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Veröffentlicht: 24.05.2017, 13:20 Uhr

Fakenews nach Manchester „In so einer Dimension gab es das noch nie“

Direkt nach Terroranschlägen werden oft Fakenews verbreitet, um das allgemeine Chaos zu verstärken. In Manchester passierte das aber laut Experten in einer ganz neuen Dimension. Dabei ging es nicht nur um politische Motive.

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© AFP Trauer am Tag nach dem Anschlag: Gedenkstätte auf dem „Albert Square“ in Manchester

Normalerweise setzt sich der junge Student aus Amerika, der den Youtube-Account „ReportOfTheWeek“ betreibt, mit Fast Food vor die Kamera. Er ist ein erfolgreicher „Food reviewer“ auf der Plattform, er isst Burger und bewertet sie, seine Videos heißen zum Beispiel: „Steak 'n Shake Bacon 'n Cheese Triple Xtreme Burger – Review”. Das Video, das er am Dienstag veröffentlichte, hieß ganz anders: „I am alive.“

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Nötig war diese Botschaft, weil laut einem Bericht der „Washington Post“ vorher ein Beitrag mehr als 15.000 Mal auf Twitter geteilt wurde, in dem ein Foto des Youtubers zu sehen war. Darüber stand auf Englisch: „Mein Sohn war in der ,Manchester‘ Arena, er geht nicht ans Handy, bitte helft mir.“ Es war einer von vielen gefälschten Hilferufen, die nach dem Selbstmordattentat vom Montagabend mit mindestens 22 Toten verbreitet wurden. In seinem „I am alive“-Video sagt der angeblich vermisste junge Mann: „Das war ein Versuch verschiedener Trolle, die Öffentlichkeit mit Fakenews in die Irre zu führen.“ Viele solcher Versuche waren erfolgreich: In Medien auf der ganzen Welt, auch auf FAZ.NET, wurden gefälschte Nachrichten mit Verweis auf die unklare Quellenlage aufgegriffen.

© Youtube/TheReportOfTheWeek Nach Manchester-Attentat: Youtuber stellt klar, dass er noch lebt

Die naheliegende Frage ist: Warum veröffentlichten Menschen gefälschte Suchaufrufe, während viele andere unter dem Hashtag #manchestermissing tatsächlich nach Verwandten und Angehörigen suchten? Tabea Wilke analysiert mit ihrer Initiative „botswatch“ seit einem guten Jahr, was in den sozialen Medien vor Wahlen und nach Terroranschlägen passiert. Zu der Fakenews-Flut nach dem Anschlag von Manchester sagt sie: „In so einer Dimension gab es das noch nie.“ Es sei zwar üblich, dass nach Terroranschlägen in Zeiten unklarer Nachrichtenlage Unwahrheiten verbreitet würden, um noch mehr Chaos zu verbreiten – aber nicht in dieser Menge und Geschwindigkeit. „Wir haben so viele Daten wie noch nie gesammelt, die wir jetzt gerade analysieren.“

„Wenn das so ist, wäre es eine völlig neue Art von Terror“

Aufgefallen sei ihrem Team sehr schnell, dass es nach dem Anschlag mehr Aktivität auf Twitter gegeben habe, als bei früheren Anschlägen. „Das war wirklich sehr auffällig“, sagt Wilke. Außerdem seien diesmal besonders viele „Hoaxes“, also Fakenews, verbreitet worden, die auf den ersten Blick keinen politischen Hintergrund hätten. „Eine Lage zu destabilisieren, kann aber immer auch ein politisches Ziel sein“, sagt Wilke. Mit dem Anschlag auf junge Menschen könnten der oder die Attentäter sogar auf eine besondere Wucht in den sozialen Medien gesetzt haben, und diese dann durch das Verbreiten von Fakenews noch verstärkt haben, meint sie. „Wenn das so ist, wäre es eine völlig neue Art von Terror.“

© Twitter

Aber nicht allen Nutzern, die Fakenews produzieren oder verbreiten, geht es um politische Ziele. Manchmal geht es einfach nur darum, aus wirtschaftlichen Gründen möglichst viele Klicks zu sammeln. Und es geht sogar noch zynischer: Auf der berüchtigten Plattform „4chan.org“ kursierten in dem Unterforum /b/ am Dienstag Aufrufe, Angehörige von Betroffenen gezielt fertig zu machen. Unter dem Screenshot eines Artikels über eine Mutter, die ihren Sohn nach dem Anschlag vermisste, schrieb ein anonymer Nutzer: „Ich bin dieses Rumgeheule Leid. Macht, was ihr am besten könnt, /b/. Findet ihre Nummern. Findet ihre Twitter-Accounts. Lasst den Spaß beginnen.“

46597325 © Screenshot Vergrößern Grausamer Aufruf auf „4Chan“

Unter den /b/-tards, wie sich die Nutzer dieses Internetforums nennen, hat es grausame Tradition, Hinterbliebene von Verstorbenen fertig zu machen. Eltern eines Kindes, das sich das Leben genommen hatte, wurden jahrelang von „4Chan“-Nutzern terrorisiert. Die Familien von Liverpooler Fußballfans, die 1989 bei einer Massenpanik im Fußballstadion ums Leben kamen, wurden später ebenso von Trolls belästigt. Auch völlig Unbeteiligte können zu Opfern werden: Sowohl nach dem Paris- als auch nach dem Nizza-Attentat verbreiteten sich Bilder eines Mannes mit Turban, der angeblich für die Anschläge verantwortlich gewesen sein sollte.

Er wehrte sich auf Twitter mit den Worten: „Lasst uns mit den grundlegenden Dingen beginnen: Ich war noch nie in Paris, trage einen Turban, weil ich ein Sikh-Dude bin, und lebe in Kanada.“ Trotzdem bekam er seinen Angaben zufolge tausende Nachrichten aus der ganzen Welt, Verwandte aus Indien riefen bei ihm an. Jamie Bartlett, Journalist und Direktor des Zentrums zur Analyse sozialer Medien an der Universität von Sussex, schreibt in seinem Buch „The Dark Net“, dass es auf „4Chan“ zeitweise Unterforen gab, in denen sich Nutzer mit „ruinierten Leben“ brüsteten: „Bei /b/ wird so etwas „life ruin“ genannt: Das Mobbing zielt darauf, der betreffenden Person langfristig Schaden zuzufügen.“

„Es ist wie eine Droge“

Während man mit dem Wort Trolle heute vor allem Internetnutzer verbindet, die in Kommentarspalten gehässige, sexistische oder rassistische Kommentare verfassen, sind gezielte Attacken auf völlig Unbeteiligte eine spezielle Unter-Disziplin überzeugter Trolls. Bartlett traf mehrere solcher Nutzer persönlich und schrieb darüber: „Alle Trolle, mit denen ich gesprochen habe, sagen, was sie tun, sei ganz natürlich: das menschliche Bedürfnis, eine Grenze zu verschieben, aus dem einfachen Grund, dass es sie gibt.“ Ein Troll habe ihm erklärt: „Es ist wie eine Droge. Du brauchst einen immer größeren Kick.“ Der Begriff „trollen“ kommt laut Bartlett vom „Trolling“, dem Schleppfischen: Man zieht eine Leine durchs Wasser, und schaut, ob ein Fisch anbeißt.

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Man muss also davon ausgehen, dass in manchen Foren gefeiert wird, wie viele „Fische“ nach dem Attentat von Manchester anbissen und gefälschte Suchaufrufe tausendfach verbreiteten. Während Eltern noch nach ihren Kindern suchten, freute sich mancher „4Chan“-Nutzer am Dienstag wahrscheinlich über einen besonderen Coup: Laut einem Bericht der „Washington Post“ war auf einer Collage vermeintlich vermisster Menschen, die auch von Massenmedien geteilt wurde, Chris Poole zu sehen. Er hatte „4Chan“ einst gegründet.

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