20.10.2006 · Der Tod des sechsjährigen Marvin aus Sichenhausen im Vogelsbergkreis, dessen Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, wird womöglich nie vollständig aufgeklärt. Nach dem Ergebnis der Obduktion ist der Junge ertrunken. Womöglich wurde er zuvor betäubt.
Der Tod des sechsjährigen Marvin aus Sichenhausen im Vogelsbergkreis, dessen Mutter am Dienstag morgen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war, wird womöglich nie vollständig aufgeklärt. Nach dem gestern veröffentlichten Ergebnis der Obduktion in der Rechtsmedizin der Gießener Universität ist der Junge „lebend in den See verbracht worden und dort ertrunken“. Spuren von Gewalt wies der Körper Marvins nach Angaben der Gießener Staatsanwaltschaft nicht auf. Taucher der Polizei hatten die Leiche am Donnerstag im Gederner See geborgen.
Zu den Vermutungen, die Mutter, eine 41 Jahre alte Altenpflegerin, habe an jenem frühen Morgen ihr Kind getötet und sei anschließend mit ihrem Wagen absichtlich in den Tod gerast, mochte sich Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner gestern nicht äußern. Zunächst wollen die Ermittler abwarten, was die Blut- und Gewebeproben in den nächsten Tagen ergeben.
Keine Spuren von Gewalt
Der Körper des Kindes wird vor allem darauf untersucht, ob es betäubt wurde. Spuren von Gewalt und damit Anzeichen für einen Kampf konnten die Rechtsmediziner nicht feststellen, was auf die Einwirkung von Drogen deuten könnte. Für die Vermutung, die Mutter habe zunächst ihr Kind und anschließend durch einen gezielt herbeigeführten Verkehrsunfall sich selbst getötet, gibt es außer einem Abschiedsbrief noch weitere Indizien. So fanden sich die Schuhe der Frau am Ufer des Sees, und ihre Kleider waren naß, als man sie nach dem Unfall am Dienstag morgen in einem Feld in der Nähe ihres Wohnortes Sichenhausen entdeckte.
Den Spuren nach zu urteilen war die Frau mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit in eine Kurve gefahren, der Wagen hatte sich überschlagen und war nach 200 Metern in einem Feld neben der Landstraße liegengeblieben. Die Einundvierzigjährige sei den schweren Verletzungen erlegen, die sie bei dem Unfall erlitten habe, stellten die Rechtsmediziner fest. Allerdings sei noch zu klären, ob die Frau unter dem Einfluß von Medikamenten oder Drogen gestanden habe.
„Erweiterten Freitod“?
In der Annahme, der Junge sei bei dem Unfall aus dem Auto geschleudert worden und irre verletzt umher, hatten mehrere hundert Polizisten und Helfer am Mittwoch das Gebiet abgesucht. Der Hinweis einer Spaziergängerin auf eine Decke am Ufer konzentrierte die Ermittlungen schließlich auf den Gederner See.
In dem kleinen Ort Sichenhausen im Vogelsbergkreis konnten sich auch gestern die Nachbarn einen möglichen „erweiterten Freitod“ nicht erklären. Die Familie - Marvin hat eine ältere Schwester, der Vater arbeitet als Schlosser - sei bekannt und beliebt, besonders den kleinen Jungen habe jeder gemocht, sagte Ortsvorsteher Otto Heinrich Winter. Von Eheproblemen sei nichts bekannt. „Sie sind immer zusammen zu Festen gegangen, haben geholfen, wo Hilfe nötig war.“