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Poker-Experte über Attentäter : „Das bieten die Kasinos ihren besten Kunden an“

Mandalay Bay Hotel und Kasino in Las Vegas: Stephen Paddock durfte hier umsonst ein Zimmer beziehen. Bild: AFP

Der mutmaßliche Massenmörder von Las Vegas war Videopokerspieler. Im Interview spricht der ehemalige Pokerprofi Jan Heitmann über das Zocken am Automaten, Lockangebote der Kasinos und sechsstellige Kreditrahmen.

          Herr Heitmann, Stephen Paddock, der in Las Vegas 58 Leute erschossen haben soll, war ein Videopokerspieler. Drei Tage vor der Tat wurde er laut „New York Times“ noch an einem Automaten gesehen. Wie funktioniert das Spiel? 

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Das hat mit dem Poker, das ich spiele, nicht viel zu tun. Abgesehen davon, dass die gleichen Handreihenfolgen benutzt werden und es auf der Idee Poker aufbaut, ist es ein völlig anderes Spiel. Der Hauptunterschied besteht darin, dass man beim Videopoker direkt gegen das Kasino antritt. Wenn der Spieler gewinnt, verliert das Kasino und andersrum. Bei solchen Spielen ist immer ein mathematischer Vorteil für das Kasino eingebaut. Klassisches Beispiel: Beim Roulette gibt es die 35-fache Auszahlung, es gibt aber insgesamt 37 Zahlen. Man hat einen direkten Nachteil von mehr als vier Prozent. Beim klassischen Poker ist das Kasino dagegen selbst gar nicht involviert, auch wenn es den Dealer, den Tisch, die Chips und so weiter stellt. Es nimmt dafür aber nur eine Gebühr, der Rest wird unter den Spielern ausgespielt. Wenn man besser als die anderen spielt, hat man da die Möglichkeit, langfristig positiv abzuschneiden. Ich habe das 14 Jahre professionell gemacht und war jedes Jahr in Las Vegas auf Turnieren. Vom Automatenspielen können Sie nicht leben.

          Wie hoch sind die Gewinn-Chancen beim Videopokern?

          Es gibt verschiedene Varianten, aber in den meisten bekommt man einfach fünf Karten digital ausgeteilt, kann dann ein paar wegdrücken und bekommt neue Karten. Je nachdem, was man dann hat, bekommt man eine Auszahlung. Beim Videopokern ist die Auszahlung aber extrem unfair gegenüber dem Spieler. Für einen Royal Flush bekommt man vielleicht das 50- bis 100-fache des Einsatzes ausgezahlt. Die Wahrscheinlichkeit, dass man direkt einen Royal Flush ausgeteilt bekommt, liegt aber etwa bei 650.000:1. Das verringert sich dann, wenn man noch Karten austauschen kann, aber es steht trotzdem in keinem Verhältnis zu dem, was man da ausbezahlt bekommt. Langfristig kann man beim Videopokern deswegen keinen Gewinn machen.

          Jan Heitmann gilt als Deutschlands renommiertester Pokerexperte. 2012 gewann er 300.000 Dollar in Las Vegas, heute arbeitet er als Trainer und hält Vorträge in Unternehmen.
          Jan Heitmann gilt als Deutschlands renommiertester Pokerexperte. 2012 gewann er 300.000 Dollar in Las Vegas, heute arbeitet er als Trainer und hält Vorträge in Unternehmen. : Bild: Privat

          Paddock soll bei jeder Hand um die 100 Dollar eingesetzt und hunderte Hände pro Stunde gespielt haben. Ist das viel – in Las Vegas-Dimensionen?

          Würde ich schon sagen. Ich kenne die genauen Gewinnwahrscheinlichkeiten beim Videopokern jetzt nicht, aber wenn man zum Beispiel vom Roulette ausgeht, da macht man im Schnitt minus 4,57 Prozent pro Wette. Immer, wenn man hundert Euro setzt, verliert man 4,57 Euro. Und beim Videopoker ist die Wahrscheinlichkeit noch wesentlich schlechter. Da verliert man um die 40 bis 50 Prozent seines Einsatzes, glaube ich. 

          Für sein luxuriöses Zimmer im 32. Stock des Kasinos musste Paddock offenbar nichts bezahlen. Ist das ungewöhnlich?

          Nein, das ist sehr typisch. Die Kasinos haben da einfach ein System entwickelt, so wie Lufthansa-Meilen oder Payback-Punkte, mit dem sie sagen: Wenn du viel bei uns kaufst, möchten wir dich auch animieren, ständig bei uns zu bleiben. Wenn Spieler einen bestimmten Umsatz generieren, bekommen sie das Hotelzimmer gestellt, oder Essensgutscheine, oder Showtickets geschenkt. Je mehr Umsatz man als Spieler bringt, umso mehr bekommt man zurück geschenkt. Wobei das Kasino unterm Strich natürlich immer noch sehr profitabel da rausgeht, sonst würden sie das nicht machen. Das ist eine knallharte Rechnung.

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          Paddock hatte laut der New York Times einen sechsstelligen Kreditrahmen in dem Kasino. Wie bekommt man den?

          Auch das bieten die Kasinos ihren besten Kunden an. Da wird vorher die Kreditwürdigkeit geprüft, und wenn jemand kreditwürdig ist, muss er nicht erst das Geld überweisen muss, um zu spielen. Das würde zu lange dauern. Die Leute sollen sofort ihr Geld verlieren können. Wenn Paddock einen sechsstelligen Kreditrahmen hatte, hat er sehr viel gespielt und war vermutlich irgendwann mal auch sehr wohlhabend.

          Er soll oft in einem Extra-Raum für „High-Limit“-Spieler gespielt haben. Was sind das für Räume?

          Es gibt sogenannte High-Roller-Bereiche, da spielen die Leute, die sehr viel Geld einsetzen. Die sind dann etwas abgeschirmt, zum einen, damit es keine Gaffer gibt. Zum anderen will man diesen guten Kunden eben ein besonderes Ambiente bieten, da gibt es eigene Toiletten, eigene Kellner und die Spieler bekommen alle möglichen Sonderwünsche erfüllt. Natürlich ist auch da das Ziel, es den Spielern so angenehm wie möglich zu machen, damit sie immer weiter spielen.

          Was ist das für eine Klientel, die in diesen Räumen sitzt?

          Das habe ich immer nur am Rande mitbekommen, die Pokerszene ist eine ganz andere Szene. Wir distanzieren uns ja auch vom Glücksspiel-Image, weil man beim Pokern durch seine Entscheidungen den eigenen Erfolg beeinflusst. Das ist bei den Kasinospielen nicht der Fall. Da kann man etwas an der Gesamtstrategie rumoptimieren, aber selbst wenn man die beste Strategie verfolgt, gewinnt am Ende immer das Kasino.

          „Videopokern ist das Crack-Kokain des Pokerns“, hat der Chef eines Kasino-News-Portals in Las Vegas gesagt. Sehen Sie das auch so?

          Ich hoffe nicht des Pokerns, weil die Sachen haben außer dem Namen wirklich kaum etwas gemeinsam. Es ist ein Automatenspiel, und alle Automatenspiele bergen eine hohe Gefahr, spielsüchtig zu machen, man bekommt sehr viele audiovisuelle Reize zugespielt. Das ist ähnlich wie bei der Handysucht: Wenn es Bing macht, werden Endorphine ausgeschüttet, die uns kurzzeitig glücklich machen. Dieses Gefühl möchte man immer und immer wieder haben. Und die Automaten sind genau darauf ausgerichtet, dass selbst wenn man verliert noch irgendwelche audiovisuellen Signale ausgesendet werden. Man wird immer wieder in die Glücksgefühle reingesteuert, um den Spieler am Spielen zu halten.

          Spieler der höchsten Kategorie

          In den Wochen vor dem Anschlag in Las Vegas soll der Schütze Stephen Paddock mindestens 160.000 Dollar bei Glückspielen in den Casinos der Wüstenstadt gesetzt haben. Die Ermittler stießen auf 16 Überweisungsberichte, die das amerikanische Finanzministerium bei Bargeldtransaktionen in Spielcasinos mit Beträgen über 10.000 Dollar verlangt. Da Paddock oft hohe Summen setzte, soll er bei „Caesars Entertainment“ als „Spieler der höchsten Kategorie“ geführt worden sein. Wie NBC meldete, durfte er unentgeltlich übernachten, essen und trinken. Auch die Suite im 32. Stock des Hotels Mandalay Bay, aus der Paddock am Sonntag 58 Besucher eines Musikfestivals erschoss und etwa 480 weitere Personen verletzte, nutzte er unentgeltlich. „Er war ein ernsthafter Spieler, der sein Geld mit Glücksspiel verdiente“, sagte sein Bruder Eric Paddock. Zu den bevorzugten Spielen zählte Videopoker, das die meisten Casinos in Las Vegas an Automaten anbieten. Nach ersten Schätzungen verdiente Paddock durch das Glückspiel mehrere Millionen Dollar. Für sein Haus in Mesquite etwa 120 Kilometer nördlich der Spielerstadt soll er die knapp 400.000 Dollar bar bezahlt haben. Ende Oktober 2011 erlitt Paddock in Las Vegas Verletzungen, als er im Hotel Cosmopolitan ausrutschte. Wie er in einer Schmerzensgeldklage gegen die Betreiber vortrug, hatte das Hotel angeblich versäumt, eine Pfütze aufzuwischen. Trotz Arztrechnungen in Höhe von 32.000 Dollar lehnte ein Gericht die Forderungen ab. Marilou Danley, die Lebensgefährtin des Schützen, berichtete den Ermittlern des FBI von Albträumen, die den Vierundsechzigjährigen immer wieder aus dem Schlaf rissen. (ceh.)

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