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Duisburg Mutmaßlicher Mafia-Mörder gefasst

13.03.2009 ·  Mehr als anderthalb Jahre nach den Mafia-Morden vor einer Duisburger Pizzeria ist der mutmaßliche Haupttäter in Amsterdam festgenommen worden. Der 30 Jahre alte Giovanni Strangio soll im August 2007 sechs Mitglieder eines rivalisierenden Clans erschossen haben.

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Es ist ein gemeinsamer Fahndungserfolg niederländischer, italienischer und deutscher Behörden: Der mutmaßliche Haupttäter der Morde von Duisburg, Giovanni Strangio, ist in der Nacht zum Freitag in Amsterdam festgenommen worden. Dies teilte die Duisburger Polizei am Freitagmorgen mit. Die Ermittler werteten die Festnahme als Erfolg der internationalen Zusammenarbeit.

Die Morde vor dem Duisburger Restaurant „Da Bruno“ im August 2007 hatte an eine Hinrichtung erinnnert. Zwei Männer - einer davon wahrscheinlich Strangio - töteten sechs Mitglieder einer Familie der süditalienischen Mafia 'Ndrangheta durch Kopfschüsse. Hintergrund ist ein seit 1991 in Süditalien schwelender Mafiakrieg zwischen konkurrierenden Clans. Nach den tödlichen Schüssen in Duisburg war den Schützen zunächst die Flucht nach Gent in Belgien gelungen, wo sie einen gemieteten Wagen stehenließen und untertauchten.

Es habe bereits kurz nach der Tat im August 2007 Hinweise gegeben, die auf einen Aufenthalt Strangios in den Niederlanden hindeuteten, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Zunächst sei es nicht gelungen, den 30 Jahre alten Italiener in den Niederlanden genau zu lokalisieren. Als im November vergangenen Jahres drei Schwestern von Strangio nach Amsterdam reisten, schlug die Polizei das erste Mal zu: Sie verhaftete den seit mehr als zehn Jahren gesuchten Mafia-Boss Giuseppe Nirta , der mit einer der Strangio-Schwestern verheiratet ist.

Wer ist der zweite Mann?

In Nirtas Wohnung in Amsterdam fand sich dann der entscheidende Hinweis: eine Parkplakette, ausgestellt auf den Wagen eines Kontaktmanns aus Frankfurt am Mainz. Die BKA-Zielfahnder hefteten sich auf seine Fersen und fanden so Strangios Versteck in einem Wohnhaus in Amsterdam. Der wegen sechsfachen Mordes mit internationalem Haftbefehl gesuchte Italiener wurde dann Freitagnacht zusammen mit seinem Schwager Francesco Romeo verhaftet. Die beiden wurden von der Festnahme offenbar überrascht. Strangio sei mit Frau und Kind im Wohnzimmer gesessen, als die Polizei die Wohnung stürmte, Romeo habe im Bett gelegen.

In der Wohnung im zweiten Obergeschoss fanden die Fahnder rund eine Million Euro in bar, zahlreiche gefälschte Pässe, eine Apparatur zum Fälschen von Dokumenten sowie eine Schusswaffe. Ob es sich dabei um eine Tatwaffe handele, sei noch nicht geklärt, sagte Polizeisprecher Haufmann.

Strangio hat nach Erkenntnissen der Ermittler den Fluchtwagen gefahren. In dem Fahrzeug wurden seine DNA-Spuren gefunden. Schmauchspuren am Lenkrad legen nahe, dass er auch geschossen hat. Unklar ist nach Angaben der Duisburger Ermittler weiterhin die Identität des zweiten Todesschützen. DNA-Spuren eines weiteren Mannes im Fluchtwagen konnten bislang noch keinem Verdächtigen zugeordnet werden. Es wird nun überprüft, ob die DNA-Spuren zu Romeo oder dem Clan-Mitglied Giuseppe Nirta führen. Die niederländischen Berhörden liefern den 35-jährige Nirta nach Angaben des Duisburger Kriminaldirektors Holger Haufmann derzeit nach Italien aus.

Auslieferung nach Deutschland unsicher

Offen ist noch, wo Strangio der Prozess gemacht werden soll: Sowohl die deutsche als auch die italienische Justiz hätten Auslieferungsanträge gestellt. Strangio und Romeo sollen am Montag einem Haftrichter vorgeführt werden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft im Amsterdam, Wim de Bruin.

Die 'Ndrangheta ist vor allem in Kalabrien aktiv. Sie gilt inzwischen als mächtiger als die sizilianische Mafia. Ihre wichtigsten Ertragsquellen sind Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche und Erpressungen. Ihr Jahresumsatz wird nach unterschiedlichen Schätzungen auf 22 bis 40 Milliarden Euro beziffert. In Deutschland sollen nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts mittlerweile mehrere hundert sogenannte Familien der gefährlichen süditalienischen Organisation aktiv sein. Zu den Rückzugs- und Operationsräumen zählt vor allem das Ruhrgebiet.

Chronik der Ermittlungen nach den Duisburger Mafia-Morden

15. August 2007: Nach einer Geburtstagsfeier werden sechs Italiener im Alter zwischen 16 und 39 Jahren vor einer Duisburger Pizzeria erschossen. Der italienische Innenminister spricht von einem Mafia-Hintergrund.
16. August: Auch die deutschen Ermittler gehen von einem Mafia-Hintergrund aus. Sie führen die Tat auf eine Fehde zweier kalabresischer Mafia-Clans zurück.
20. August: Die Leichen der sechs Opfer werden den Familien übergeben.
21. August: Die Aufzeichnungen von Überwachungskameras um den Tatort erweisen sich als weitgehend unbrauchbar. Die Polizei
veröffentlicht im Internet eine Sequenz, die lediglich schemenhaft zwei Personen auf dem Gelände einer Tankstelle zeigt.
23. August: Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen werden in der kleinen Stadt Siderno an der kalabrischen Ostküste zwei Opfer beigesetzt. Die sterblichen Überreste dreier weiterer Männer werden in San Luca bestattet.
24. August: Ein 18-jähriges Opfer wird in seiner Geburtsstadt Mülheim an der Ruhr beerdigt.
30. August: Die Polizei verfolgt bei der Suche nach den Tätern endlich eine konkrete Spur: Ein klareres Bild haben die Ermittler inzwischen auch von den Ereignissen der Tatnacht. Es wurde ein Aufnahmeritual abgehalten, mit dem der junge Tommaso in die 'Ndrangheta aufgenommen wurde. In Italien nehmen die Ermittler im Zusammenhang mit dem Blutbad insgesamt 32 mutmaßliche 'Ndrangheta-Mitglieder fest.
31. August: Die Polizei identifiziert den 28-jährigen Giovanni Strangio als einen der mutmaßlichen Täter. Das Amtsgericht Duisburg erlässt Haftbefehl wegen Mordes, die Polizei veröffentlicht ein Foto.
2. September: Ein Hamburger Taxifahrer sichtet offenbar Strangios Mietwagen. Trotz einer Fahndung mit 23 Funkstreifenwagen wird
der Renault Clio nicht gefunden.
3. September: Es wird eine internationale Fahndung nach Strangio eingeleitet.
18. Dezember: In Deutschland und Italien werden mindestens vier Personen festgenommen. Die Festnahmen erfolgten in San Luca, der Heimatstadt der beiden 'Ndrangheta-Clans sowie in Neuss und Oberhausen.
2. März 2008: Einem Bericht zufolge wurde das Fluchtauto der beiden mutmaßlichen Täter von Duisburg im Oktober in Belgien
gesehen.
4. März: Die italienische Polizei beschlagnahmt bei Razzien gegen die 'Ndrangheta Güter im Wert von 150 Millionen Euro.
9. Mai: Die italienische Polizei verhaftet sieben mutmaßliche Hintermänner des Duisburger Blutbads. Den Angaben zufolge sind sie aber nicht direkt in die Morde verwickelt.
23. Mai: Die italienische Polizei nimmt einen mutmaßlichen Mafia-Führer fest, dessen Clan mit dem Mafia-Blutbad in Duisburg in Verbindung gebracht wird. Der 68-jährige soll der Schwiegervater der Frau sein, deren Ermordung 2006 Anlass für das Wiederaufflammen der blutigen Fehde war.
4. Oktober: Die italienische Polizei nimmt einen weiteren mutmaßlichen Mafiaboss fest, dessen Familie in die Duisburger Morde im August 2007 verwickelt sein soll. Der 46 Jahre alte Antonio Pelle war seit 2007 auf der Flucht und wurde wegen Zugehörigkeit zum organisierten Verbrechen gesucht.
12. November: In Kalabrien beginnt der Prozess gegen 14 mutmaßliche Mitglieder der 'Ndrangheta. Sie sollen in den Streit verfeindeter Familienclans verwickelt sein, der auch zu den Morden in Duisburg führte.
12. März 2009: Der wegen sechsfachen Mordes mit Haftbefehl gesuchte mutmaßliche Haupttäter Giovanni Strangio wird kurz vor Mitternacht in Amsterdam festgenommen.

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