27.11.2006 · Eine kleine Waffensammlung und Computerspiele voller Gewalt gehören anscheinend heutzutage einfach dazu. Für täuschend echte Softairs braucht man meist nicht einmal einen Waffenschein. Ein Schüler berichtet.
Tim ist siebzehn Jahre alt. Er besucht die elfte Klasse eines Berufskollegs und bereitet sich aufs Fachabitur vor. Sein Vater führt ein mittelständisches Unternehmen, seine Mutter ist Angestellte in leitender Position. Tim besitzt sechs Waffen, vier davon legal und zwei illegal. Über die illegalen sagt er: „Die sind wirklich gefährlich.“
Außerdem spielt er in seiner Freizeit gerne Counterstrike oder Mortal Kombat - jene Computerspiele, die seit dem Amoklauf von Emsdetten wieder in der Kritik stehen. Tim findet seine Waffensammlung und seine Vorliebe für Ballerspiele normal. Er kennt viele Leute, die „viel extremer“ sind als er selbst. Er wirkt ruhig und besonnen. Waffen und brutale Computerspiele aber gehören für ihn einfach dazu.
Für Softairs braucht man keinen Waffenschein
Warum besitzt ein Siebzehnjähriger Waffen? Es handelt sich um sogenannte Softairs, wie sie auch der Emsdettener Amokläufer Sebastian B. besaß und der Berliner Schüler, der einen Amoklauf in der Bertha-von-Suttner-Schule ankündigte. Das sind Waffenimitationen aus Hartplastik mit Federdruck- oder Gasmechanismus, deren Munition aus Plastik- oder Metallkugeln besteht.
Manche Softairs sind selbst für Vierzehnjährige zugelassen. Bei denen, die legal in Tims Besitz sind, handelt es sich um die „harmlose“ Variante: eine Pistole (Walter P 99), zwei Gewehre (G 36) und eine Schrotflinte. Man kann sie zum Beispiel in Jagdsportgeschäften oder auf dem Rummel kaufen. Auch Tims illegale Waffen, zwei Glock-19-Pistolen, sind Softairs, allerdings gasbetriebene mit Aluminiumkugeln. Er hat sie im Urlaub in San Marino gekauft und nach Deutschland gebracht. Ihre Aufschlagsstärke ist hoch, sie sind ab achtzehn zugelassen. Einen Waffenschein braucht man nicht für sie.
Es ist cool, Waffen zu besitzen
Tim findet es „cool“, die Waffen zu besitzen. Er schießt im Garten auf „Keramikziele“, weil es ihm peinlich wäre, von Fremden beobachtet zu werden. Andere Jugendliche aus seinem Wohngebiet ziehen sich Tarnanzüge an, gehen mit den Softairs in den Wald und spielen was auch immer. Tim sagt über sie: „Der Großteil von denen sind ziemliche Loser, die in der Schule nur gemobbt werden.“
Die Krieger, die Übungen im freien Gelände bevorzugen, finden einander nicht nur in der Schule, sondern auch im Internet, zum Beispiel auf www.softairteams.de. Dort stellen sich Softair-Ortsgruppen vor und rekrutieren ihre Schützen, knapp 2000 sind allein auf dieser Seite angemeldet. Die Beiträge in dem Forum lesen sich harmlos wie Verabredungen zum Kaffeekränzchen.
Dann eben in Bagdad anmelden ...
Über die Überlegungen, brutale Computerspiele zu verbieten, kann Tim W. nur lachen. Für seine Generation wäre das so, als würde man Fußball verbieten wollen: „Das geht gar nicht. Wenn Counterstrike oder Mortal Kombat in Deutschland verboten würden, würde man sich einen neuen Account holen und sich in Amerika oder in Bagdad anmelden. Da spritzt das Blut noch viel mehr.“
Die ausländischen Versionen dieser Spiele sind im Netz für jeden zugänglich und noch brutaler als die deutschen. Tim hat mehrere Mitschüler, die sich jeden Nachmittag mit anderen zu „World of Warcraft“ verabreden und gemeinsam Monster erledigen. „Wenn man die fragt, was sie gemacht haben, erzählen sie, was sie im Netz erlebt haben.“ Er selbst macht bei dem Rollenspiel nicht mit, weil es kostenpflichtig ist. Darüber ist er eigentlich sogar ganz froh: „Da wird man süchtig nach.“