10.04.2009 · Im Geiseldrama um den von Piraten entführten amerikanischen Kapitän Richard Phillips setzen die Vereinigten Staaten auf Verhandlungsprofis und Militärpräsenz. Piraten halten weiterhin den Hamburger Frachter „Hansa Stavanger“ in ihrer Gewalt.
Die amerikanische Marine hat ihre Flotte vor der Küste Somalias verstärkt, um den seit Tagen von Piraten als Geisel gehaltenen amerikanischen Kapitän zu befreien. Mehrere Schiffe seien auf dem Weg in die Region, wo der Kapitän des unter amerikanischer Flagge fahrenden Frachters „Maersk Alabama“ am Mittwoch entführt worden war, hieß es am Donnerstag aus dem Pentagon. Unterdessen setzte der Frachter unter Begleitschutz seinen Weg nach Mombasa in Kenia fort.
Der Zerstörer „USS Bainbridge“ sowie ein Aufklärungsflugzeug versuchten am Freitag weiter zu verhindern, daß die Piraten ihre Geisel auf ein größeres Boot bringen. In der Nacht hatte Kapitän Philipps vergeblich versucht, seinen Entführern zu entkommen.
Ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug überflog die Region. Ein in den Vereinigten Staaten ansässiger Sprecher der dänischen Reederei Maersk sagte am Donnerstag, Kapitän Richard Phillips sei unversehrt. Die Besatzung hat nach eigenen Angaben Funkkontakt zu ihm. Die Offiziere des „USS Bainbridge“ müssen die Piraten mit Batterien für ihr Funkgerät versorgen, berichtete der britische Rundfunksender BBC.
Mehr Soldaten in die Region
Kapitän Phillips wird in einem Beiboot von vier Piraten festgehalten, die den 17.500-Tonnen-Frachter „Maersk Alabama“ am Mittwochmorgen überfallen hatten. Die unbewaffnete 20-köpfige Besatzung konnte die Angreifer nach einigen Stunden in die Flucht schlagen, wie der Zweite Offizier Ken Quinn berichtete.
Den Piraten gelang es jedoch, sich mit einem Beiboot des Frachters und dem Kapitän abzusetzen. Sie verlangen Lösegeld. Wie der Fernsehsender CNN berichtete, wollte der 53 Jahre alte Kapitän Phillips am Freitag seinen Kidnappern davonschwimmen. Den Piraten sei es aber gelungen, ihn wieder in das Rettungsboot zu schaffen. „Der Kapitän ist unverletzt“, berichtete der Sender. Ohne den Kapitän des Containerschiffs „Maersk Alabama“ wären die Seeräuber nach ihrem gescheiterten Überfall vom Mittwoch ohne jedes Faustpfand auf hoher See. Das Rettungsboot treibt in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem Zerstörer „USS Bainbridge“.
Am Donnerstag war die Bundespolizei FBI auf Bitten der Marine zu den Verhandlungen mit den Piraten hinzugezogen worden. Der amerikanische Verteidigungsminister Robert Gates sagte, die Unversehrtheit des Kapitäns habe Vorrang. Nach Angaben der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton hat das Beiboot keinen Treibstoff mehr. Als Reaktion auf den Piraten-Angriff will das amerikanische Militär sein Engagement am Horn von Afrika verstärken. Zusätzliche amerikanische Soldaten würden in die Region verlegt.
Kompetenzstreit soll Geiselbefreiung verhindert haben
Die Entführung des Handelsschiffs, das Hilfsgüter der Vereinten Nationen geladen hat, war der sechste Piratenangriff vor Somalia binnen fünf Tagen. Unter anderem haben Seeräuber seit vergangenem Samstag den Hamburger Frachter „Hansa Stavanger“ in ihrer Gewalt. Laut einem Bericht des Magazins „Der Spiegel“ hatte der Krisenstab des Auswärtigen Amtes eine gewaltsame Befreiung des unter anderem mit fünf Deutschen besetzten Schiffes geplant. Die Piraten hätten den Frachter jedoch zu ihrem Stützpunkt gebracht, bevor es zu einem Einsatz kommen konnte.
Einem Medienbericht zufolge verhinderte ein Kompetenzstreit zwischen Bundeswehr und Bundespolizei die Geisel-Befreiung auf der „Hansa Stavanger“. Wie das Magazin „Focus“ am Freitag vorab aus seiner neuen Ausgabe berichtete, hat die Marineleitung der Fregatte „Rheinland-Pfalz“ trotz Anweisung aus dem Berliner Krisenstab am vergangenen Montag untersagt, das von Piraten entführte Schiff zu stoppen. Demnach stand ein Kommando der Eliteeinheit GSG 9 bereit, die Crew, darunter fünf Deutsche, mit Hilfe der Marine aus der Hand der Seeräuber zu befreien.
Unterdessen forderte der Somalia-Gesandte der Vereinten Nationen, Ahmedou Ould-Abdallah, die Ursachen der Piraterie zu bekämpfen. Die internationale Gemeinschaft müsse das Problem an den Wurzeln angreifen, erklärte er am Donnerstag. Somalia hat seit dem Sturz von Präsident Mohamed Siad Barre 1991 keine funktionierende Regierung mehr.