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Familiendrama in Berlin : Ein ganz normaler Abend

Nächtlicher Einsatz am Tatort: Polizisten und Berichterstatter vor dem Haus der Familie in Alt-Gatow Bild: dapd

In Berlin sucht man am Tag nach dem Familiendrama von Alt-Gatow vergebens nach Antworten. Ein Familienvater hatte dort seine Frau, seine Söhne und sich selbst getötet. Nur das jüngste Kind überlebte. Das Mädchen war in einer Babyklappe abgegeben worden.

          Am Tag danach sucht man vergebens nach einer Antwort auf all die Fragen der Nacht. Die Nachbarn der Familie äußern sich fassungslos. „Die Familie war intakt, alles picobello“, sagt eine Frau, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Auch sie wohnt in jenem zweistöckigen Mehrfamilienhaus, das am Dienstagabend zum Tatort wurde. Auch sie kann sich nicht vorstellen, dass in diesem Idyll mit Sonnenblumen-Feld in spätsommerlicher Pracht ein Mann seine zwei Kinder, seine Frau und sich selbst getötet hat.

          Mechthild Küpper

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Picobello präsentiert sich Alt-Gatow. Hier ein mittelpreisiger Supermarkt, dort, gleich hinter dem Feld, ein Biobauer mit Hofladen. Aus den Fenstern der Mehrfamilienhäuser blickt man auf die beschauliche Havel. Hier lebt man noch nicht ganz so großbürgerlich wie im benachbarten Katow mit seinen schicken Einfamilienhäuser in Flussnähe. Aber man ist auch weit von den Wohnsilos der Spandauer Peripherie entfernt. Die guten Bürger von Alt-Gatow fahren mittelgroße Mittelklassewagen, sie pflanzen gutbürgerliche Geranien in ihre Balkonkästen, gehen Gassi mit ihren Hunden, sehen fern und spielen mit ihren Kindern an der Havel.

          „Familie tot aufgefunden“

          Und dann das. Die Berliner Polizei meldet am Mittwochvormittag: „Familie tot aufgefunden“. Nachbarn hatten am Dienstagabend um kurz nach acht Uhr die Feuerwehr alarmiert, weil sie die fünfköpfige Familie seit etlichen Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. Sie lebte in einem Mehrfamilienhaus in Alt-Gatow im äußersten Westen von Berlin, jenseits der Havel. Die Feuerwehr rief die Polizei, denn in der Wohnung fanden die Helfer die Leichname von vier Menschen: dem 69 Jahre alten Familienvater, seiner 28 Jahre alten Frau sowie der drei und sechs Jahre alten Söhne. Eine nicht einmal ein Jahr alte Tochter hatte der Mann offenbar schon am Sonntagabend in einer Babyklappe des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau abgelegt. Sie ist nach Polizeiangaben „unverletzt und wohlauf“. Inzwischen ist das Mädchen in ein Kinderheim gebracht worden.

          Der Mann, so die Polizei, habe wohl zunächst seine Frau und die kleinen Söhne umgebracht und sich dann selbst getötet. Er hinterließ einen Abschiedsbrief. Hintergrund der Morde und des Suizids sollen hohe Schulden gewesen sein. Die Obduktionen sollen ergeben, wie, wann und in welcher Reihenfolge der Familienvater seine Familie getötet hat. Die Polizei will sich nicht zu Spekulationen äußern, wie die junge Frau und ihre Söhne umgekommen sind und wie der Mann gestorben ist. Sie nimmt jedoch an, dass er sich nicht unmittelbar nach der Tötung seiner Familie umgebracht hat. Am Montag soll der Mann noch gesehen worden sein. Ein Polizeisprecher hatte am Dienstagabend gesagt, es gebe „keine Hinweise, dass die Frau die Tötung gewollt hat“. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft sprach von einem „erweiterten Selbstmord“.

          „Ein grundsolider Jeschäftsmann“

          Die Nachbarin aus dem gleichen Haus beschreibt den Mann mit der um vier Jahrzehnte jüngeren Frau als gesellig und hilfsbereit. Er sei von dem Typ, der einem die Tür aufhält und die schweren Einkaufstüten in die Wohnung schleppt. Vergangene Woche seien alle Nachbarn noch zur Einschulungsfeier des jüngsten Sohnes eingeladen gewesen. Alles war so weit normal. Er war wie immer liebevoll im Umgang mit den Kindern. Und mit seiner Frau war er „ein gutes Team“.

          Ein anderer Nachbar, der im Haus gegenüber wohnt, fasst es berlinernd in die Worte: „ein grundsolider Jeschäftsmann.“ Aber in der vergangenen Zeit sei er schon etwas merkwürdig gewesen. Die Kinder habe er ganz schön ruppig rangenommen, will der Mann noch beobachtet haben. Von Schulden wisse er aber nichts.

          Im Nachhinein fügt sich auch der anderen Nachbarin manches zusammen: Am Sonntag habe sie den Familienvater noch allein an der Havel gesehen, mit dem Blick auf das Wasser, in sich gekehrt, viel stiller als sonst. „Ich dachte, er wollte einfach ein bisschen Ruhe“, sagt sie. Was dann passierte, ist noch unklar.

          In der Nacht auf Montag, um kurz nach zwei Uhr, gibt die anonyme Babyklappe des Spandauer Waldkrankenhauses das Signal, dass ein Kind abgelegt wurde. Das Krankenhaus liegt etwa 15 Autominuten von Alt-Gatow entfernt, Derjenige, der das Kind hinterlässt, bleibt unerkannt - das ist das Prinzip. Es ist das zweite Mal innerhalb von sieben Jahren, dass die anonyme Babyklappe überhaupt benutzt wird. In ganz Berlin gibt es vier solcher Möglichkeiten, in Krisenzeiten sein Kind im Krankenhaus ohne behördlichen Aufwand abzugeben.

          Die Ärzte wissen, was in der Nacht zu tun ist: Sie untersuchen das Kind, stellen fest, dass es „gesund und unverletzt“ ist und sich in einem „guten Zustand“ befindet, wie sich die Krankenhaussprecherin Diana Thomas am Mittwoch äußert. Dann verständigten sie die Kriminalpolizei. Am Montagmorgen sei der Krisendienst des Jugendamtes verständigt worden. Er habe das Mädchen abgeholt und in ein Kinderheim gebracht.

          An diesem Mittwoch in Alt-Gatow steht noch ein bronzefarbener Minivan in der Straße vor dem Mehrfamilienhaus, in dem das Drama passierte. Die Nachbarin sagt, er gehöre der Familie. Vorne, beim Beifahrer auf der Ablage liegen zwei blaue Kuschel-Nilpferde, am Rückspiegel hängen weiße Babyschuhe. Ein ganz normaler Familienwagen aus dem Berliner Westen.

          Quelle: F.A.Z.

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