29.09.2006 · Dem mutmaßlichen Entführer und Vergewaltiger der dreizehn Jahre alten Stephanie wird in Dresden der Prozeß gemacht. Bedrückend ist nicht nur die Schwere der Vorwürfe, sondern auch wie das Opfer nun in die Medien gedrängt wird.
Von Reiner Burger, DresdenDie Staatsanwaltschaft Dresden hat gegen den mutmaßlichen Entführer der dreizehn Jahre alten Stephanie Anklage erhoben. Dem 36 Jahre alten Mario M. werden Geiselnahme, Kindesentziehung und mehr als 30 sexuelle Übergriffe zur Last gelegt, welche die Staatsanwaltschaft als schweren sexuellen Mißbrauch und Vergewaltigung bewertet. Nach Einschätzung von Staatsanwalt Christian Avenarius hat Mario M. mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung zu rechnen. Das ergebe sich auch aus der Gefährdungsprognose eines psychiatrischen Sachverständigen.
Vor drei Wochen war es zu einem heftigen Konflikt zwischen der Familie Stephanies und den Ermittlern gekommen. Die Familie hatte gefordert, Stephanie abermals zu vernehmen, da nur so sichergestellt sei, daß das 36 Tage währende Martyrium des Mädchens dem Gericht umfassen bekanntgemacht werde und Mario M. tatsächlich nicht mehr auf freien Fuß komme. Um diese Position zu untermauern, hatte das Mädchen der Zeitschrift "Spiegel" schockierende Details ihrer Leidensgeschichte preisgegeben und war in einer Talk-Show des ZDF aufgetreten.
Schmerzensgeld vom Freistaat
Avenarius hatte den Bericht des "Spiegel" als "absolut unverantwortlich" bezeichnet und zudem die Rechtsbeistände Stephanies und ihrer Familie scharf kritisiert. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte der Staatsanwalt, es gehe darum, Stephanie zu schützen. Die Beweise gegen Mario M. seien erdrückend, zudem habe der Beschuldigte einen Großteil der Taten selbst gefilmt. "Eine zweite Vernehmung Stephanies birgt das Risiko, daß Ungereimtheiten und Widersprüche auftreten." Das rege das Gericht und die Verteidigung in der Hauptverhandlung zu weiteren Nachfragen nach intimsten Details an, die für das Mädchen extrem belastend werden könnten.
Er habe sich bisher nicht vorstellen können, daß sich Opferanwälte so verhalten, sagte Avenarius. "Wenn man natürlich weniger darauf aus ist, das Opfer zu begleiten, als unter Umständen auch eine materielle Entschädigung zu erwirken, dann ist das Vorgehen plausibler." Tatsächlich ist bekanntgeworden, daß die Eltern der mittlerweile 14 Jahre alten Stephanie Schmerzensgeld vom Freistaat verlangen. Sie argumentieren, das Leid ihrer Tochter sei durch schwere Ermittlungspannen unnötig verlängert worden. Die Polizei hatte schon Anfang des Jahres eingestanden, daß der einschlägig vorbestrafte Mario M. bei einer Computerabfrage nach Sexualstraftätern durch einen Recherchefehler nicht gefunden worden war. Erst Stephanie selbst konnte die Ermittler auf die Spur ihres Peinigers lenken, indem sie bei nächtlichen Spaziergängen heimlich Zettel mit Hilferufen fallen ließ.