03.07.2008 · Nach dem vorläufigen Abschluss der Ermittlungen im Fall Madeleine wollen deren Eltern private Ermittler mit der Aufklärung des Schicksals ihrer Tochter beauftragen. FAZ.NET sprach mit dem Traumatologen Robert Bering darüber, was von diesem Vorgehen zu halten ist.
Nach dem vorläufigen Abschluss der Ermittlungen im Fall der in Portugal verschwundenen Madeleine McCann wollen deren Eltern private Ermittler mit der Aufklärung des Schicksals ihrer Tochter beauftragen. FAZ.NET sprach mit Robert Bering, dem leitenden Arzt des Zentrums für Psychotraumatologie des Alexianer-Krankenhauses in Krefeld darüber, was von diesem Vorgehen zu halten ist.
Herr Bering, nach dem vorläufigen Abschluss der Ermittlungen im Fall der in Portugal verschwundenen Madeleine McCann wollen deren Eltern private Ermittler mit der Aufklärung des Schicksals ihrer Tochter beauftragen. Ist das eigentlich ein natürliches Verhalten?
Ja, zunächst einmal halte ich es für eine menschliche Reaktion, die Hoffnung nicht aufzugeben. Ob es sich empfiehlt, die Ermittlungen privat fortzusetzen, ist für Außenstehende nicht zu beurteilen. Klar ist aber, dass der Fall Madeleine für die Eltern aus psychotraumatologischer Sicht nicht mit dem Ende der Ermittlungen abgeschlossen ist. Er geht weiter. Die Trauer über den Verlust eines Kindes lässt sich nicht als Polizeiakte einfach schließen.
Könnte man den McCanns dabei helfen, zur Ruhe zu kommen?
Wir würden versuchen, mit ihnen zu besprechen, was dafür und dagegen spricht, dass es nur noch wenig Hoffnung für das Überleben gibt. Dabei muss man das subjektive Erleben der Betroffenen respektieren. In den Fällen ohne Leiche ist es besonders schwer, sich zu verabschieden. Der Umgang mit dem Tod ist in unserem Kulturkreis eng an die Bestattung gebunden.
Wie würde man also vorgehen?
Man würde therapeutisch aufarbeiten, wie eine Beziehung auch nach dem Tod weiter leben kann. Die Betroffenen gehen mit dem Thema unterschiedlich um. Für einige schafft Spiritualität Nähe und Trost. Für andere ist es besonders hilfreich, in Selbsthilfegruppen Menschen zu treffen, die ähnliches erlebt haben.
Die McCanns haben zum Beispiel Madeleines Zimmer unberührt gelassen. Wie finden Sie das?
Das ist ein Symbol der Ewigkeit des Kindes. Ich würde mich erkundigen, ob es Zeichen der Veränderung und des Abschiedes gibt. Wie ist es zum Beispiel mit der Kleidung, wie ist es mit Gegenständen, die zum täglichen Leben gehört haben? Ich würde mich genau erkundigen, ob Abschiede im Kleinen vollzogen wurden und ob die Betroffenen Rituale nutzen, um die Nähe zu dem verlorenen Kind aufrecht zu erhalten.
Und wenn jemand einfach gar nichts verändern möchte?
Das würde ich problematisieren, insbesondere dann, wenn es zu einem vollständigen Rückzug aus dem Leben führen würde. Wenn man die Reaktion der Betroffenen zu verstehen versucht, kann man auch die Nachteile ansprechen, die sich aus einem sozialen Rückzug ergeben. Die Eltern in Aktivität zu zwingen hat sicherlich keinen Sinn, das würde nur Unverständnis erzeugen. Aber man muss verständlich machen, dass der Verlust eines Kindes nicht unwiderruflich bedeuten muss, dass man sich vollständig aus allen sozialen Bezügen zurückzieht.
Was also würden Sie die McCanns fragen?
Ich würde vielleicht sagen: Es ist verständlich, dass Sie viel in Bewegung setzen, um Ihre Hoffnung aufrecht zu erhalten. Vielleicht denken Sie manchmal darüber nach, dass Sie viel riskieren. Vielleicht haben Sie sich von vielen Freunden und Kollegen zurückgezogen, die Ihnen früher sehr wichtig waren. Was können wir tun, damit Sie die Nähe zu ihrer Tochter spüren? Wie können wir sicherstellen, dass Sie das Gefühl gewinnen, alles getan zu haben, was möglich und sinnvoll ist? Wie können wir das auf den Weg bringen, ohne dass Sie sich von den verbliebenen positiven Seiten Ihres Lebens verabschieden?
Das Leid der McCanns ?
Stefani Orth (Codynumberone)
- 04.07.2008, 16:45 Uhr