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Veröffentlicht: 14.12.2016, 22:36 Uhr

Nach Mordfall in Freiburg DNA-Analysen sollen ausgeweitet werden

Künftig können mit DNA-Analysen wahrscheinlich auch äußere Merkmale wie Haarfarbe und Alter ermittelt werden. Rechtsmedizinische Institute treten für Ausweitung ein.

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© dpa Tatort: Der Mord an einer Studentin in Freiburg befeuerte die Debatte.

Die Spurenkommission, das wissenschaftliche Gremium der rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Institute in Deutschland, hat sich für eine Ausweitung der DNA-Analyse ausgesprochen. Auf diese Weise könnten künftig auch in Deutschland anhand von DNA-Spuren Aussagen zur wahrscheinlichen Haarfarbe, zur Augenfarbe, zum Alter und zur biogeographischen Herkunft gemacht werden. Das geht aus einer Stellungnahme der Spurenkommission hervor, die dieser Zeitung vorliegt. Die Institute fordern, den Nutzen der erweiterten Analyse gegenüber möglichen Risiken, einer eventuellen Verletzung der „genetischen Privatsphäre“ und des Datenschutzes, abzuwägen.

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Hierbei empfiehlt die Spurenkommission, die DNA-Analyse auf die Feststellung der äußerlichen Merkmale zu beschränken. Das Aussehen werde später zwangsläufig aufgedeckt, sollte die Spur einer Person zugeordnet werden können, heißt es in der Erklärung. Nach Anlagen für erblich festgelegte Krankheiten oder andere persönliche Merkmale soll grundsätzlich nicht gesucht werden.

Alter von Tatverdächtigen könnte ermittelt werden

Die Wissenschaftler heben hervor, dass die erweiterte Analyse sowieso nur in Betracht kommt, wenn Spuren einer unbekannten Person vorliegen und es zu dieser Spur keinen Personentreffer in der DNA-Analyse-Datei (DAD) des Bundeskriminalamtes gibt. Es wäre sozusagen das letzte kriminaltechnische Mittel, das bei schwerwiegenden Delikten zur Anwendung käme. „Gerade die Möglichkeit, das Alter eines Tatverdächtigen einschätzen zu können, besitzt erhebliches Potential für die Ermittlungsarbeit“, sagt Peter Schneider, Vorsitzender der Spurenkommission und Leiter der Forensischen Molekulargenetik des Universitätsklinikums Köln.

Anhand von Blutspuren könne man inzwischen das Alter des Spurenlegers mit einer Abweichung von etwa vier bis fünf Jahren vorhersagen. Zudem werden zurzeit weitere Analysemethoden entwickelt, damit nicht nur Blutspuren, sondern auch Tatortspuren wie Speichel und Sperma auf das Alter des Tatverdächtigen hin untersucht werden können.

Gezielteres Ermitteln möglich

Die Aussagen zum wahrscheinlichen Alter, dem äußeren Erscheinungsbild oder der Herkunft eines Tatverdächtigen können der Polizei nach Ansicht der Wissenschaftler helfen, den Kreis möglicher Tatverdächtiger einzugrenzen. „So kann gezielter ermittelt werden“, sagt Schneider. Im Gegensatz zu subjektiven und oft unzuverlässigen Zeugenaussagen sind die Ergebnisse der DNA-Analyse auch statistisch abgesichert. Die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen von blauen oder dunkelbraunen Augen kann in rund 95 Prozent der Fälle richtig bestimmt werden.

Für schwarze Haare treffen die Vorhersagen im Durchschnitt bei 87 Prozent der Fälle zu, bei blonden Haaren bei 70 bis 80 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für weiße Hautfarbe liegt bei 98 Prozent, für schwarze Hautfarbe bei 95 Prozent. Schneider verweist allerdings darauf, dass die Haarfarbe sich im Alter ändern kann, dass ein Mensch mit der Anlage zu braunen Haaren auch eine Glatze bekommen oder sich die Haare färben kann. „Die Vorhersage des Alters bietet somit einen größeren praktischen Nutzen für die Ermittler als Vorhersagen der wahrscheinlichen Augen- und Haarfarbe.“

Auch Herkunft kann ermittelt werden

Auch zur Herkunft einer Person können inzwischen berechenbare Angaben gemacht werden. Die Spurenkommission hebt hervor, dass aus winzigen DNA-Mengen die „kontinentale Herkunft“ einer Person aus Europa, Afrika, Ostasien, Ozeanien und Amerika (indigene Bevölkerung) mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent bestimmt werden kann. Die Aussagekraft lasse jedoch schnell nach, wenn die Herkunft auf „subkontinentaler Ebene“ untersucht werde.

Die Spurenkommission stellt überdies heraus, dass die biogeographische Herkunft eines Menschen nur auf den genetischen Wurzeln seiner Vorfahren beruht. „Soziale, kulturelle und religiöse Kriterien“ spielten dabei keine Rolle. „Daher sollte der Begriff der ,Ethnizität‘ oder ,Ethnie‘ in diesem Zusammenhang nicht verwendet werden.“

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Auch zur Frage der Speicherung der erweiterten genetischen Daten nimmt die Spurenkommission Stellung. Nach ihrer Einschätzung müssen die Daten, die das Aussehen oder die Herkunft betreffen, nicht in der DAD des BKA gespeichert werden, da es keine „individualspezifischen“ Merkmale sind. Sie können folglich auch nicht zur sicheren Identifizierung eines einzelnen Menschen herangezogen werden. Die Kommission empfiehlt, dass die Labore und Institute nur die Ergebnisse zum wahrscheinlichen Aussehen an die Polizeidienststellen weiterleiten. Die „genetischen Rohdaten“ könnten im Labor bleiben und später gelöscht werden.

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Nähere Informationen zur Stellungnahme unter www.gednap.org./de/spurenkommission.

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