19.04.2007 · Was geht in Amokläufern vor? Der populären Vorstellung, dass sie wie im Rausch töten, widerspricht der Psychologe Uwe Füllgrabe. Er hat beobachtet, dass sie nicht wahnhaft vorgehen, sondern durchaus bewusst handeln.
Was ging in Cho Seung-hui vor? Nach dem Fund seiner Videobotschaft scheint das Motiv geklärt. Was aber steckte hinter seinem Hass? „Ihr habt mich in eine Ecke getrieben“, heißt es in seiner Erklärung, in der er sich über den dekadenten Lebensstil seiner Kommilitonen beschwert. Der Kriminalpsychologe Uwe Füllgrabe beschreibt Amokläufer als extrem narzisstische Persönlichkeiten, die alle Dinge auf sich beziehen.
Positive Dinge würden als selbstverständlich wahrgenommen, negative Ereignisse leicht als persönliche Kränkungen empfunden. „Jemand, der nicht beachtet wird, kommt auf die Idee, diesen Zustand durch Gewalt zu verändern.“ Er entwickele eine Opfermentalität, aus der er das Recht ableitete, sich für erlittene Demütigungen zu rächen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen.
Cho verehrte die Amokschützen von Columbine
Cho plante seinen Amoklauf offenbar von langer Hand, hinterließ eine 23 Seiten lange Erklärung. Füllgrabe bemerkt, dass nur wenige derartige Taten im Affekt ausgeübt würden. Er vergleicht die Entwicklung mit einem Kaskadeneffekt. „Wie bei den Vorbereitungen zu einem Theaterstück fügt sich Kulisse um Kulisse, bis es zur Aufführung kommt.“ Häufig sei der Auslöser dann ein niederschmetterndes Ereignis, das als Zünder wirkt. „Das können Schulprobleme sein. Oder die Trennung von einer Bezugsperson, also Liebeskummer.“
Cho verehrte die Amokschützen Harris und Dylan, die 1999 an der Columbine High School 13 Personen töteten, als Märtyrer. Füllgrabe sieht darin ein wiederkehrendes Muster. Amokläufer könnten zu kulturellen Ikonen, zu mythischen Figuren stilisiert werden. In seiner Videobotschaft vergleicht sich Cho mit Jesus Christus und behauptet, er wolle mit seiner Tat Generationen schwacher und schutzloser Menschen inspirieren.
Anders als Chos Kommilitonen, die ihn als „gestört“ bezeichneten, hat Füllgrabe beobachtet, dass Amokläufer nicht wahnhaft vorgingen, sondern durchaus bewusst handelten. Chos Verhalten deute auf ein quasi-religiöses Weltbild. „Sie sind überzeugt, die anderen, die Bösen vernichten zu müssen.“ Häufig bauten die Täter eine gewaltorientierte kognitive Struktur auf. Sie hörten Lieder, die Gewalt förderten oder interessierten sich für frühere Morde. Häufig seien sie von kultischen Denkweisen beeinflusst. „Manche beschäftigen sich mit bestimmten Philosophen, lesen zum Beispiel Nietzsche.“
Das rauschhafte Gefühl der Macht
Nach seiner ersten Bluttat fand der Attentäter zweieinhalb Stunden Zeit, um sein Paket an den Fernsehsender NBC aufzugeben. Die emotionale Kühle und Berechnung widerspricht der populären Vorstellung, ein Amokläufer töte wie im Rausch. Überlebende Augenzeugen berichten, Cho habe sehr gefasst und ruhig gewirkt.
Uwe Füllgrabe sagt, der Amokläufer erlebe das rauschhafte Gefühl der Macht. Bei vielen Amokläufern handele es sich jedoch um einen Menschentyp, der seine Gefühle nicht nach außen dringen lasse. Cho wirkte auf seine Kommilitonen zurückhaltend, keiner kannte ihn näher, er lebte zurückgezogen.
Füllgrabe deutet das als Hinweis auf eine überkontrollierte Persönlichkeit. Solche Menschen wirkten äußerlich sehr angepasst und zurückhaltend und hätten häufig starke Hemmungen. Gefühlsausbrüche seien ihnen fremd, sie zeigten bei Gewalttaten eher eine innere Befriedigung.
„Aggressive Wörter schaffen ein aggressives Klima“
Cho hinterließ zwei Theaterstücke, in denen Gewalt eine zentrale Rolle spielte. Füllgrabe verweist auf Fälle, wonach sich manche spätere Gewalt schon früher in der Phantasie äußerte. „Aggressive Wörter können ein aggressives Klima schaffen, das das Entstehen von Aggression fördert.“
Auf etlichen Fotos posiert Cho mit Waffen. Füllgrabe sagt, dass das Vorhandensein einer Waffe den Amokläufer zur Tat noch animieren könne. „Um es mit dem Psychologen Leonard Berkowitz zu sagen: Nicht der Finger bewegt den Abzug, sondern der Abzug bewegt den Finger.“
jau..
stephan fischer (meyfisch)
- 20.04.2007, 10:07 Uhr
Nee man
Thorsten Wiegand (juangel10)
- 23.04.2007, 16:55 Uhr