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Fall Mirco Geheimnisse im Handy

Die Suche nach dem entführten und später tot aufgefundenen Mirco beschäftigte Deutschland. Der damals leitende Ermittler beklagt jetzt in einem Buch, dass der Fall heute wegen fehlender Daten nicht mehr gelöst werden könnte.

© dapd Ingo Thiel war Leiter der Sonderkommission „Mirco“

Der zehnjährige Mirco verschwand am 3. September 2010 spurlos in der Nähe seines Elternhauses bei Grefrath - und rief eine der aufwendigsten Ermittlungen in der deutschen Kriminalgeschichte hervor. Bis zu 1000 Polizisten durchkämmten die Region am Niederrhein, Tornado-Jets wurden entsandt, und in ganz Deutschland wurden Besitzer eines VW-Kombis erfasst und überprüft. Aber die Fahndung blieb über Monate hinweg erfolglos.

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Im Januar 2011 schließlich setzten die Ermittler nach 145 Tagen den Täter Olaf H. fest. Er gestand die Tat und führte die Ermittler zu den sterblichen Überresten des Kindes. Handy-Daten des Täters hatten die Polizei auf die Spur gebracht. Die Ermittler hatten 240000 Mobilfunkdaten mit der rekonstruierten Fahrtroute des Täters in Verbindung gebracht. Dabei zeigte sich, dass nur ein Mobiltelefon zur Tatzeit mit seinem Besitzer diesen Weg genommen und sich von Funkmast zu Funkmast eingeloggt hatte.

Das beschreibt nun der leitende Ermittler, Ingo Thiel, in seinem Buch „Soko im Einsatz. Der Fall Mirco und weitere brisante Kriminalgeschichten“ - der zweiten Veröffentlichung zum Thema, denn auch Mircos Eltern Sandra und Reinhard Schlitter haben vor kurzem ein Buch über ihren Sohn herausgebracht („Mirco - Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen“). Thiel, der damals die achtzigköpfige „Sonderkommission Mirco“ leitete, beschreibt, wie die Ermittler aus Hunderttausenden Handys, die vom 3. September 2010 (21 Uhr) bis zum 4. September 2010 (neun Uhr) in einem Radius von 50 Quadratkilometern registriert worden sind, die richtigen Schlüsse ziehen: Eine Inhaberabfrage mit richterlichem Beschluss führten die Ermittler zum Mörder, der am 29. September 2011 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, wobei das Landgericht Krefeld auch auf besondere Schwere der Schuld erkannte.

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Damals, und das ist die aktuelle Pointe an Thiels Buch, war die Verwendung der Handy-Daten noch legal, heute wäre sie illegal. Denn das Bundesverfassungsgericht hatte das Gesetz zur Speicherung solcher Daten im Sommer 2010 für verfassungswidrig erklärt. Seither ist die Vorratsdatenspeicherung politisch blockiert. Die Telekom löscht die Daten seit der Entscheidung des Gerichts früher als zuvor. Waren es früher 180 Tage, sind es inzwischen nur noch wenige Tage. Nach dem Verschwinden Mircos waren es noch 30 Tage. Von Mircos Handy hatten die Ermittler zu ihrem Ärger gar keine Funkmastdaten erhalten, denn es war bei einer anderen Mobilfunkgesellschaft unter Vertrag. Der Fall wäre nach Ansicht der Ermittler möglicherweise schneller aufgeklärt worden, wenn sie zur Verfügung gestanden hätten.

„Ebenso wenig können wir klären, welche Nummern Mirco in seinen letzten Stunden und Minuten eventuell noch angerufen hat“, schreibt Thiel dazu in seinem Buch. „Bei einem Fall in Frankreich, Belgien, Spanien oder Italien, ja beinahe im gesamten Bereich der Europäischen Union, wären die Ermittler problemlos dazu in der Lage. In Deutschland ist die Speicherung von Vorratsdaten aus Mobilfunk und Internet zu Fahndungszwecken seit einem Entscheid des Bundesverfassungsgerichts von 2010 untersagt. Obwohl das gegen eine europäische Richtlinie von 2006 verstößt und die EU-Kommission mit Millionenstrafen droht, wenn die deutschen Bestimmungen nicht daran angepasst werden. So bleibt Mircos zerstörtes Handy ein Orakel aus Plastik.“

Thiels deutliche Worte spiegeln die Stimmung in der gesamten Polizei wieder. Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagte am Freitag in der „Rhein-Neckar-Zeitung“, auch die Ermittlungen zum rechtsextremen „Nationalsozialistischen Untergrund“ zeigten, wie dringend die Vorratsdatenspeicherung gebraucht werde: „Für eine vollständige Aufklärung wäre es außerordentlich wichtig gewesen zu wissen, mit wem die Täter telefoniert oder anderweitig kommuniziert haben.“ Ähnlich geht es Polizisten, wenn sie die Täter suchen, die mit dem „Enkeltrick“ viele Rentner in Deutschland um ihre Ersparnisse bringen. Bis die Politik die Vorratsdatenblockierung löst, werden deutsche Ermittler täglich an ihre rechtlichen Grenzen stoßen.

Quelle: F.A.Z.

 
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