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Fehlende Empathie Die unauffälligen Täter

 ·  Warum bleiben Psychopathen oft lange unentdeckt, obwohl sie kein Mitgefühl empfinden und sich nicht in andere hineinversetzen können? Der niederländische Neurologe Christian Keysers hat möglicherweise eine Antwort auf diese Frage gefunden.

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© dpa James Holmes’ Platz im Gerichtssaal vor der Anklageverlesung in Centennial, Colorado

Unauffällig sei der eine gewesen, heißt es, freundlich, vielleicht etwas still. Ein Einzelgänger der andere, auch er fiel nicht weiter auf. Bis der eine, Anders Breivik, vor einem Jahr in Norwegen, und der andere, James Holmes, vor zehn Tagen in einem Kino in den Vereinigten Staaten um sich schoss. Kaltblütig, so beschrieben es die Überlebenden, schossen beide auf flüchtende Menschen. Ohne sichtbare Empathie.

Wie ist es möglich, dass jemand, der kein Mitgefühl empfindet, der sich nicht in andere hineinversetzen kann, jahrelang nicht auffällt? Der niederländische Neurologe Christian Keysers, der zu Empathie-Defekten forscht, hat möglicherweise die Antwort darauf gefunden.

Es sind die Spiegelneuronen. Die Nervenzellen im Gehirn sind maßgeblich für die Empathie verantwortlich. Spiegelneuronen sind der Grund, warum wir gähnen, wenn unser Gegenüber den Mund aufreißt, warum wir uns selbst ekeln, wenn jemand anderem eine Vogelspinne über die Hand krabbelt, und warum wir zusammenzucken, wenn andere sich in den Finger schneiden. „Wir teilen so die Empfindungen von anderen“, sagt Keysers, der an der Universität Groningen lehrt. Umgekehrt heißt das: Wenn Spiegelneuronen nicht feuern, dann kann man sich nicht in seine Mitmenschen hineinversetzen. Also wäre ein Defekt im Gehirn für die Kaltblütigkeit verantwortlich.

„Manche Menschen sind eben mitfühlend, andere nicht“

Um das zu überprüfen, schob Keysers Psychopathen in den Scanner. Im Dienste der Wissenschaft wurden die im Kernspintomographen liegenden Kriminellen zunächst sanft berührt, dann mit Linealen geschlagen. Da waren die Reaktionen auf Schmerz und auf Freude noch normal.

Allein, wie halten sie es mit der Empathie? Der Neurologe zeigte ihnen Filmsequenzen, in denen andere Menschen gestreichelt oder geschlagen wurden. In diesen Versuchen feuerten die Spiegelneuronen bei Menschen in der Kontrollgruppe, als würden die Probanden selbst berührt oder geschlagen. Die Nervenzellen der Kriminellen zeigten hingegen wenig Reaktionen. Sie fühlten schlicht nichts, wenn sie andere leiden sahen. „Bei der Empathie ist es wie mit der Körpergröße. Manche Menschen sind eben mitfühlend, andere nicht“, sagt Keysers. Bei Psychopathen, so scheint es, ist kein Mitgefühl eingebaut.

Eigentlich müssten sie deshalb öfter sozial anecken. Dass sie dennoch unauffällig bleiben, hat einen Grund. Wies der Neurologe seine Probanden aus dem Gefängnis an, sich in die Menschen im Film hineinzuversetzen, waren ihre Spiegelneuronen plötzlich aktiv. „Sie können ihre Empathie an- und ausschalten“, sagt Keysers. Will ein Psychopath sich anpassen, kann er sich in andere hineinversetzen. Auch Breivik oder Holmes haben also die Fähigkeit zur Empathie. Sie fühlen, was andere fühlen - wenn sie es wollen.

Fehlendes Mitgefühl ist nicht Ursache für Amoklauf

„Meist haben Psychopathen schon einen kriminellen Hintergrund, bevor sie volljährig sind“, sagt der Neurologe. „Nur jene, die zudem sehr intelligent sind, werden einfach nicht erwischt.“ Sie wüssten sich sehr gut anzupassen. Weder Breivik noch Holmes haben, abgesehen von Kleinigkeiten, eine kriminelle Vergangenheit. Keysers stellte fest, dass die Kriminellen oft angenehmer im Umgang waren als andere Testpersonen. Sie lächelten oft und waren nett. „Sie wissen eben, wie man das soziale Spiel spielt.“ Die Fähigkeit zur Manipulation besäßen sie alle.

Das beobachtete er auch bei Breivik. „Sein Verhalten ist vergleichbar mit dem, was wir in unseren Experimenten herausgefunden haben.“ Dass Breivik während der Tat und später im Gericht keine Emotionen zeigte - das spricht laut Keysers dafür, dass er die emotionalen Spiegelneuronen in diesen Momenten nicht nutzt.

Das fehlende Mitgefühl ist aber allenfalls ein Symptom, nicht die Ursache für den Amoklauf. Die Eigenart des Gehirns entscheidet nicht darüber, ob man zum Psychopathen oder zum Kleingärtner wird. Sie erklärt nur, warum die Hand beim Abfeuern der Waffe nicht zittert. „Das sehen Psychopathen sogar als einen Vorteil an“, sagt Keysers. Wer eine Bank ausraubt, will eben selbst nicht mittendrin von Mitgefühl überfallen werden.

Nicht jeder, dem die Spiegelneuronen abgehen, wird zum Attentäter. Ohnehin können alle Menschen ihre Empathie bis zu einem gewissen Grad steuern. „In einigen Berufsgruppen ist es von Vorteil, weniger empathisch zu sein“, sagt Keysers. Soldaten oder Jäger müssten bei Bedarf ihr Mitgefühl abschalten können. Das gelte auch für einige Banker, die hochriskante Geschäfte tätigen.

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