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Frauenmörder Heinrich Pommerenke : Die „Bestie in Menschengestalt“ ist tot

Heinrich Pommerenke, Bild aus dem Jahr 1960 Bild: dpa

Nach fast fünf Jahrzehnten im Gefängnis ist der Frauenmörder und Vergewaltiger Heinrich Pommerenke im Alter von 71 Jahren gestorben. Er saß länger im Gefängnis als jeder andere Häftling in Deutschland. Sein Fall hatte eine Debatte über die Ziele des Strafvollzugs ausgelöst.

          Der letzte Mord, für den er verurteilt wird, ist der wohl grausamste. Es ist Nacht, als Heinrich Pommerenke der 21 Jahre alten Dagmar Klimek in einem D-Zug auflauert. Er stößt die junge Frau bei voller Fahrt aus dem Wagen und zieht die Notbremse. Dann läuft er zu der Schwerverletzten, ersticht sie mit einem Messer, schleift die Leblose ein paar Meter den Bahndamm hinunter und vergeht sich an ihr. Kaum drei Wochen danach, am 19. Juni 1959, kommt der Polizei ein Zufall zur Hilfe. Pommerenke will bei einem Schneider im kleinen Städtchen Hornberg im Schwarzwald einen Anzug abholen. Kurz stellt er seine Tasche ab und verlässt den Laden. Der Schneider wirft einen Blick in das ihm merkwürdig erscheinende Gepäck und entdeckt ein abgesägtes Gewehr. Später wird Pommerenke behaupten, er habe sich absichtlich fangen lassen: „Ich wollte verhaftet werden.“

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mehr als 50 Jahre verbrachte der gefürchtete Frauenmörder Heinrich Pommerenke im Gefängnis, davon 49 Jahre - seit 19. Juni 1959 - an einem Stück. Damit saß er so lange wie kein anderer Häftling in Deutschland hinter Gittern. Am Samstag ist der inzwischen 71 Jahre alte Häftling im Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg bei Ludwigsburg gestorben. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er aber in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal, dort, wo auch der frühere RAF-Terrorist Christian Klar ein Vierteljahrhundert inhaftiert war. Fast 35 Jahre lang durfte Pommerenke das Gefängnis nicht verlassen, erst seit Mitte der neunziger Jahre konnte er hin und wieder für einige Stunden hinaus - und ging dann, seinen Seelsorger Ernst Ergenzinger an seiner Seite, in die Kirche. Gottesfürchtig soll Pommerenke geworden sein, ein Mann, der viel in der Bibel las. Und krank soll er gewesen sein, eine Blutkrankheit, wie es heißt. Als er starb, saßen zwei Mediziner an seinem Bett.

          Mehr als 60 Straftaten gestanden

          Der schmächtige blonde Zweiundzwanzigjährige hatte im Sommer 1959 mehr als 60 Straftaten gestanden. Vor seiner Verhaftung war er schon einmal verurteilt worden - zu knapp einem Jahr Gefängnis. Bei seinem zweiten Verfahren ist darum die Rede von einem „Gewohnheitsverbrecher“, das Landgericht Freiburg spricht ihn im Oktober 1960 wegen Mordes in vier Fällen schuldig, wegen versuchten Mordes in zwölf Fällen, wegen versuchter und vollendeter Notzucht (auch mit einem Kind und mit Todesfolge), darüber hinaus wegen mehrfachen schweren Raubs, räuberischer Erpressung und schweren Diebstahls - im Rückfall. Um die Bösartigkeit der, wie überall geschrieben wird, „Bestie in Menschengestalt“ herauszustellen, bekommt er zur lebenslangen Zuchthausstrafe noch insgesamt 156 Jahre aufgerechnet, zudem eine anschließende Sicherungsverwahrung.

          Aus den 156 Jahren wurden letztlich 15, nach einer Gesetzesänderung im Dezember 1986 blieb eine lebenslange Gesamtfreiheitsstrafe und Sicherungsverwahrung übrig. Schließlich entschied das Landgericht Karlsruhe, die Vollstreckung der Strafe könnte nach 42 Jahren enden (unter Berücksichtigung der Schwere seiner Schuld), eine Bewährung indes wurde aufgrund seiner ungünstigen Prognose abgelehnt. Noch 2004 stellten die Gutachter bei Pommerenke eine „wache Sexualität“ fest, die befürchten lasse, er könnte rückfällig werden.

          Fußball mit den Schäuble-Brüdern

          Schwer soll die Kindheit des am 6. Juli 1937 in Mecklenburg Geborenen gewesen sein. Der Vater habe ihn viel und übel gezüchtigt. Anfang der fünfziger Jahre war Pommerenke aus der DDR in den Südwesten der noch jungen Bundesrepublik gekommen. Dort beging er auch seine ersten Verbrechen - Diebstähle, dann Raubzüge, zuletzt Vergewaltigungen. Der Jugendliche lebte in Hornberg im Schwarzwald, arbeitete als Tellerwäsche im Hotel „Bären“, spielte in der Freizeit Fußball - unter anderen mit den Brüdern Thomas und Wolfgang Schäuble. Später wird behauptet, die Schäubles, der eine Justiz- und Innenminister in Baden-Württemberg, der andere Bundesminister des Innern, verhinderten bewusst seine Entlassung aus dem Gefängnis. Auch der Vorwurf wird erhoben, Pommerenke werde nicht oder unsachgemäß therapiert. Das Justizministerium Baden Württemberg lässt dazu wissen, der Gefangene habe Therapien oft verweigert. Die letzte Sozialtherapie Pommerenkes beginnt im Februar 2007 und muss im Dezember 2007 abgebrochen werden.

          Routinemäßig wurde nun eine Obduktion angeordnet, obwohl es keine Anzeichen für einen unnatürlichen Tod gibt, wie der Oberstaatsanwalt und Pressesprecher des Justizministeriums, Stefan Wirz, mitteilt. Angehörige seien ihm nicht bekannt, sagt Wirz. Er erwarte auch nicht, dass sich ein Verwandter noch melden werde. Für die Beerdigung Pommerenkes ist darum die Gemeinde Asperg zuständig. Bezahlen muss sie das Sozialamt der Stadt. Dabei wird die Behörde wohl auf die 1600 Euro aus dem Nachlass des Verstorbenen zugreifen, die Pommerenke als Hofreiniger im Gefängnis von Bruchsal verdiente. Gedacht war die Summe als Überbrückungsgeld, wenn er eines Tages wieder ein freier Mann sein würde.

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