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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Geiselnahme mit fünf Toten in Karlsruhe Hereingelassen, gefesselt, erschossen

 ·  Ein Mann, der seine Wohnung in Karlsruhe räumen sollte, hat vier Menschen als Geiseln genommen und nach Angaben der Staatsanwaltschaft „regelrecht hingerichtet“. Anschließend tötete er sich selbst. Offenbar war die Tat geplant.

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© dpa Die Leichen der Opfer und des Täters werden abtransportiert.

Tschüss, Juli“, ruft ein kleines Mädchen mit Schulranzen und blondem Zopf. Dann hebt ein bärtiger Polizeibeamter mit schusssicherer Weste das rote Absperrband hoch und begleitet die Schülerin in die Wohnungen im Karlsruher Kanalweg. Für das Mädchen ist es ein ungewöhnlicher Schulschluss, für die Menschen in der Paul-Revere-Siedlung, gelegen im Norden Karlsruhes, ein schrecklicher Tag. Vor zehn Jahren wohnten hier amerikanische Soldaten.

Jetzt sind die Mehrfamilienhäuser schön wärmeisoliert, um eine Etage aufgestockt. Eichen und Haselnusssträucher wachsen auf den Grünflächen, auf denen die amerikanischen Soldaten früher ihre Nackensteaks gegrillt haben. Im alten Kasernen-Gelände liegt ein Bürgerzentrum. Daneben ist eine familienfreundliche Siedlung mit modernen Reihenhäusern gebaut worden. „Smiley West“ heißt sie. Nur den Familien ist seit 9 Uhr in der Früh das Lachen vergangen. „Ich habe aus dem Fenster geschaut, plötzlich war abgeriegelt, Polizisten mit Maschinenpistolen lagen im Gras“, erzählt Anne K., eine junge Mutter, die ihre dreijährige Tochter im Kinderwagen an den roten Absperrbändern entlang schiebt. „Wir wollten uns eigentlich am Mittag in der Stadt treffen, aber dann kam mein Freund gar nicht mehr aus der Siedlung raus“, erzählt Nadja S., eine 20 Jahre alte Biologie-Studentin.

Dramatisch muss es um acht Uhr in der Kanalstraße 114 zugegangen sein. Ein Sozialarbeiter, ein Schlosser (33 Jahre) und ein Gerichtsvollzieher (47 Jahre) klingelten bei einer Familie. Die Wohnung sollte geräumt werden. Sie war am 15. April zwangsversteigert worden. Mehrfach hatte der Gerichtsvollzieher die Wohnungseigentümer über die bevorstehende Zwangsräumung informiert. Um 8.55 Uhr bekommt die Polizei einen Notruf, ein Mann mit Handgranaten und Maschinengewehren sei in der Siedlung beobachtet worden. Unmittelbar nach dem Betreten der Wohnung fallen Schüsse. Später gelingt dem Sozialarbeiter der Stadt Karlsruhe die Flucht. Die Polizei ist deshalb über die Situation gut informiert. Ein Sondereinsatzkommando aus Göppingen wird angefordert. Für die Polizei heißt das nun: Es muss Zeit gewonnen werden. Der bewaffnete Mann hat drei Geiseln in seiner Gewalt.

Fünf Tote bei Geiselnahme in Karlsruhe

Eine Verhandlungsgruppe mit Polizei-Psychologen wird gebildet. Wenige Minuten vor 12 Uhr steigt Rauch aus der Wohnung auf. „Etwa um 11.45 Uhr hat es einen sehr lauten Knall gegeben, wie im Film, wir konnte nichts sehen, wir mussten unsere Wohnung räumen“, erzählt eine Anwohnerin. Das SEK stürmt die Wohnung um 11.48 Uhr. Der Täter, eine arbeitsloser 53 Jahre alter Mann, zündet den Teppich an. Der dichte Rauch macht es den Polizisten nahezu unmöglich, sich in der Wohnung zu bewegen. Die Polizisten finden die Leichname des Gerichtsvollziehers, eines Mitarbeiter des Schlüsseldienstes, einer Frau und eines weiteren Mannes, des neuen Wohnungseigentümers. Die Staatsanwalt spricht von einem „schrecklichen Verbrechen“, einer „hochkomplexen Einsatzlage mit vielen Zielkonflikten“.

„Die Tat muss sich schon um 8 Uhr morgens ereignet haben“, sagt Roland Lay, Leitender Polizeidirektor. Der Gerichtsvollzieher wird von zwei Schüssen in den Oberschenkel getroffen, der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes muss zunächst die anderen Geiseln fesseln. Offenbar hat der Täter die Geiselnahme und die Tötung seiner Opfer gut vorbereitet. „Die Geiseln saßen auf dem Sofa, der Mann holte sich Bier und Zigaretten, das Ganze dauerte 40 Minuten, dann erlaubte er dem Sozialarbeiter, die Wohnung zu verlassen“, berichtet Lay. Da hatte der Täter, der wegen eines Ladendiebstahls vorbestraft war, noch eine Faustfeuerwaffe und zwei Handgranaten in seiner Weste. Die Polizei hatte fieberhaft versucht, vor der Stürmung mit dem Mörder in Kontakt zu kommen, alle Mobiltelefone und Festnetznummern seinen ausprobiert worden - ohne Erfolg.

Die Lebensgefährtin fand die Polizei im Bett im Schlafzimmer. Sie ist mit einem „aufgesetzten Brustschuss“ getötet worden. Ob dies vor der Geiselnahme geschehen ist oder erst wenige Minuten bevor sich der Täter tötete will die Polizei noch klären. Oberbürgermeister Heinz Fenrich (CDU) kann zur Erklärung der Tat ein paar Details beitragen: „Die Wohnungseigentümerin war seit längerer Zeit mit Zahlungen an die Eigentümergemeinschaft im Verzug. Die Wohnung wurde dann zwangsversteigert. Der neue Eigentümer hat dann wohl Eigenbedarf angemeldet.“ Der Sozialarbeiter habe ihm, Fenrich, berichtet, dass er in den dramatischen Stunden im Kanalweg immer wieder seine Hilfe angeboten habe, ohne Erfolg.

Mehr Angriffe auf Gerichtsvollzieher

Die Zahl der Fälle von Gewaltanwendung gegen Gerichtsvollzieher ist in Deutschland in den vergangenen zehn bis 15 Jahren gestiegen. Dies teilte der Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Gerichtsvollzieher-Bundes am Mittwoch mit. Das gelte besonders für Zwangsräumungen. Hier seien viele „Extremfälle“ festzustellen, sagte der Landesvorsitzende Rüdiger Majewski. Es müsse aber herausgestellt werden, dass es sich bei Fällen wie jetzt in Karlsruhe um „Ausnahme- und Extremfälle“ handele, sagte Majewski gegenüber dieser Zeitung. Meist seien die Schuldner dem jeweiligen Gerichtsvollzieher jedoch bekannt. In Fällen, in denen der Verdacht besteht, dass der Gerichtsvollzieher mit dem Schuldner „nicht zurechtkommt“, könne bewaffneter Polizeischutz hinzugezogen werden. Bei jeder Zwangsräumung automatisch ein Polizeiteam mitzunehmen sei allerdings „unrealistisch“, so Majewski. (rjsu.)

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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