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Französischer Ausbrecher : Nicht einfach nur im Knast geprahlt

Und das mit vier Geiseln: eine der vier Türen, die Faïd auf seinem Weg nach draußen sprengte Bild: dpa

Im Milieu galt er als „Superhin“, in seiner Biographie gab er sich geläutert. Nun ist der französische Gewaltverbrecher Redoine Faïd aus dem Gefängnis geflohen. Er nahm vier Geiseln und sprengte mehrere Türen. Weltweit wird nach ihm gefahndet.

          In seinem autobiographischen Buch „Der Räuber“ hatte sich Redoine Faïd geläutert gezeigt. Er wolle fortan ein normales Leben führen und zeigen, dass sich „Kriminalität nicht lohnt“, schrieb der Mann, den sie im Milieu das „Superhirn“ nannten. Das war 2010.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Jetzt hat es sich der berühmte Kriminelle anders überlegt - und Frankreich mit einer spektakulären Flucht aufgeschreckt. Am Samstag sprengte sich Redoine Faïd aus dem Hochsicherheitstrakt des Haftanstalt Sequedin unweit von Lille in die Freiheit. Seither wird nach ihm gefahndet, in Frankreich und mit einem europäischen Haftbefehl in ganz Europa - bislang erfolglos.

          Das „Superhirn“, da sind sich die französischen Ermittler sicher, hat seine Flucht von langer Hand vorbereitet und auf die Hilfe von Komplizen gebaut. Seine Ehefrau geriet sofort in Verdacht, ihm bei Haftbesuchen Sprengstoff und Waffen in die Zelle geschmuggelt zu haben. Der Anwalt der Frau wies alle Vorwürfe zurück. Auch Faïds Bruder Abdeslam Faïd wurde stundenlang von der Polizei verhört. Er hatte am Samstag in der Haftanstalt darauf gewartet, sich mit seinem Bruder hinter der Glasscheibe zu unterhalten - aber da war der längst auf dem Weg nach draußen.

          Auf dem Parkplatz wartete schon ein Komplize

          Die Polizisten mutmaßten, dass Abdeslam Faïd eingeweiht gewesen sein könnte. Die Flucht begann gegen 8.30 Uhr, als Redoine Faïd von seinen Gefängniswärtern aus der Zelle ins Sprechzimmer geführt werden sollte. Der bewaffnete Häftling überwältigte seine Wächter und nahm sie als Geiseln. „Für 1500 Euro Monatsgehalt lohnt es sich nicht zu sterben“, soll er sie gewarnt haben. Er schoss in die Decke, damit sie wussten, dass seine Waffe geladen war.

          Dann ebnete sich Faïd mit Sprengstoff den Weg durch vier gepanzerte Sicherheitstüren, seine Geiseln im Schlepptau. Zuletzt sprengte Faïd einen Zaun auf. Von den vier Geiseln ließ er drei sogleich wieder laufen. Auf dem Parkplatz wartete schon ein Komplize mit dem Fluchtwagen. Nach etwa sechs Kilometern ließen sie die letzte Geisel frei. Das Fluchtauto, einen Peugeot 406, ließen sie auf einem Autobahnparkplatz in Flamme aufgehen, um die Spurensicherung zu erschweren. Die Fahrt ging weiter in anderen Fluchtwagen.

          Die Polizei hatte da schon die Spur verloren. „Wir wissen nicht, in welche Richtung er gefahren ist“, sagte der zuständige Staatsanwalt in Lille, Frédéric Fèvre. „Er kann in Belgien sein oder in Paris, oder in einer Wohnung in Lille warten, bis sich die Aufregung gelegt hat.“

          Der 40 Jahre alte Redoine Faïd, Sohn algerischer Einwanderer, zählt zu den gefährlichsten Verbrechern in Frankreich. Er wuchs in der Banlieue von Paris auf, in der Cité du Plateau de Creil. Der Arbeitersohn kam schnell auf die schiefe Bahn. Als Rauschgifthändler in seiner Sozialwohnungs-Siedlung glitt er in die Schwerkriminalität ab. Der junge Mann mit dem glattrasierten Schädel „spezialisierte“ sich auf Geldtransport-Überfälle.

          In seinem Buch beschreibt er, wie sehr er Robert de Niro in der Rolle des Berufsverbrechers Neil McCauley in Michael Manns Film „Heat“ aus dem Jahr 1995 bewunderte. Gleich drei Mal wurde er wegen bewaffneten Raubs von einem Schwurgericht verurteilt. Eigentlich hätte er eine Jahrzehnte lange Sammelstrafe verbüßen müssen. Doch 2009 kam er vorzeitig auf Bewährung frei.

          „Drei Jahre Flucht und zehn Jahre Haft, ein Scheiß-Leben“

          Redoine Faïd trat reuig in Fernsehsendungen auf und warnte andere Banlieue-Jugendliche vor einem Abgleiten in die Kriminalität. „25 Jahre Kriminalität, drei Jahre Flucht und zehn Jahre Haft, ein Scheiß-Leben“, sagte er. Doch das Bild vom gewandelten Schwerverbrecher täuschte. Am 17. März 2011 überfiel er mit Komplizen einen Geldtransporter, zwei Millionen Euro verschwanden. Redoine Faïd soll auch den Überfall auf den Geldtransport in Villiers-sur-Marne am 20. Mai 2010 ausgeheckt haben, bei dem eine 26 Jahre alte Polizistin getötet wurde.

          Im Juni 2011 wurde er gefasst. Deswegen hätte er sich zum ersten Mal wegen Mordes und vor Gericht verantworten müssen. Mithäftlinge gaben jetzt an, Redoine Faïd habe während seiner Untersuchungshaft seit Mitte 2011 immer wieder damit angegeben, dass er die Justiz nicht fürchte. Er werde ohnehin bald flüchten, prahlte er. Jetzt ist ihm tatsächlich die Flucht gelungen, noch dazu so spektakulär, dass selbst die französische Justizministerin Christiane Taubira an den Tatort eilte.

          Quelle: F.A.Z.

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