17.02.2006 · Fünf Wochen lang wurde die 13 Jahre alte Stephanie aus Dresden von einem vorbestraften Mann gefangengehalten und sexuell mißbraucht. Nur wenige Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Sie war spurlos auf dem Weg zur Schule verschwunden.
Von Reiner Burger, DresdenStriesen ist ein besonders beliebter Dresdner Stadtteil. Zur Elbe und zum Großen Garten ist es von hier aus nicht weit, weshalb viele Familien und ältere Menschen dort leben. Striesen ist eine gute Gegend, wo es neben aufwendig sanierten Jugendstilvillen auch preiswerte und doch vorbildlich sanierte Genossenschaftswohnungen gibt. Das Eckhaus in der Laubestraße Nummer zwei ist ein solcher Bau aus den Fünfzigern. Vor wenigen Jahren erst wurde der komplette Block von der Dresdner Wohnungsgesellschaft saniert. Der Innenhof ist nun hübsch hergerichtet mit Parkbänken und einer großen Rasenfläche.
Mario M., der die Wohnung im Parterre von Nummer zwei bewohnte, hat dort gelegentlich seine Hunde laufen lassen. Das sei besonders ärgerlich gewesen, sagt ein älterer Herr. Mario M. sei ein unfreundlicher Zeitgenosse gewesen, mürrisch, unzugänglich. Und dann diese beiden Hunde. Eine junge Frau, die mit ihrem Kind ein paar Etagen über Mario M. wohnt, will dagegen kaum etwas von dem arbeitslosen Anlagenbauer mitbekommen haben. Seit einiger Zeit sei er fast gar nicht mehr zu sehen gewesen. Fünf Wochen lang hat Mario M. in seiner Drei-Zimmer-Wohnung die 13 Jahre alte Stephanie R. keinen Kilometer von ihrem Elternhaus entfernt - zeitweise geknebelt in einer Kiste - gefangengehalten. Anwohner erinnern sich, daß Mario M. erst vor etwa zwei Monaten Jalousien installierte.
„Da gibt es keine ersten Worte“
In dem Raum hinter dem schalldichten Kunststoff-Fenster gleich neben dem Hauseingang mußte Stephanie 36 lange Tage ein unglaubliches Martyrium durchleiden, das Staatsanwalt Christian Avenarius aus Rücksicht auf das Kind und seine Eltern im Detail nicht schildern will. „Sie wurde massiv sexuell mißbraucht“, sagt der Ermittler nur und schluckt dabei mehrfach schwer. Neben ihm im Dresdner Polizeipräsidium sitzt Stephanies Vater Joachim R. Der Mann mittleren Alters läßt das Gewitter der Blitzlichter gelassen, fast gelöst über sich ergehen. Seine Stephanie lebt! Auf die Frage, was denn die ersten Worte gewesen seien, die er mit ihr wechselte sagt Joachim R.: „Da gibt es keine ersten Worte. Da fällt man sich in die Arme.“
Der Tag, an dem Stephanie spurlos verschwand, war auch ein Mittwoch. Am 11. Januar hatte ihre Mutter, Ines R. sie wie jeden Tag um sieben Uhr noch vor die Tür begleitet. Etwa zwei Stunden später rief die Sekretärin des Hans-Erlwein-Gymnasiums, wo Stephanie in die Schule geht, bei Frau R. an, um zu erfahren ob das Mädchen krank sei. Weil Stephanies Eltern ahnten, daß etwa nicht stimmen konnte, ging ihr Vater mehrfach den kaum 800 Meter langen Schulweg seiner Tochter ab. Doch umsonst. Niemand hatte etwas Auffälliges beobachtet, niemand das Kind gesehen.
Sonderkommission „Stephanie“
Die Polizei suchte mit unzähligen Beamten und einem Hubschrauber mit Wärmebildkamera nach Stephanie. Die 18köpfige Sonderkommission ermittelte in alle Richtungen: Entführung, Sexualdelikt, Unfall, Selbstmord. Und auch daß Stephanie einfach ausgerissen sein könnte, mußten die Ermittler für möglich halten. Akribisch durchforschten sie die vier Computer der Familie, denn das Mädchen chattete gerne im Internet und träumte von einer Model-Karriere. Vielleicht hatte sie ja deshalb mit irgend jemandem Kontakt aufgenommen. Doch auch das führte nicht weiter.
Die Polizei stand vor einem Rätsel. Aus den 78 Hinweisen, die bei der Sonderkommission „Stephanie“ eingegangen waren, ergab sich keine Spur. Stephanies Vater Joachim R. setzte alle Hebel in Bewegung, verteilte Handzettel, nahm mit einer Vermißtenorganisation Kontakt auf, schloß schließlich noch seine kleine Pension, um sich ganz der Suche nach seiner Tochter zu widmen.
Am Mittwoch morgen organisierte er dann einen Gedenkmarsch mit Schülern und Freunden von Stephanie. 100 Leute hatte Joachim R. erwartet - dann schritten 240 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer schweigend Stephanies Schulweg ab. In der ersten Reihe trugen sie vergrößerte Steckbriefe und ein Transparent mit der Aufschrift „Unglaublich. Mitten in der Großstadt verschwindet ein Kind!“ vor sich her. Daß sich Stephanies Vater in den vergangenen Wochen immer wieder an die Medien gewandt hatte, brachte schließlich den ersten und wie sich bald herausstellte den entscheidenden Hinweis zu Tage.
Selbstgeschriebener Hilferuf
Kurz nach dem Gedenkmarsch fand ein 31 Jahre alter Mann bei einem Altpapiercontainer einen kleinen Zettel mit einem handschriftlichen Hilferuf Stephanies. Das Mädchen konnte die Nachricht nach bisherigen Erkenntnisse selbst bei einem „Freigang“ unauffällig bei dem Container fallen lassen. Bewundernswert umsichtig und vorsichtig ging das 13 Jahre alte Mädchen dabei vor. „Allerdings wäre der Finder ohne die breite Medienberichterstattung sicherlich nicht sensibilisiert gewesen“, sagt der Dresdner Polizeipräsident Dieter Hanitsch. Am Mittwoch mittag dann befreiten sieben Polizisten das kaum bekleidete Mädchen und nahmen den ebenfalls halbnackten Mario M. fest.
Der mutmaßliche Täter ist 1999 wegen sexuellen Mißbrauchs eines Kindes zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt worden und gelangte 2002 wieder auf freien Fuß. „Die Bewährungszeit verlief absolut beanstandungsfrei“, sagt Staatsanwalt Avenarius. Ein Gutachter sei zu dem Ergebnis gekommen, daß von diesem Mann keine Gefahr mehr ausgehe. Weil er erst seit Mai 2004 in der Wohnung in der Laubestraße zwei wohnte und in der polizeilichen Straftäterdatei noch unter einer anderen Dresdner Adresse geführt wurde, gehörte Mario M. nicht zu den verurteilten Sexualstraftätern, die im Zuge der Ermittlungen überprüft wurden. Daraus schließen manche Medien, die Polizei habe schlampig gearbeitet. Auf der Pressekonferenz am Donnerstag schaltet sich ein Journalist einer privaten Fernsehstation mit dem offenbar als weiteren Beleg für diese These gedachten und in vorwurfsvollem Tonfall vorgebrachten Hinweis ein, daß sein Team einen weiteren schriftlichen Hilferuf Stephanies an dem Altpapiercontainer gefunden habe. Stephanies Vater will von möglichen Ermittlungspannen gar nichts hören an diesem Tag. „Stephanie hat sich selbst befreit. Da bin ich unglaublich stolz drauf“, sagt Joachim R. und dabei werden seine Augen feucht.