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Fall Fourniret Den Sadismus auf viele Opfer ausgedehnt

07.07.2004 ·  Michel Fourniret vergewaltigte und tötete nicht nur Mädchen, sondern auch Frauen. Für den Kriminologen Professor Egg ist das ein Indiz für seine besondere Gefährlichkeit. Ein Gespräch über Serientäter.

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Der Fall des mutmaßlichen Serienmörders Michel Fourniret, der bislang neun Morde gestanden hat, der aber nach Mutmaßung der belgischen und französischen Strafverfolgungsbehörden noch weit mehr Menschenleben auf den Gewissen hat, weckt bei einem Wissenschaftler, der sich seit Jahrzehnten beruflich mit Verbrechen befaßt, naturgemäß besonderes Interesse.

Professor Rudolf Egg, der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder in Wiesbaden, verfolgt denn auch mit Spannung, welche Neuigkeiten im Fall des 62 Jahre alten "Ardennen-Mörders" jetzt zutage kommen. Noch müsse man mit klassifizierenden Aussagen zu dem Täter vorsichtig sein, sagt Egg. Was man jetzt schon mit Sicherheit sagen könne: Michel Fourniret ist ein extrem gefährlicher Serientäter mit einer vermutlich früh erworbenen massiven sexuellen Störung, der seine sadistischen Gewaltphantasien konsequent in Pläne und Handlungen umsetzt.

Er sei nicht homosexuell und auch nicht pädosexuell im engeren Sinn. Er habe Kinder, aber auch erwachsene Frauen mißbraucht und getötet. "Gerade das ist ein Indiz für besonders hohe Gefährlichkeit", sagt Egg, zu dessen Arbeitsschwerpunkten und Interessengebieten Kriminal- und Rechtspsychologie, Sexual- und Gewaltdelikte sowie Rückfälligkeit und Behandlung von Straftätern gehören. "Fourniret ist nicht auf Kinder fixiert, das gibt ihm die Möglichkeit, seinen Sadismus auf viele Opfer auszudehnen. Ein Täter zum Beispiel, der auf Zehnjährige mit blonden Zöpfen fixiert ist, hat einfach eine kleinere Auswahl an Opfern."

Der Mörder ist auch Vater

Eine Besonderheit des Falles Fourniret liegt für Egg darin, daß er offenbar bei seinen Verbrechen mit seiner Ehefrau Monique Olivier zusammengearbeitet hat, die jetzt die Ermittler auf Fournirets Spur brachte, aber mittlerweile unter dem Verdacht der Mittäterschaft inhaftiert ist. Die 55 Jahre alte geschiedene Frau hatte aus eigenem Antrieb Kontakt zu Fourniret aufgenommen, als er im Gefängnis von Fleury Merogis in Frankreich eine Freiheitsstrafe wegen Vergewaltigung Minderjähriger verbüßte. Als Fourniret im Jahr 1987 entlassen wurde, zog Olivier mit ihm zusammen und heiratete den zweimal geschiedenen Vater von vier Kindern im Jahr 1989.

Der Verbindung entstammt ein Kind, der heute sechzehn Jahre alte Selim. Egg: "Bei der Frau könnte eine Kombination von Hörigkeit und ergänzender eigener Tatmotivation vorliegen. Sie stand wohl nicht einfach unter seinen Drohungen - ich verlasse dich, ich prügele dich -, sondern hat in einem gewissen Maß freiwillig mitgemacht." Die Gründe könnten, wie man von anderen Täterpaaren wisse, in diversen komplexen Motivationsmustern der Frauen liegen. Manche empfänden etwa einen besonderen Haß auf jüngere und attraktivere Frauen und lieferten sie deshalb dem Täter aus. Andere handelten aus einer mißgeleiteten Form von Mütterlichkeit heraus, nach dem wahnhaften Muster: Wenn ich meinen Mann bei seinen Verbrechen begleite, dann ist das alles nicht ganz so schlimm.

Ist er raffinierter als andere?

Die zentrale Frage im Fall Fourniret ist für Egg, warum es dem Täter möglich war, so viele Morde zu begehen, ohne daß man ihn entdeckte: "Ist er raffinierter als andere Täter? Oder hat die Polizei die Morde nicht in Beziehung zueinander setzen können?" Die sadistischen Neigungen Fournirets hätten andere Täter auch, aber sie würden meist nach ein, zwei Verbrechen gefaßt. Nach Eggs Ansicht muß auch die Frage beantwortet werden, warum Fourniret 1987 freigelassen wurde, obwohl Gutachten vorlagen, in denen seine Gefährlichkeit festgestellt war. "Wenn es so sein sollte, daß dabei sein Verhalten während der Haft, die ,gute Führung', eine wesentliche Rolle gespielt haben sollte, widerspräche das allen kriminologischen Erkenntnissen. Solche Täter sind häufig ruhige, unauffällige und angepaßte Menschen. Nicht ihr Verhalten in der Haft ist entscheidend. Viel bedeutsamer ist ihr früheres Täterverhalten: War es eine einmalige Tat? Liegt eine Dauerstörung vor? Das sind die Kriterien für das Risiko neuer Gewalttaten."

Für Egg würden zu dem, was man bislang über Fourniret weiß, auch die Aussagen der französischen und belgischen Ermittler passen, die davon sprachen, Fourniret genieße es, im Mittelpunkt zu stehen, nur mit den von ihm "ausgewählten" Ermittlern zu kooperieren und die Behörden "zappeln zu lassen", wenn er nur jeweils die Taten gestehe, die ihm auch nachgewiesen werden könnten. Egg: "Mit dem Genießen wird es aber bald ein Ende haben, denn Fourniret wird wohl nie mehr freikommen. Im Gefängnis wird er nicht beliebt sein. Da steht er auf der untersten Stufe der informellen Hierarchie."

Quelle: wer. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juli 2004
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