25.09.2008 · Weil er jahrelang mit ihnen im Streit gelegen hatte, erschlug ein 65jähriger Mann seine Nachbarn in einer Kleingartenanlage in Gifhorn mit einem stumpfen Gegenstand. Inzwischen hat Wilfried R. die Tat gestanden.
Von Robert von LuciusNach dem gewaltsamen Tod einer dreiköpfigen Familie in Gifhorn hat deren 65-jähriger Gartennachbar die Tat gestanden. Der Mann sei nach seinem Geständnis am frühen Donnerstagnachmittag bereits einem Haftrichter vorgeführt worden, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Der Richter habe Haftbefehl wegen dreifachen Totschlags erlassen. Die Ermittler waren zunächst von Mord ausgegangen. Den mutmaßlichen Täter hatten Polizisten am Mittwochabend in Isenbüttel nahe Gifhorn gefasst. Der 65-Jährige hatte zuerst angegeben, mit der Tat nichts zu tun zu haben. Er sei lediglich ziellos umhergewandert und habe vergeblich versucht, sich das Leben zu nehmen.
Bis es zu der Tat von Gifhorn kam, hatten der jetzt festgenommene Wilfried R. und seine Opfer - sie waren Nachbarn in der Kleingärtnerkolonie - über Jahre miteinander im Streit gelegen. Es ging um versperrte Zufahrtswege, um überhängende Äste, um Rasensaat, die der Wind von einem Garten in den anderen trug. In dem Kleinkrieg der Gartennachbarn kam es zu Beleidigungen, zu wechselseitigen Strafanzeigen, auch zu Tätlichkeiten. Autoreifen wurden zerstochen. Erst brannte der Kaninchenstall von Hans K. ab und alle 30 Tiere verendeten, dann ging die die Laube von Wilfried R. in Flammen auf. Zeugen wollten wissen, dass Wilfried R. seinen Nachbarn auch mit dem Tod bedroht habe. Die Polizei ermittelte mehrmals vergeblich, bewiesen wurde nichts.
Einig waren sich der 65 Jahre alte Hans K. - seitdem der ehemalige Mitarbeiter eines Autozulieferbetriebs 2007 in Rente gegangen war, hatte er noch mehr Zeit für den Garten - und sein am Mittwochabend verhafteter Nachbar nur in ihrer Liebe zum Garten und zur Kolonie. Fast jeden Abend kamen K., seine 59 Jahre alte Frau und ihr 33 Jahre alter Sohn Martin in den Kleingarten an der Feldstraße ins benachbarte Dannenbüttel. In der kleinen Laubenkolonie ist fast jeder zweite ein Russlanddeutscher.
Tödliche Schädelverletzungen
Ein Kleingärtner hatte das Ehepaar K. und seinen Sohn am Montagabend im Gebüsch an einem Stichweg der Anlage gefunden. Sie waren mit einem stumpfen Gegenstand von hinten attackiert worden und wiesen tödliche Schädelverletzungen auf. Hundertschaften der Polizei suchten mit Spürhunden und Hubschraubern nach Wilfried R., der ohne sein Auto oder Fahrrad untergetaucht war - seine Sandalen deuteten darauf hin, dass die Tat nicht geplant war.
Die Taten geschahen aus niedrigen Beweggründen oder auch Heimtücke, vermutet die Staatsanwaltschaft Hildesheim, die R. am Donnerstag dem Haftrichter vorführte. Die Familie wurde vermutlich nicht gleichzeitig erschlagen, sondern zuerst der Vater und dann Sohn und Mutter. Nach dem ersten Mord wollte der verdächtigte Rentner, so vermutet die Mordkommission, die Tat durch die Folgetaten vertuschen. Die Obduktion in der Medizinischen Hochschule Hannover zeigte, dass die Oper kampflos starben. Der mutmaßliche Täter gilt, so die Polizei, als „trainiert, sportlich und fit“, aber auch als aufbrausend.
Der Fundort ist nicht der Tatort
Der Fundort der Leichen ist nach ersten Erkenntnissen der Polizei nicht der Tatort, der sich aber in unmittelbarer Nähe befindet. Die Familie wurden nach Angaben der Polizei zuletzt am Montagabend in ihrer Gartenlaube in der Kleingartenkolonie unweit des Leichenfundorts lebend gesehen. Eine Zeugin habe kurz danach Hilferufe gehört.
Der Täter lebte nach Angaben der Polizei bislang in geordneten Verhältnissen. Er sei verheiratet habe einen erwachsenen Sohn und eine erwachsene Tochter und auch Enkelkinder, sagte Hauptkommissar Schmidt. Bis zu seiner Pensionierung sei er Arbeiter bei einem niedersächsischen Autohersteller gewesen.
Eigentlich gilt Gifhorn als beschauliche Stadt am Wegekreuz von der Salzstraße, die zwischen Lüneburg und Braunschweig verläuft, und der Kornstraße, die von Celle nach Magdeburg führt. Der Ort ist geprägt von der Südheide, dem Schloss, der Fachwerkinnenstadt und einem Mühlenmuseum. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber kam ein starker Aufschwung - Flüchtlinge verdoppelten die Einwohnerzahl und das nahe Wolfsburg führte zum Aufbau einer Zulieferindustrie für Volkswagen. Diese Welt der Ruhe wurde in den letzten Jahren mehrfach durch Gewalttaten in Gifhorn durchbrochen, auch im Frühjahr durch einen aufsehenerregenden Doppelmord.
Robert von Lucius Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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