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Flugzeug-Entführung : Schweizer Luftwaffe nur zu Bürozeiten einsetzbar

  • Aktualisiert am

Die entführte Maschine am Flughafen in Genf Bild: dpa

Als am Montagmorgen um 6 Uhr das vom Co-Piloten entführte Flugzeug der Ethiopian Airlines in Genf landete, wurde es von französischen Kampfjets begleitet. Die Luftwaffe der Schweiz war so früh am Morgen noch nicht einsatzbereit.

          Weil die Luftwaffe der Schweiz nur zu Bürozeiten einsatzbereit ist, mussten französische Kampfjets das nach Genf entführte Passagierflugzeug begleiten. Das bestätigte Luftwaffen-Sprecher Laurent Savary am Montag der Schweizer Nachrichtenagentur sda. Eidgenössische Militärflieger wären erst ab 8 Uhr bereit gewesen, erklärte er und bestätigte damit Berichte in Schweizer Online-Medien.

          Die in der Nacht vom eigenen Co-Piloten entführte Boeing 767 der Ethiopian Airlines mit mehr als 200 Menschen an Bord landete bereits gegen 6 Uhr. Die Maschine wurde von zwei französischen Mirage 2000 begleitet. Zuvor war sie über Italien von zwei Eurofighter-Jets der italienischen Luftwaffe eskortiert worden.

          Die Begleitung durch die Franzosen erfolgte laut Savary auf der Grundlage eines Abkommens. Französische Kampfflugzeuge hätten in solchen Fällen allerdings nicht das Recht, eine Maschine über Schweizer Boden abzuschießen, fügte er laut sda hinzu. Die Zusammenarbeit habe gut funktioniert.

          Die meisten der 193 Passagiere des Fluges ET 702 von Addis Abeba nach Rom - unter ihnen mehr als 130 Italiener sowie auch zwei Deutsche - ahnten noch nichts Böses, als neben der Maschine die Kampfflieger auftauchten. Der Bordservice lief scheinbar wie gewohnt weiter. Erst als die Boeing 767-300 zur Landung in Genf statt in Italiens Hauptstadt ansetzte, wurde wohl den meisten klar: Dies ist eine Flugzeugentführung.

          Kein Wunder, denn der Entführer saß im Cockpit, trug die schicke dunkelgrüne Uniform der Ethiopian Airlines und steuerte die Maschine kenntnisreich. Es war der Co-Pilot. Dagegen sind selbst die zuverlässigsten Sicherheitschecks der Airports machtlos.

          Nicht zum ersten Mal hat ein Pilot die eigene Passagiermaschine entführt. Chinesen flogen mit ihren Fluggästen zum Klassenfeind nach Taiwan - und von dort in die andere Richtung. Ein polnischer Flieger entführte seine Maschine 1982 nach West-Berlin, auch sowjetische Piloten setzten sich samt Flugzeug ab.

          Ansonsten aber sind Entführungen durch Mitglieder der Crew extrem selten. Umso schmerzlicher ist dies für die Ethiopian Airlines. Die Gesellschaft mit dem Slogan „The New Spirit of Africa“ ist der Stolz Äthiopiens, das Symbol für den Aufbruch des einstigen „Hungerlandes“. Dessen Wirtschaft wächst so stark wie kaum eine andere in Afrika.

          Vor mehr 50 Jahren gegründet, war die Ethiopian Airlines (ET) stets das andere, das moderne Gesicht des armen Landes. Seit Jahren gehört sie zur Star Alliance und bedient einige Strecken in Partnerschaft mit der Lufthansa.

          Ausgezeichnet war stets der Ruf äthiopischer Piloten. Als 1996 eine ET-Maschine gekapert wurde und der Treibstoff ausging, weil die Entführer nicht rechtzeitig eine Auftanklandung erlaubt hatten, starben zwar bei einer Notwasserung im Indischen Ozean mehr als 100 Menschen. Doch mehr als 50 konnten durch die Aktion von Kapitän Leul Abate und seinem Kopiloten gerettet werden. In der Fachwelt war von einer fliegerischen Meisterleistung die Rede.

          Warum sich jetzt einer der so angesehen Flieger im Cockpit einschloss, als der Captain mal zu Toilette musste, und die eigene Maschine nach Genf statt nach Rom steuerte, gibt Rätsel auf. Zumal er wohl selbst per Notruf auf seine Aktion aufmerksam machte und die italienische Luftwaffe auf den Plan rief. Per Funk verlangte er vom Tower in Genf die Zusicherung, nicht an Äthiopien ausgeliefert zu werden. Er sei dort bedroht.

          Nach der fliegerisch tadellosen Landung öffnete der Kopilot ein Kabinenfester und ließ sich an einem Seil hinabgleiten in die Arme von Polizisten. Dabei hätte er durchaus nach der planmäßigen Ankunft in Rom Asyl beantragen können - ganz ohne Aufsehen.

          Das aber - so vermuten Ermittler - könnte das eigentliche Ziel gewesen sein. In den meisten Medien wurde am Montag auf den Bericht der Organisation Human Rights Watch (HRW) zur Lage in Äthiopien vom Oktober 2013 verwiesen. Darin heißt es, die Polizei foltere Oppositionelle. Häftlinge, darunter kritische Journalisten, würden geschlagen, um Geständnisse von Straftaten zu erpressen.

          Äthiopiens Informationsminister Redwan Hussein trat dem Eindruck eines politischen Motivs entgegen: Der Kopilot habe keinen Grund gehabt, aus seiner Heimat zu fliehen - zumal er nie auffällig geworden und auch nicht vorbestraft sei. In der Schweiz drohen dem Entführer nun bis zu 20 Jahre Haft

          Quelle: DPA

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