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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Entführungsfall Kampusch Unsere Neugier ist grenzenlos

03.09.2006 ·  Das Entführungsopfer Natascha Kampusch hat „der Weltöffentlichkeit“ einen Brief geschrieben, und die Medien antworten: „Wir glauben, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, Ihre Geschichte zu erfahren - ob Sie das wollen oder nicht.“

Von Harald Staun
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Sehr geehrte Frau Kampusch,

vor einigen Tagen haben Sie uns einen Brief geschrieben, uns Journalisten und Reportern, uns, der Weltöffentlichkeit, und bevor wir versuchen wollen, Ihnen zu antworten, würden wir Ihnen gerne unsere besten Wünsche übermitteln. Schon dafür fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Wir hoffen, es geht Ihnen gut, nicht nur, wie man zu sagen pflegt, den Umständen entsprechend, denn was entspricht schon den Umständen, in denen Sie sich zur Zeit befinden.

Wir waren von Ihrem Brief sehr beeindruckt, von der Entschlossenheit Ihrer Worte, von der Klarheit ihrer Botschaft an uns. Sie bitten uns, Sie vor Verleumdungen und Fehlinterpretationen zu schützen, vor Besserwisserei und mangelndem Respekt. Sie sind sich, so schreiben Sie, bewußt, daß wir Ihnen eine „gewisse Neugier“ entgegenbringen, und versichern uns gleichzeitig, daß Sie „keinerlei Fragen über intime oder persönliche Details beantworten“ werden. Sie warnen uns vor der Überschreitung „voyeuristischer Grenzen“.

Wir sind die Neugier

Wir können diese Wünsche gut verstehen. Sie haben mit Sicherheit Respekt und Rücksicht in besonderem Maße verdient. Und die meisten von uns würden persönlich nichts lieber tun, als Sie in Ruhe zu lassen. Aber „wir“: Das sind eben nicht die einzelnen Journalisten, die vor Ihrer Tür auf Sie warten, oder vor der Ihrer Eltern. „Wir“: Das sind nicht die einzelnen Reporter, die um das Haus streichen und in das Loch kriechen, in dem Sie acht Jahre lang gefangengehalten wurden. „Wir“ sind die Medien. Wir haben nicht eine „gewisse Neugier“. Wir sind die Neugier. Und diese Neugier ist grenzenlos.

Sie appellieren an unsere Moral, und für den Moment mag es so aussehen, als hätte Ihre Bitte Erfolg. Täuschen Sie sich nicht. Die Wirkung der Worte, von denen wir nicht einmal wissen, ob es Ihre eigenen sind, liegt nicht in ihrer Besonnenheit. Die Klugheit Ihres Briefes war eher eine strategische: Von den Brocken, die Sie uns hingeschmissen haben, können wir eine Weile leben. Wir machen uns aus den wenigen Details ein Bild, wir machen aus jedem Satz eine Geschichte. „Der Lebensalltag“, schreiben Sie, „fand geregelt statt“ - wir machen daraus eine organisierte Hölle.

Wir machen aus dem Frühstück Fraß und aus der Hausarbeit Sklaverei. Wir lassen unsere Computer Ihr Gesicht ausmalen, bis es uns gefällt, und schreiben darüber „So war es wirklich“ oder „Die ganze Wahrheit“ oder „Die Akte Natascha“. Wir machen aus Ihrem Brief ein Psychogramm und aus Ihrer Trauer ein Syndrom. Wir lesen zwischen den Zeilen, bis wir finden, was wir suchen. Wir reden mit Experten, bis sie sagen, was wir hören wollen.

Wir können keine Ausnahme machen

Wir sind nicht alle so. Wir arbeiten mit den unterschiedlichsten Mitteln. Wir können weglassen und dazudichten, wir können laute Schlagzeilen titeln und feine Essays schreiben, wir zeigen Mitgefühl und Sympathie, aber auch unser Verständnis ist aufdringlich. Wir können Bedenken formulieren und uns über sie hinwegsetzen. Wir kommen als Meute oder mit einem freundlichen Lächeln. Wir bleiben zum Tee und hören zu. Wir warten geduldig, bis Sie sagen, was Sie nicht sagen wollen. Wir legen Ihnen die Worte in den Mund, die Ihnen fehlen. Wir stellen Fragen, bis Sie weinen. Und wenn wir gehen, tauschen wir die Klingelschilder aus.

Sie wollen wissen, warum wir so sind? Warum wir Sie nicht einfach in Ruhe lassen können, Ihnen Zeit geben, bis Sie die Kraft haben, Ihre Geschichte zu erzählen? Und im Zweifelsfall sogar akzeptieren, wenn Sie es vorziehen, zu schweigen? Die raffinierte Antwort lautet: Wir glauben, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, Ihre Geschichte zu erfahren - ob Sie das wollen oder nicht. Wir glauben, daß sie relevant ist, weil sie für einen größeren Zusammenhang exemplarisch ist, für die Abstumpfung der Gesellschaft, für das Versagen der Polizei, für neue Formen der Gewalt - suchen Sie sich was aus.

Vor allem aber fühlen wir uns verpflichtet, die Wahrheit zu schreiben, gerade wenn sie grausam und schrecklich und unbequem ist, weil wir glauben, daß die Welt nur noch schlimmer wird, wenn wir uns nicht mit ihren dunklen Seiten beschäftigen, mit Krankheiten und Katastrophen, mit Krieg und Verbrechen, mit Mord und Totschlag. Was würden wir für ein Bild von der Welt vermitteln, wenn wir all dies einfach verschweigen würden? Es ist unsere Aufgabe, über die Mißstände in der Welt zu informieren - und wir können in Ihrem Fall nicht einfach eine Ausnahme machen.

„Du sollst nicht lügen!“

Natürlich gibt es noch eine andere Antwort, denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir längst nicht mehr, was das ist: die Wahrheit. Aber wir wissen, was die Leute lesen wollen, hören wollen, sehen wollen. Das reicht uns. Die Leute wollen das Neue, das Dramatische, das Ungewöhnliche, sie wollen den Eklat und den Skandal. Wir wissen nicht, warum, aber wir können nichts dagegen tun. Das Gesetz unseres Berufs heißt nicht: „Du sollst nicht lügen!“ Es heißt: „Du sollst nicht langweilen!“

Das Seltsame dabei ist: Wir lieben das Spektakuläre und das Besondere, das nie Dagewesene, das Wahnsinnige; das Unbegreifliche aber akzeptieren wir nicht. Wir wollen einordnen, werten, analysieren: das ist unser Job. Und dazu brauchen wir stabile Kategorien: das Gute, das Böse, den Sieger, den Verlierer, das Opfer, den Täter. Es gibt Dinge, die können wir nicht verstehen, aber das ist kein Grund, sie nicht zu erklären.

Was Sie betrifft, Frau Kampusch: Natürlich können wir uns nicht vorstellen, wie Sie sich all die Jahre lang gefühlt haben. Was es für ein Leben war, in „Ihrem Raum“, unter der Erde. Wenn es stimmt, was Sie schreiben, daß Sie heranwuchsen „zu einer jungen Dame mit Interesse an Bildung und auch an menschlichen Bedürfnissen“; wenn es stimmt, was wir von Ihnen hören, daß die Isolation Sie nicht zu einem geistig und sozial verstörten Wesen gemacht hat, daß Sie sich im Gegenteil als „klug, eloquent und sehr gebildet“ erweisen und sogar mittlerweile bei Ihrer Befragung mit den Beamten scherzen: Dann ist darüber jeder einzelne von uns sehr erleichtert.

Wie schrecklich das klingt

Aber Ihre Stärke irritiert uns. Sie stellt unser ganzes Weltbild in Frage. Sie relativiert die Grausamkeiten, die Sie erlitten haben. Wir können diese Grausamkeiten bisher nur erahnen; aber wir werden Ihnen nicht glauben, wenn sie unsere Erwartungen an Drastik nicht erfüllen. Wir brauchen keine Opfer, die verzeihen. Wir interessieren uns nicht für Monster mit menschlichen Zügen.

Es gibt einen beunruhigenden Verdacht, der aus Ihren Zeilen spricht, einen Verdacht, der ungeheuerlicher ist als jede Grausamkeit, die wir uns vorstellen können: der Verdacht nämlich, daß selbst in Ihrer unvergleichlichen Situation so etwas wie Normalität möglich war. Denn wenn es etwas gibt, das wir nicht akzeptieren können, dann ist das Normalität. „Hausarbeit, lesen, Fernsehen, reden, kochen“, so schildern Sie Ihren Alltag, „Das war es, jahrelang. Alles mit Angst vor der Einsamkeit verbunden.“ Wie schrecklich das klingt. Wie schrecklich banal. Wie viele Leben, glauben Sie, ließen sich so zusammenfassen? Wenn es eine Grausamkeit gibt, die wir noch weniger wahrhaben können als die Mißhandlungen, die wir uns ausmalen, die Intimitäten, über die Sie nicht reden wollen, dann ist es dieser Terror der Banalität. Wir haben viel Phantasie. Aber wir können nicht glauben, daß die Qualen des Alltags Ihre größten waren.

Ihre Freiheit heißt Öffentlichkeit

Sie hatten gehofft, daß außerhalb Ihres Gefängnisses die Wirklichkeit wartet; jetzt stehen dort Kameras und Reporter. Die Flucht vor ihnen führt Sie erneut in die Isolation. Sie wollen nicht an die Öffentlichkeit, aber Sie haben keine Wahl: Ihre Freiheit heißt Öffentlichkeit. Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.

Sie waren alleine, mit Ihrem Entführer. Sie waren alleine, mit Ihrem Fernseher und mit den Zeitungen, die Sie bekamen. Sie waren alleine mit uns. Ihr Gefängnis war auch ein Gefängnis der Medien. Acht Jahre lang haben wir Ihnen die Welt erklärt, unsere Lügen wurden Ihre Wahrheiten, unsere Fiktionen Ihre Wirklichkeit. Und vermutlich ist es das, was wir am wenigsten verstehen: Daß Sie nach dieser Zeit mit uns überhaupt noch denken können, sprechen können, kommunizieren können.

Sie kennen uns besser als wir Sie. Wir können Ihnen nur wünschen, daß das so bleibt, alles Gute,

die Medien.

(i.V. Harald Staun)


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