08.07.2004 · Während Serienmörder Michel Fourniret weiter verhört wird, untersucht die deutsche Polizei vier ungelöste Vermißtenfälle aus den neunziger Jahren erneut. Hatte Fourniret damit etwas zu tun?
Mit Augenmaske und schußsicherer Weste ist der mutmaßliche Serienmörder Michel Fourniret am Donnerstag abermals zum Justizpalast im belgischen Dinant gebracht und mehrere Stunden lang vernommen worden. Zunächst lagen keine Angaben zum Inhalt der Befragung vor, die Ermittlungen konzentrieren sich zur Zeit jedoch vor allem auf die ungeklärte Identität und das mysteriöse Verschwinden des Au-pair-Mädchens von Fourniret.
Nach Ende der Vernehmung wurde Fourniret am Nachmittag in einer abgedunkelten Limousine offenbar ins Gefängnis von Nivelles zurückgebracht, wohin er aus Sicherheitsgründen verlegt worden war. Unterdessen hat die belgische Justiz angekündigt, zwölf bislang nicht gelöste Kriminalfälle wegen einer möglichen Verbindung zu Fourniret wiederaufzurollen. Zuvor hatte schon die französische Justiz bekanntgegeben, ihrerseits in 30 nicht gelösten Fällen wieder zu ermitteln.
Namenloses Au-pair-Mädchen
Die Befragung der Ehefrau Fournirets, Monique Oliviers, hat offenbar keine neuen Hinweise zum Schicksal des Au-pair-Mädchens gebracht, das 1993 im belgischen Sart-Custinne scheinbar spurlos verschwand und von dem bis heute nicht einmal der Name bekannt ist. Durch Oliviers schwere Vorwürfe gegen ihren Mann war die Polizei der Mordserie erst auf die Spur gekommen. Olivier hat Fourniret auch beschuldigt, das Au-pair-Mädchen erdrosselt zu haben, was dieser aber abstreitet. Das Paar soll einander nun gegenübergestellt werden.
Am heutigen Freitag soll die Autopsie der Leichname der von Fourniret ermordeten kleinen Belgierin Elisabeth Brichet und der Französin Jeanne-Marie Desramault abgeschlossen werden. Die Autopsie soll die Todesursache genau klären.
Führt die Spur nach Nordrhein-Westfalen?
Unterdessen untersuchen auch in Deutschland die Behörden mögliche Zusammenhänge von Vermißtenfällen mit der Mordserie Fournirets. In Nordrhein-Westfalen sind derzeit drei Fälle von Kindern bekannt, die seit langem vermißt werden; ebenso ein ungeklärtes Tötungsdelikt an einem damals elf Jahre alten Mädchen. Am 13. Februar 1996 verschwand in Düsseldorf die knapp neun Jahre alte Deborah Sassen. Bis heute gibt es keine Spur von ihr. Ebenso verschwunden ist seit dem 26. April 1995 Sandra Niemczyk aus Dortmund, sie war damals fast elf Jahre alt; wie auch Enim Önen, der seit dem 16. Mai 1993 vermißt wird. Dann gibt es bei der Kriminalpolizei in Bonn den ungelösten Fall der Claudia Ruf aus Grevenbroich. Ihr Leichnam wurde am 26. Mai 1996 in der Nähe von Euskirchen gefunden.
Die Akten solcher Fälle sind nie ganz geschlossen, auch wenn sie nicht immer an erster Stelle der Bearbeitung stehen. Immer wenn sich neue Aspekte ergeben könnten, kommen sie in Erinnerung und werden hervorgeholt. Dafür hat sich eine professionelle Vorgehensweise herausgebildet. Zuerst hört man von anderen Verbrechen, wie jeder Bürger in der Zeitung davon erfährt, oder im internen Informationsdienst fällt etwas auf, was auf irgendeine Weise ähnlich sein könnte. Eine vage Vermutung kann der Anfang sein, sich abermals mit einem Fall zu befassen, dann müssen aber ein neuer Aspekt herausdestilliert und eine neue weiterführende Frage formuliert werden. Das gelingt dann am besten, wenn es viele Spuren gibt, die immer wieder neu zusammengesetzt werden können und müssen.
Präzise Fragen entwickeln
Das ist in Bonn der Fall. Der Leichnam des Mädchens wurde bei Euskirchen in der Nähe der Autobahn gefunden. Es hatte damals einen schweren Unfall auf der Autobahn gegeben. Es wimmelte nur so von Blaulicht, erinnert sich ein Beamter. Die belgische Grenze ist nicht weit. Die Autobahn führt dorthin. Allein dieser Umstand ließ es bei dem zuständigen Beamten "klingeln". Nun befaßt sich die zuständige Mordkommission damit, die Fragen zu formulieren, die möglicherweise von den belgischen Kollegen beantwortet werden können. Das dürfen keine Mutmaßungen sein, welche die Ermittlungen in Belgien nur stören würden, sondern müssen präzise Fragen sein, die möglicherweise ein unvollständiges Bild vervollständigen könnten und somit auch den belgischen Ermittlern eine Hilfe wären. Das könnte die Mobilität des geständigen Täters betreffen oder andere Details. Wenn es aber nicht weitergeht, heißt es abwarten. Auch dafür gibt es einen Dienstweg.
Wenn die belgische Polizei Spuren hat, etwa Leichenteile, die sie nicht zuordnen kann, wird sie bei den Nachbarländern nachfragen. Der Weg führt meistens über das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter. Oft geht es heute um einen DNA-Vergleich oder um andere gesicherte Spuren. Wenn es eine identische DNA-Probe im Register gibt, ist der Fall schnell gelöst. Doch gerade von älteren Fällen gibt es oft keine DNA-Analysen. Wenn die Umstände es nahelegen, wird dann aus DNA-Proben der Eltern die DNA des vermißten Kindes ermittelt. Deshalb ist es in den drei Fällen der vermißten Kinder noch verhältnismäßig ruhig. Es gibt bislang keine Anhaltspunkte, die nach Belgien deuten.
Die rheinland-pfälzische Polizei hat zur Zeit noch keine konkreten Hinweise darauf, daß sich unter den Opfern des belgischen Serienmörders Michel Fourniret auch Mädchen oder junge Frauen aus diesem Bundesland befinden könnten. Das Bundeskriminalamt hat aber die belgische Polizei um nähere Informationen über die Aufenthaltsorte und Reisewege Fournirets gebeten. Sobald diese Informationen vorliegen, will das Landeskriminalamt in Mainz die Daten mit denen verschwundener junger Mädchen und Frauen abgleichen. Rheinland-Pfalz und Belgien haben in der Nordwesteifel eine gemeinsame Grenze.