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DNA-Analyse Die Wattestäbchen-Branche verteidigt sich

27.03.2009 ·  Das Phantom von Heilbronn wird wohl für immer eines bleiben. Die DNA der „unbekannten weiblichen Person“ stammt von verunreinigten Wattestäbchen. Die Hersteller weisen darauf hin, dass Medizinprodukte keimfrei sind, aber nicht frei von DNA.

Von Alfons Kaiser
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Die Spur des „Phantoms“, das wohl nur ein Phantom war, führt nun zu den Wattestäbchen. Da kann man verstehen, dass die Auskunftfreude von Herstellern und Händlern nicht allzu groß ist. Nicht einmal beim Unternehmen Heinz Herenz aus Hamburg, das auch die Polizei Bayerns beliefert (wo man keine einzige der vielen Erscheinungen des „Phantoms“ registrieren musste), will man etwas sagen. Geschäftsführer Dieter Cyll, am Donnerstagmorgen am Telefon noch freundlich, aber natur- und berufsgemäß verschlossen, hat schon am Mittag entnervt das Büro verlassen.

Die Wattestäbchen-Industrie hat es ohnehin nicht leicht. Die Produktion ist im Zuge der Globalisierung und der konkurrenzlos billigen Fertigung in Fernost weitgehend aus Deutschland verschwunden. Nur noch wenige Hersteller produzieren im Lande. Die handelsüblichen Stöckchen gehen, nicht sterilisiert, an Drogerien und Supermärkte. Die Spezialprodukte, sogenannte Abstrich-Bestecke, gehen, einzeln in einer sterilen Plastikbox verpackt, an Kliniken und Labore - wobei sich offenbar erst seit Donnerstag in den Polizeipräsidien und Landeskriminalämtern die Erkenntnis Bahn bricht, dass sterilisierte Stäbchen nicht DNA-frei sind. Bei der Heidenheimer Paul Hartmann AG, einem der führenden europäischen Anbieter von Medizinprodukten, der unter anderem Krankenhäuser, Arztpraxen, Apotheken und die Bundeswehr beliefert, weist man darauf hin, dass die für medizinische Zwecke hergestellten Produkte durch Sterilisierung keimfrei seien, also frei von lebenden Mikroorganismen - aber nicht frei von DNA-Spuren.

Sind die Spuren von einer „Baumwollpflückerin in Ägypten“?

Als weiterer von wenigen Herstellern in Deutschland hält sich Nikolas Bastian, in der dritten Generation Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Pelz, die in Wahlstedt bei Hamburg unter anderem „Q-tips“ herstellt. Inzwischen verkaufen Discounter Wattestäbchen für 39 Cent, sagt Bastian: „Da hat keiner mehr Spaß dran.“ Weil er stolz darauf ist, hier zu produzieren, druckt er auf die Schächtelchen „Made in Germany“, um sein Qualitätsprodukt, das nach dem HACCP-Konzept strengen hygienerechtlichen Standards entspricht, von billiger Ware abzugrenzen. Bastian hält es für unmöglich, dass in der Produktion auf den hochautomatisierten Anlagen in Deutschland die Stäbchen durch die DNA eines Mitarbeiters kontaminiert werden könnte. Die Anlagen spucken 2000 Stäbchen pro Minute aus. „Wenn man da reingreift, verkanten sich die Stäbchen sofort. Die Anlage läuft so schnell, dass man die einzelnen Teile kaum mit bloßem Auge erkennt.“

Die Vermutung, dass die DNA-Spuren „von einer Baumwollpflückerin in Ägypten“ stammen könnten, wie der Sprecher der Saarbrücker Staatsanwaltschaft sagte, weist Bastian zurück. Zwar sei zum Beispiel die Türkei bekannt dafür, dass die Baumwolle noch per Hand gepflückt werde und daher besonders gute Ware hervorbringe. Aber bei der Weiterverarbeitung wird die kurzfasrige Baumwolle gespült, gewaschen und getrocknet. Beim Bleichen wird mit einer Temperatur von 100 Grad gearbeitet. „Das ist ein Prozess mit großer Hitze und hohem Druck“, bestätigt Krzysztof Malowaniec, bei der Paul Hartmann AG für Forschung und Entwicklung zuständig. „Da geht alles kaputt.“ Solche Temperaturen zerstören nach Ansicht von Fachleuten auch die letzten DNA-Reste.

Es wird alles abgetötet - aber nicht die DNA beseitigt

Aber im weiteren Produktionsprozess kann die Baumwolle, die in großen Ballen ankommt und in eine Watteschnur gedreht wird, nach Worten Malowaniec' durchaus durch einige Hände laufen: „Damit zum Beispiel die Maschine steril ist, wird sie von Mitarbeitern mit Chemikalien behandelt. Dadurch wird alles abgetötet, aber nicht die DNA beseitigt.“ Immer wieder werden Watte und Stäbchen in die Hand genommen. So werden die Spulen mit der Schnur in die Maschine eingehängt und die Schnur mit der Hand kompliziert eingefädelt. In der Maschine wird die weiche Watteschnur aus gebleichter Baumwolle um die Stäbchen gerollt und mit einem Kleber oder thermisch befestigt.

Die Stäbchen für den medizinischen Gebrauch werden zunächst verpackt und dann sterilisiert - wenn sie erst sterilisiert und dann verpackt würden, gäbe es wieder eine Kontaminationsquelle. Einmal verpackt, kommen sie in Schachteln, dann in einen Karton, dann in die Lieferkette. „Wir verkaufen keine DNA-freien Produkte - die gibt's nämlich nicht“, sagt Malowaniec. Er schätzt, dass in einer mittelgroßen Fertigung von der Bleiche bis zur Verpackung trotz hoher Automatisierung an die 20 Mitarbeiter vom Schlosser bis zur Packungsprüferin mit den Produkten in Kontakt kommen könnten. Dass die Polizei aber zentral aus einer größeren Charge beliefert wurde, die von einer einzigen Mitarbeiterin eines Unternehmens kontaminiert wurde, ist ein großer Zufall.

Produktions- und Lieferkette: Stäbchen nehmen komplizierte Wege

Das Stuttgarter Landeskriminalamt hat herausgefunden, dass Kunststoffröhren und Deckel in Deutschland produziert und hier auch zusammengefügt wurden, dass die Wattestäbchen aber aus dem Ausland importiert wurden. Das könnte auf den Fernen Osten deuten - denn wie bei so vielen Produkten finden sich bei den meisten Anbietern von „Baumwollstöcken“, „Baumwollknospen“, „Holzstäbchen“, „Abstrichstäben“, „cotton sticks“ oder „cotton buds“ im Internet der Hinweis auf das Herkunftsland China. Im Gegensatz zu Europa ist in der dortigen Industrie wegen der niedrigen Lohnkosten die Handarbeit häufig noch Standard.

Ein deutscher Fachmann, der solche Produktionsstätten schon besucht hat, aber nicht genannt werden möchte, sagt: „Wenn ein Europäer dadurch läuft, haben die chinesischen Arbeiter alle Handschuhe an.“ Wenn die Europäer nicht da sind, so kann man daraus schließen, werden in den meist recht kleinen Betrieben die Stäbchen mit bloßer Hand verpackt. Die Rekonstruktion der Produktions- und Lieferkette ist aber schwierig. Denn nach Auskunft der Wilhelm Weisweiler GmbH & Co. KG, die Wattestäbchen vertreibt, ist die Kette lang. Die Stäbchen werden im Ausland hergestellt und verpackt und von der Münsteraner Firma an Großhändler weitergegeben, die sie weiter vertreiben. Komplizierte Wege - die guten Kriminalisten aber keine Mühe machen sollten.

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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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