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Gespräch mit Strafverteidiger : „Vor dem Gesetz ist nicht jeder gleich“

Anwalt Ahmed in der Nähe seines Büros am Münchner Isartor Bild: Jan Roeder

Adam Ahmed ist einer der profiliertesten Strafverteidiger der Republik. Zu seinen Mandanten zählen Mörder und Vergewaltiger. Ein Gespräch über Unschuldige im Gefängnis, voreingenommene Richter und böse Seelen.

          Kann man einem Mörder seine Tat ansehen?

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Sie können erst einmal niemandem ansehen, wozu er fähig ist. Häufig geht es um Menschen, denen man eine Tat überhaupt nicht zutraut. Wenn ich Praktikanten in meiner Kanzlei habe, nehme ich die meistens mit ins Gefängnis. Wir reden zehn Minuten mit einem Mandanten, und danach frage ich sie, was sie glauben, was derjenige wohl gemacht hat. Den einen halten sie für einen Eierdieb, tatsächlich hat er eine Frau mit drei verschiedenen Tatwerkzeugen ermordet – Axt, Seil, Schürhaken. Im anderen Fall glauben sie etwas Abgründiges zu erkennen, und die Tat ist vergleichsweise harmlos.

          Denken Sie darüber nach, warum Ihr Mandant eine Tat begangen hat?

          In der Freizeit versuche ich das bewusst nicht. Wie kommt man dazu? Wird man so geboren? Das sind die Fragen. Hat das mit Erziehung zu tun? Wenn man bei den schweren Delikten die Kindheit beleuchtet, dann entstehen häufig Parallelen. In einem Vergewaltigungsfall ist der Beschuldigte als Kind adoptiert worden, in einem anderen, wo es um einen brutalen Mord geht, auch. Sagt das was aus? Ich weiß es nicht, aber man macht sich natürlich Gedanken.

          Die Täter sind manchmal selbst Opfer?

          Einige Menschen, die Kinder missbrauchen, sind selbst missbraucht worden. Das mag die Schuld für eine Strafe in rechtlicher Hinsicht relativieren, jedoch nicht aus Sicht des Opfers. Im Übrigen zeigt es ein psychisches Defizit auf, was wiederum für das Gericht von Bedeutung ist.

          Was für eine Rolle spielt die Strafe?

          Bei der Strafe geht es ja gerade auch um Resozialisierung. Wenn man den Taten nicht auf den Grund geht, geschehen sie wieder. Das deutsche Recht setzt ja nicht nur auf Schuld und Strafe, es geht um Prävention.

          Könnte ein Täter das ausnutzen?

          Nur dann, wenn er zum Beispiel eine Erkrankung vorspielt und dadurch seinen Rechtsanwalt, den Staatsanwalt, den Richter und natürlich auch den Gutachter täuscht.

          Was sind das für Krankheiten, die man vorspielen kann?

          Psychische Probleme, Schädigung im Kindesalter oder Notwehrsituation. Vielen Beschuldigten fehlen allerdings die intellektuellen Fähigkeiten, um so zu lügen, um den Fragen eines Staatsanwalts oder Vorsitzenden Richters standzuhalten. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, gering.

          Dürfen Sie einem Mandanten sagen, wie er lügen soll?

          Nein, das wäre eine Straftat. Am Ende würde eine solche Lüge rauskommen, davon bin ich überzeugt. In der Vorbereitung sagt man dem Mandanten, welche Fragen Richter oder Staatsanwalt stellen könnten. Wenn ich die Akten durchschaue und merke, dass gegen den Mandanten keine Beweise vorliegen, dass Zeugen ihn nicht zweifelsfrei erkennen können, rate ich ihm zu schweigen. Das muss ich sogar.

          Jemand, der womöglich schuldig ist, kann auf diesem Wege frei bleiben?

          Im Zweifel für den Angeklagten. Diese Konstellation kommt jedoch sehr selten vor, und im Falle eines Tötungsdeliktes halte ich das fast für ausgeschlossen. Viel wahrscheinlicher ist es hingegen, dass ein Unschuldiger etwa wegen Mordes ins Gefängnis kommt. Das zeigt sich schon anhand der Fälle, wo jemand im ersten Durchlauf mangels Beweisen wegen Mordes freigesprochen wird, die Staatsanwaltschaft geht in Revision, der Bundesgerichtshof hebt das Urteil auf, nur weil das Gericht bei den schriftlichen Formulierungen unpräzise war – und der Angeklagte wird dann schuldig gesprochen. Ich halte es auch für eine Traumvorstellung, dass man glaubt, alle Gerichte seien unabhängig und unvoreingenommen. Wenn ein Richter ein Verfahren zulässt, dann geht er erst mal davon aus, dass es zur Verurteilung im Sinne eines Schuldspruchs kommt. Manche stellen nur Fragen, die auf einen solchen Schuldspruch hinwirken.

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