11.04.2009 · Bei der französischen Militäraktion zur Befreiung der Jacht „Tanit“ aus Piratenhand war nach Informationen der Website lepoint.fr angeblich auch die deutsche Fregatte „Mecklenburg- Vorpommern“ im Einsatz. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam wollte das gegenüber FAZ.NET jedoch nicht bestätigen.
Bei der französischen Militäraktion zur Befreiung der Jacht „Tanit“ aus Piratenhand war nach Informationen der Website lepoint.fr angeblich auch die deutsche Fregatte „Mecklenburg- Vorpommern“ im Einsatz. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam wollte das gegenüber FAZ.NET jedoch nicht bestätigen.
Das Schiff der Bundesmarine verfüge über gute Lazaretteinrichtungen, berichtete lepoint.fr am Samstag. Bei der Befreiung der „Tanit“ am Karfreitag war der französische Skipper getötet worden. Drei andere Geiseln kamen frei. Alle Piraten wurden überwältigt oder getötet.
Krisensitzungen im Elysée-Palast
Die französische Kriegsmarine hatte nach offiziellen Angaben die drei Fregatten „Aconit“, „Floréal“ und „Commandant Ducuing“ im Einsatz. Die Zahl der beteiligten Soldaten sei viel höher gewesen als mitgeteilt, schreibt lepoint.fr.
So seien 70 Soldaten der Marinekommandos im Einsatz gewesen. 20 von ihnen seien aus Dschibuti und 50 aus Frankreich geholt worden, darunter Scharfschützen und Kampfschwimmer. Dazu seien Agenten des Geheimdienstes DGSE gestoßen. Mehr als 70 Mann seien mit Fallschirmen von einem Flugzeug Hercules C-130 im Meer abgesetzt worden.
Koordiniert wurde der Einsatz vom taktischen Kommandozentrum Cofusco von Lorient in der Bretagne. Dazu gab es regelmäßig Krisensitzungen im Élyséepalast mit Präsident Nicolas Sarkozy und den Spitzen der Militärs. Sarkozy habe direkt entschieden.
Nervenkrieg um entführten Amerikaner geht weiter
Die Piraten arbeiteten wie die Seeräuber des 18. Jahrhunderts. Aufgebrachte Schiffe würden von den Befehlshabern schnell an Kommandos niederen Ranges übergeben. Die könnten nicht alleine entscheiden. Im Falle der „Tanit“ hätten die Befehlshaber an Land in abgehörten Gesprächen „radikale Befehle“ gegeben, heißt es. So sollten sich die muslimischen Piraten im Falle eines Angriffes mit der Jacht und den Geiseln in die Luft sprengen.
Derweil ging der Nervenkrieg um den entführten amerikanischen Schiffskapitän Richard Phillips im Indischen Ozean weiter: Seeräuber sollen am Samstag mit gekaperten Schiffen Kurs auf das zwischen Kriegsschiffen im Indischen Ozean treibende Rettungsboot genommen haben, auf dem vier ihrer „Kollegen“ den 53-jährigen Kapitän der „Maersk Alabama“ als Geisel gefangen halten.
Die neue Strategie der Piraten, fern der somalischen Küste und angesichts der internationalen Marinestreitmacht nicht mehr im Golf von Aden zuzuschlagen, hat sich in diesem Fall gegen die Seeräuber selbst gewendet. Denn mit dem Zerstörer „USS Bainbridge“ und der Fregatte „USS Halyburton“ sind bereits zwei Kriegsschiffe vor Ort, ein drittes wurde am Samstag binnen 24 Stunden erwartet.
Angeblich Einsatz der GSG9 erwogen
Dagegen müssen die Piratenschiffe von der somalischen Küste 500 Kilometer zurücklegen und die Marineschiffe aus Deutschland, Frankreich, Indien und anderen Staaten passieren.
Das Auswärtige Amt in Berlin wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Es erklärte, der Krisenstab des Ministeriums arbeite unverändert intensiv an der Freilassung der Seeleute an Bord der „Hansa Stavanger“. Die Bundesregierung hatte Medienberichten zufolge eine Befreiung der „Hansa Stavanger“ durch die Eliteeinheit GSG 9 erwogen.
Nach Angaben des Magazins „Der Spiegel“ scheiterte die Aktion aber daran, dass die Seeräuber das Containerschiff der Hamburger Reederei „Leonhardt und Blumberg“ zu schnell zu ihrem Stützpunkt in der Bucht von Harardere an der somalischen Küste brachten. Laut „Focus“ kam es zudem zu einem Zuständigkeitsstreit zwischen dem Bundesinnenministerium und dem Verteidigungsministerium.
Die Tatsache, dass die Piraten nicht ihre eigenen, sondern gekaperte Schiffe einsetzen, lässt vermuten, dass sie die gefangenen Schiffsbesatzungen notfalls als „menschliche Schutzschilde“ einsetzen wollen. So nahen die Piraten zunächst mit der vor einer Woche gekaperten „Hansa Stavanger“, auf der sich unter anderem fünf Deutsche befinden, Kurs auf die den Treffpunkt der Streitkräfte auf hoher See. Mittlerweile haben sie jedoch wieder Eyl, eine der bekanntesten Piratenhochburgen in der halbautonomen Region Puntland angesteuert.
Gewaltsame Befreiung durch Franzosen
Sie sollen durch die militärische Übermacht abgeschreckt worden sein. Ein amerikanischer Militärsprecher sagte jedoch laut CNN, das amerikanische Militär habe Funkgespräche der Piraten abgehört. Danach soll ein Pirat an Bord der „Hansa Stavanger“ über Funk gesagt habe, es sei ihnen nicht gelungen, ihren auf hoher See in einem Rettungsboot treibenden Komplizen mit einem gekaperten deutschen Container-Schiff zur Hilfe zu kommen. „Wir sind wieder an der Küste. Wir haben das Rettungsboot nicht finden können. Wir hätten uns fast verirrt.“
Inzwischen dürfte sich bei den Piraten auch die Neuigkeit von der gewaltsamen Befreiung der gekaperten Jacht „Tanit“ durch französische Truppen am Freitag herumgesprochen haben. Bei der Aktion kamen nicht nur zwei der Seeräuber, sondern auch ein französischer Familienvater ums Leben.
Mit Kapitän Phillips, der bereits einen Fluchtversuch unternommen hatte, haben die Piraten eine besonders „wertvolle“ Geisel - amerikanischen Medienberichten zufolge fordern sie zwei Millionen Dollar (1,5 Millionen Euro) Lösegeld. Die Piraten haben nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums Kapitän Phillips nach dessen Fluchtversuch gefesselt. Der 53 Jahre alte Mann hatte am Freitag mit einem Hechtsprung von dem Schiff fliehen wollen. Nach neuesten Angaben folgte ihm jedoch ein Seeräuber und zwang ihn zurück aufs Schiff. Bei der Aktion feuerten die Piraten auch Schüsse ab. Phillips werde von seinen Kidnappern an Bord des geschlossenen Fiberglasbootes streng bewacht.
Erstmals ein amerikanisches Schiff gekapert
Mit dem Überfall auf die „Maersk Alabama“ kaperten die Seeräuber zum ersten Mal ein amerikanisches Schiff. Diesen Coup dürften sie inzwischen allerdings bitter bereuen. Denn erst sank das Piratenboot beim Angriff auf das Containerschiff, dann vertrieben die amerikanischen Seeleute mit entschlossener Gegenwehr die Piraten von Bord. Auf dem Rettungsboot, dem mittlerweile das Benzin ausgegangen ist, verhandeln die vier Piraten nun mit dem FBI über die Bedingungen für eine Freilassung des amerikanischen Kapitäns.
Angesichts der ungleichen Waffen und Schiffe ist Phillips das einzige Faustpfand der Piraten und die einzige Hoffnung, vielleicht doch noch davonzukommen. Was aber, wenn die Seeräuber die Nerven verlieren? Eine Befreiungsaktion könnte tragisch enden. Sollten andere Piratenschiffe in den nächsten Tagen tatsächlich eintreffen, hätten die Seeräuber jedoch nicht nur Verstärkung und größere und einsatzfähige Schiffe. Auch eine beträchtliche Zahl von Geiseln könnte dann im Fall einer bewaffneten Konfrontation gefährdet werden.
Andrew Mwangura vom Ostafrikanischen Seefahrerprogramm bezweifelt allerdings, dass tatsächlich eine Piratenflotte auffährt und der amerikanischen Marine die Stirn bietet. „Das wäre doch ein sicheres Todesurteil“, sagt er. Wahrscheinlicher und aussichtsreicher sei trotz aller Dramatik auf hoher See eine Verhandlungslösung. Derzeit befindet sich noch ein Dutzend Schiffe mit mehr als 220 Besatzungsmitgliedern in der Hand somalischer Piraten.