29.09.2008 · Die Nachrichten über die in der Sahara entführte Touristengruppe werden immer verworrener. Unterschiedliche Angaben gibt es zum Feuergefecht am Sonntag. Unklar ist auch, wo sich die Geiseln derzeit aufhalten.
Das Geiseldrama in der Sahara wird immer undurchschaubarer. Nach einem Feuergefecht zwischen sudanesischen Regierungssoldaten und mutmaßlichen Angehörigen der Kidnapper-Bande sollen die elf Touristen und ihre acht ägyptischen Begleiter am Sonntag in den Tschad gebracht worden sein. Die Behörden im Tschad wissen jedoch nach eigenen Angaben nichts von Geiseln auf ihrem Territorium.
Entsprechende Meldungen aus dem Sudan seien womöglich eine „Medienoperation“, sagte ein Regierungssprecher am Sonntagabend. Zuvor hatte der sudanesische Präsidentenberater Mahdschub Fadl Badri unter Berufung auf Angaben von Rebellen erklärt, die 19 Geiseln befänden sich inzwischen im Tschad. Dazu sagte aber nun Regierungssprecher Mahamat Hissene in N'djamena: „Wir haben nichts bemerkt auf dem Territorium des Tschad.“
Auch der Botschafter des Tschad in Washington, Mahmud Adam Baschir, dementierte am Montag Berichte, dass die 19 Mitglieder einer Touristengruppe von ihren Entführern in den Tschad gebracht wurden. „Wir haben auf unserem Staatsgebiet keine Entführungsopfer, weder Touristen noch sonst irgend jemanden“, sagte Baschir in einem Telefoninterview des Nachrichtensenders Al-Arabija.
Widersprüchliche Angaben zum Gefecht
Unklar war am Montag auch, wer den Schusswechsel eröffnet hatte, und welche Verhandlungen zuvor gelaufen waren. Die Kairoer Tageszeitung „Al-Masry Al-Yom“ berichtete, die Entführer hätten zunächst vorgeschlagen, nach der Zahlung eines Lösegeldes erst die fünf Frauen der aus fünf Deutschen, fünf Italienern und einer Rumänin bestehenden Gruppe freizulassen. Die Männer und die acht ägyptischen Begleiter sollten erst freikommen, nachdem sich die Entführer in Sicherheit gebracht hätten. Dieser Plan sei später verworfen worden. Außerdem werde weiterhin über die Höhe des Lösegeldes verhandelt. Die Entführer sollen dem Vernehmen nach sechs Millionen Euro gefordert haben.
Sudanesische Medien verbreiteten unterdessen widersprüchliche Angaben zu dem Gefecht, bei dem am Sonntag laut Militär der Anführer der Kidnapper, ein Mann aus dem Tschad namens Bachit, und fünf seiner Komplizen getötet worden waren. Nachdem es erst geheißen hatte, die Soldaten hätten das Feuer auf das Fahrzeug der Entführer eröffnet, weil sich diese geweigert hätten, anzuhalten, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Suna später, die Entführer hätten zuerst auf die Soldaten geschossen.
Angst vor Schaden für Tourismus
Eine Sprecherin des Auswärtigen Amges sagte zum Schusswechsel im Sudan am Sonntagabend in Berlin: „Wir können diese Meldung nicht bestätigen.“ Man gehe allen Hinweisen nach, der Krisenstab arbeite weiterhin intensiv an einer Lösung.
Der italienische Außenminister Franco Frattini sagte am Montag, bei dem Schusswechsel habe es sich nicht um eine Befreiungsaktion des sudanesischen Militärs gehandelt. Die Geiseln wären nicht am Ort der Schießerei gewesen. Die Soldaten hätten geschossen, weil eine Gruppe von Männern an einem Kontrollpunkt nicht angehalten hätte. Unklar sei, wo sich die Geiseln derzeit aufhalten.
Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ sprachen sich die Regierungen von Ägypten und Italien bei der Bundesregierung für die Zahlung des Lösegelds aus. Die Behörden in Kairo fürchteten einen Schaden für den Tourismus, würde bei einer Befreiungsaktion von Eliteeinheiten einer der Touristen ums Leben kommen. Unklar sei, wer für die geforderte Summe aufkommen müsse. Die ägyptische Regierung gehe offenbar davon aus, dass die Bundesregierung einen großen Anteil übernehme, heißt es in dem Bericht weiter.
Die europäischen Touristen waren am 19. September mit ihren Begleitern in der Wüste an der ägyptisch-sudanesischen Grenze verschleppt worden. In den Verhandlungen mit den Kidnappern soll die Bundesregierung die Federführung übernommen haben.