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Veröffentlicht: 03.12.2016, 17:36 Uhr

Getötete Studentin in Freiburg Ein gefärbtes Haar führte zur heißen Spur

Nach den Morden in Freiburg hat die Polizei einen 17 Jahre alten afghanischen Flüchtling festgenommen. Seine Frisur hatte ihn verraten. Der Fall wird Stoff für eine Debatte sein.

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© dpa Großen Andrang gab es bei der Pressekonferenz, bei der die Polizei am Samstag die Festnahme bekanntgab. Die wird jetzt Diskussionsstoff bieten.

Noch am Freitagvormittag hatte Martin Jäger (CDU), Staatssekretär im baden-württembergischen Innenministerium, in Freiburg angekündigt, in die durch zwei Sexualmorde aufgewühlte Stadt 25 zusätzliche Bereitschaftspolizisten zu schicken. Um 12.30 Uhr des gleichen Tages konnte die Polizei dann den mutmaßlichen Mörder der 19 Jahre alten Medizinstudentin Maria L. im Freiburger Stadtteil Littenweiler festnehmen: Es handelt sich um einen 17 Jahre alten afghanischen Flüchtling, der in einer Familie lebt; er war als sogenannter „unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling“ (UMA) 2015 in die südbadische Studentenstadt illegal eingereist.

Rüdiger Soldt Folgen:

„Vier Tage nachdem klar war, dass die DNA der Haarwurzel des mutmaßlichen Täters mit dem Material übereinstimmte, das wir am Opfer gefunden haben, konnten wir ihn verhaften“, sagte Kriminaloberrat David Müller am Samstagnachmittag in Freiburg. Nach der Verhaftung wurde eine weitere DNA-Probe entnommen und in der Nacht zu Samstag im Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart analysiert, so dass sich die Ermittler nun sehr sicher sind, den richtigen Täter gefunden zu haben.

Die Medizinstudentin Maria L., Tochter eines hohen EU-Beamten, war in der Nacht vom 15. zum 16. Oktober in der Nähe des Schwarzwald-Stadions vergewaltigt und kurze Zeit später im Fluss Dreisam ertrunken aufgefunden worden. Ob sie nach der Vergewaltigung bewusstlos in die Dreisam gestürzt ist oder ob der Mörder sie gewaltsam ertränkte, soll durch weitere Ermittlungen geklärt werden.

Unklar ist, ob sich Opfer und Täter kannten

Die junge Frau war mit ihrem Fahrrad von der „Big-Medi-Night“, einer Party der Medizin-Studenten, gekommen und war dann auf dem beleuchteten Radweg etwa gegen 3 Uhr überfallen worden. Die Polizei hatte den Tatort gründlich abgesucht und auch die Äste einer Brombeerhecke am Ufer der Dreisam abschneiden und analysieren lassen. In dieser Hecke fanden die Ermittler ein 18,5 Zentimeter langes Haar. „Es war dieses optisch markante Haar im Dornenbusch, das uns aufgefallen ist“, sagte Müller.

43658694 © dpa Vergrößern Blumen sind Mitte Oktober mit einem Absperrband der Polizei an einem Baum in Freiburg befestigt. Hier war die Medizinstudentin ermordet worden. Jetzt wurde der Täter gefasst.

Das gefärbte Haar bildete die Grundlage weiterer Recherchen: Über mehrere Tage werteten sieben Kriminalbeamte die Videoaufzeichnungen aus der Straßenbahnlinie 1 aus, die in die Nähe des Tatorts führt. Videoaufzeichnungen mit einem Umfang von 13 Terabyte waren zu sichten. Den Beamten fiel ein junger Mann mit einer „Undercut-Frisur“ auf, der sich zusätzlich einen Zopf gefärbt hatte. „Nach der technischen Aufarbeitung der Videoaufnahmen konnte der Mann dann am 2. Dezember gesichtet und kontrolliert werden“, sagte Müller.

Unklar ist noch, ob der Flüchtling sein späteres Opfer an der Dreisam zufällig getroffen hat oder ob er die Medizinstudentin kannte. Noch ermittelt werden muss zudem, ob es eine Verbindung zum Mord an der Joggerin Carolin G. gibt, die Anfang November am helllichten Tag in der Kaiserstuhl-Stadt Endingen auf einem Weg in den Weinbergen ebenfalls vergewaltigt und ermordet worden war. Bislang konnten die Ermittler keinen Zusammenhang erkennen, die Tatabläufe sollen sehr unterschiedlich gewesen sein, und es gibt momentan kein verwertbares DNA-Material. In der Region – und vor allem in den sozialen Netzwerken – kursieren Gerüchte, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte. Belege gibt es dafür bislang nicht.

Seit Jahren fordern Politiker mehr Polizisten in Freiburg

Die Freiburger Mordfälle haben auch zu einer politischen Diskussion über die personelle Ausstattung der Polizei und die Ermittlungshemmnisse bei der Auswertung von DNA-Spuren geführt. Eine bessere personelle Ausstattung der Polizei in Freiburg wird von Politikern schon seit fast zehn Jahren gefordert, durch die Lage im Dreiländereck leidet die Stadt unter einer hohen Kriminalitätsbelastung, allerdings nicht bei schweren Verbrechen.

 
Nach dem Mord in Freiburg wurde ein 17 Jahre alter Flüchtling festgenommen. Ein Haar überführte ihn

Der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf (CDU) setzt sich dafür ein, die Strafprozessordnung zu ändern, so dass auf der Grundlage von DNA-Proben auch die farbliche Prägung von Augen, Haut oder Haaren bestimmt werden können. Durch den eng gefassten Paragraphen 81g in der Strafprozessordnung ist die Verwertung von DNA-Spuren für die Polizei derzeit stark eingeschränkt, Rückschlüsse auf die ethnische Zugehörigkeit von Tätern dürfen nicht gezogen werden, das wäre auch ein schwerer Eingriff in die Grundrechte.

Seit einiger Zeit Probleme mit jungen Flüchtlingen

In der Strafprozessordnung aus dem Jahr 2004 heißt es: „Bei der Untersuchung dürfen andere Feststellungen als diejenigen, die zur Ermittlung des DNA-Identifizierungsmusters sowie des Geschlechts erforderlich sind, nicht getroffen werden.“ Justizminister Wolf sprach sich dafür aus, „alle verfassungsrechtlich zulässigen Ermittlungsansätze“ künftig auch auszunutzen. Auch der „Bund Deutscher Kriminalbeamter“ hält die bestehende Regelung für nicht mehr zeitgemäß.

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In Freiburg gibt es zudem seit einiger Zeit Probleme mit minderjährigen unbegleiteten Ausländern, die im Rahmen der Jugendhilfe von karitativen Einrichtungen betreut werden. Vereinzelt kam es zu sexuellen Belästigungen. Am Stühlinger Kirchplatz in der Nähe des Bahnhofs ist diese Flüchtlingsgruppe auch immer wieder durch Körperverletzungen und Drogenhandel aufgefallen. Auch in dieser Hinsicht wird der Fall Stoff für eine Debatte sein.

Die komplizierte Ermittlungsgeschichte

16./17. Oktober: Auf dem Heimweg von der Uni-Party „Big Medi Night“ verschwindet eine 19 Jahre alte Medizinstudentin. Als man sie zuletzt sieht, will sie gegen 2.40 Uhr nachts mit ihrem Fahrrad nach Hause.

17. Oktober: Eine Joggerin findet am Sonntagmorgen um 8.20 Uhr die Leiche der Frau am Ufer des Flusses Dreisam. Ihr weißes Damenrad liegt einige Meter entfernt von der Leiche im Gebüsch. Die Polizei setzt eine Sonderkommission aus 40 Ermittlern ein.

18. Oktober: Die Polizei gibt bekannt, dass die Frau ertrunken ist. Sie sei Opfer einer Vergewaltigung geworden. Ob sie ertränkt wurde oder nach dem Übergriff bewusstlos im Wasser lag, ist unklar. Ein herrenloses violettes Rad ist nahe dem Schauplatz entdeckt worden.

19. Oktober: Die Polizei kontrolliert in einer nächtlichen Aktion in der Nähe des Tatorts Radler und Passanten und verteilt Flugblätter.

21. Oktober: Nach 100 Hinweise und 200 Vernehmungen keine heiße Spur.

26. Oktober: Die Polizei gibt bekannt, dass am Tatort DNA eines Mannes gefunden worden sei. Ein bundesweiter Datei-Abgleich beginnt.

4. November: Der Abgleich der Gen-Datei bringt keinen Treffer. Mehr als 100 Männer haben bereits freiwillig eine DNA-Probe abgegeben, sie sind Nachbarn, Kommilitonen oder Besucher der Party in der Tatnacht. Alle Bewohner des Studentenwohnheims des Opfers werden vernommen.

6. November: Ein zweiter Fall sorgt für Unruhe im Südwesten: Eine 27 Jahre alte Joggerin verschwindet in Endingen an einem Sonntagnachmittag. Im Zuge einer großen Suche mit Rettungskräften, Hunden und Hubschrauber wird vier Tage später ihre Leiche gefunden. Ob ein Zusammenhang zu der Toten aus der Dreisam besteht, ist unklar.

8. November: Die Staatsanwaltschaft setzt im Fall der toten Studentin 6000 Euro Belohnung aus.

14. November: Die Ermittler haben 940 Menschen vernommen, mehr als 1000 Spuren gesichert - und noch kein Ergebnis erzielt. Der Fall wird in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ vorgestellt.

18. November: Ein Suchhund der Polizei nimmt Fährte auf und führt die Beamten in einen Uni-Hörsaal. Dort sitzen in einer Vorlesung im Studiengang Biochemie mehr als 100 Studenten. Auch ihre DNA-Proben führen ins Nichts, ebenso wie ein Abgleich in Nachbarländern.

24. November: Mehrere Privatpersonen stocken die Belohnung im Fall der toten Studentin auf. Sie summiert sich auf insgesamt 35 000 Euro.

3. Dezember: Nach sieben Wochen Ermittlungen, 1600 Hinweisen und 1400 Zeugenvernehmungen die erste heiße Spur: Die Polizei gibt bekannt, dass sie einen Tatverdächtigen festgenommen hat.

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