauf, die frühere Betreiberin lebt in einem Altenheim.
Hier bleibt Wolf tagelang. Erst am 1. Mai fliegt sein Versteck auf. Ein Anwohner aus den Niederlanden, der mitten im Wald in einem Wochenendhaus ohne fließend Wasser lebt, ruft gegen 15 Uhr die Polizei, als er Wolfs Wagen entdeckt. Der steht zur Hälfte auf einem Waldweg, der Zufahrt zum Haus. Die Vorderreifen haben sich in den tiefen Boden gegraben, der Wagen steckt fest, die Türen stehen offen. Beim Versuch zu wenden hatte Wolf das Auto festgefahren. Er muss es fluchtartig verlassen haben.
„Pass lieber auf, ich hab hier zwei Gewehre“
Zu Fuß flüchtet er wohl weiter hinein in den Naturpark Wildeshauser Geest. Der „Weser-Kurier“ berichtet, ein Jäger aus dem benachbarten Ganderkesee habe um 4.15 Uhr in der Nacht zum 1. Mai in einem Wald bei Dünsen seinen Platz im Hochsitz beziehen wollen. Seiner Schilderung zufolge ist der Hochsitz jedoch von innen verriegelt. Der Jäger rüttelt erfolglos an der Tür.
Plötzlich öffnet ein ruhiger Mann. Dieser behauptet, auf einer Maifeier gewesen zu sein und seinen Rausch auszuschlafen. Der Jäger weist ihm bestimmt den Weg aus dem Wald und warnt ihn noch davor, sich vom Jagdaufseher erwischen zu lassen. Der steht jedoch nur einige Meter entfernt und stellt sich Wolf in den Weg. „Erst hat er mich mit einem dicken Stock bedroht – da hab ich gesagt: ,Pass lieber auf, ich hab hier zwei Gewehre‘“, berichtet der Jagdaufseher, der wie der Jäger anonym bleiben will. Wolf verhält sich ruhig, auch, als er seine Jacke und den Rucksack öffnen muss. Da er nichts Verdächtiges mit sich führt, lässt ihn der Jagdaufseher weiter ziehen. Wolf läuft Richtung Dünsen, dort verliert sich seine Spur.
Graues Polohemd, schwarze Schuhe, olivfarbene Schuhe
Die Polizei findet in dem Auto das gestohlene Münchner Kennzeichen, 10.000 Euro, 3,5 Gramm Marihuana, einen Schlafsack – und einen Fahrradsattel. Das Fahrzeug ist unverschlossen, der Schlüssel steckt im Zündschloss, auch persönliche Gegenstände hat Wolf in der Hektik zurückgelassen.
Die Pächterin des Jagdreviers vermutet, dass Wolf von Schüssen während einer Treibjagd aufgeschreckt worden ist: „Dann ist er wohl zu uns gelaufen“, sagt sie. Mit einem grauen Polohemd, einer blousonartigen Windjacke, einer schwarzen Hose und olivfarbenen Trekkingschuhen soll Wolf bekleidet gewesen sein. Er hatte zudem einen dunklen Rucksack dabei.
Wolf braucht L-Thyroxin
Die vielversprechendsten Spuren finden die Ermittler aber später in dem Fluchtauto, das zum Landeskriminalamt nach Hamburg gebracht wird. Wolf muss in dem Wagen mehrere Nächte lang genächtigt haben, finden die Beamten heraus – und finden außer Kleidungsstücken, einem Schlafsack und Lebensmitteln auch Tabletten: „L-Thyroxin“, ein Schilddrüsen-Medikament.
Dass Wolf an einer Krankheit leidet, ist für die Ermittler ein neuer Ansatzpunkt. Bald müsse Wolf einen Arzt oder eine Apotheke aufsuchen, sagen sie. Das Medikament gebe es nur gegen Rezept. Bis zum Donnerstag arbeitet die Sonderkommission zahlreiche Hinweise ab. Einige sind vielversprechend, andere weniger, wie die Polizei sagt. Aber noch immer sei man für jede Information dankbar. Neun Jahre lang hat man Thomas Wolf nicht gefasst. Seitdem er aus dem Gefängnis geflohen ist. Nun stehen die Chancen gut.
Ist das jetzt ein 'echter' Krimineller oder möglicherweise auch nur ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 08.05.2009, 22:37 Uhr
Datenabgleich
Henk Oberste Berghaus (henkob)
- 15.05.2009, 21:12 Uhr