Home
http://www.faz.net/-gus-13ssa
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Montag, 13. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Methoden des Garik R. Tödliche Therapiesitzung

29.09.2009 ·  Ein Psychotherapeut behandelt Patienten mit Drogen: Zwei von ihnen sterben, ein dritter fällt ins Koma. Der Berliner Arzt Garik R. war beliebt - und hatte Verbindungen zu einer Schweizer Sekte.

Von Julia Schaaf
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (4)

Am Haus des Arztes, den der Berliner Boulevard auch gern als „Todes-Therapeut“ bezeichnet, hing Mitte der Woche plötzlich ein Transparent: „Schluss mit der Hexenjagd“ stand da auf Sackleinen, das mit einer Wäscheleine zwischen Hausnummer und Verandapfosten gespannt war. Und schräg daneben, in Blau: „Danke Garri“.

In diesem großen, etwas heruntergekommenen Haus mit dem Rinderschädel an der Schuppentür und der Orchidee im Praxisfenster unter dem Giebel ist am Samstag vergangener Woche etwas passiert, von dem man nicht weiß, ob man es beunruhigend, tragisch oder ungeheuerlich nennen soll. Auf jeden Fall wirft das Ereignis grundsätzliche Fragen auf. Zwölf Personen treffen sich vormittags zu einer gruppentherapeutischen Sitzung. Der Leiter der Zusammenkunft ist Arzt und Psychotherapeut mit kassenärztlicher Zulassung. Um 15.28 Uhr geht bei der Rettungsstelle ein Notruf ein. Ein Großaufgebot an Sanitätern rückt an, über dem hübschen, wohlsituierten Berlin-Hermsdorf kreist ein Hubschrauber. Für einen 59 Jahre alten Frührentner kommt jede Hilfe zu spät. Ein Student, 28, stirbt kurz darauf im Krankenhaus. Ein 55 Jahre alter Yogalehrer liegt seither im Koma. Gegen den Arzt wird Haftbefehl erlassen - gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge.

In einer ersten Einlassung hat der Mediziner zugegeben, seinen Patienten Medikamente und Drogen verabreicht zu haben. Die Staatsanwaltschaft wartet jetzt auf ein toxikologisches Gutachten, das Aufschluss über die Zusammensetzung der Chemikalien liefern soll. Ein Teilnehmer der Sitzung, der abstinent geblieben sein will, berichtete der „B.Z.“: „Der Arzt packte weißes Pulver und Tabletten aus. Bevor er sie uns anbot, erklärte er uns genau die Zusammensetzung. Jeder wusste, was es war. Keiner war gezwungen, etwas davon zu nehmen. Während er sprach, fielen die Worte Ephedrin und MDMA - das ist Ecstasy. Ich erinnere mich, es handelte sich im Wesentlichen um Amphetamine.“

Methode hat ihre Wurzeln in den fünfziger und sechziger Jahren

Vieles deutet darauf hin, dass der Arzt seinen Patienten nichts Böses wollte, und womöglich meinten auch seine Klienten zu wissen, worauf sie sich einließen. Jeder Spaziergänger in der Gegend hätte jedenfalls eine Ahnung haben können, was in der Praxis des Mediziners vor sich ging. Auf einem großen Schild vor seiner Thujahecke wirbt Garik R. ganz offen: „Psycholytische Einzel- und Gruppentherapie“. Damit ist eine Methode gemeint, die ihre Wurzeln in den fünfziger und sechziger Jahren hat. Damals experimentierten auch in Deutschland Psychiater mit bewusstseinserweiternden Substanzen, besonders LSD, die erst später nach dem Betäubungsmittelgesetz verboten wurden. Mit Hilfe der Drogen sollen seelische Blockaden und Abwehrmechanismen aufgelöst und die tieferliegenden Ursachen psychischer Erkrankungen freigelegt werden.

Heute vertritt die Bundespsychotherapeutenkammer den Standpunkt, psycholytische Psychotherapie sei grundsätzlich illegal. Auch der Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung äußert sich entsetzt über das Hermsdorfer Praxisschild. „Das kann doch nicht wahr sein“, schimpft Dieter Best. „Die Kammer hätte sofort nachforschen müssen.“ Das sieht die Berliner Ärztekammer freilich anders. Dort hat Garik R. 2006 ausdrücklich um Absolution gebeten, mit der Psycholyse werben zu dürfen, und 2008 hat die Kammer noch einmal nachgehakt. R. habe von sich aus versichert, keine illegalen Drogen zu verwenden, sagt ein Sprecher und bekräftigt mit Blick auf die Therapiefreiheit: „Entscheidend ist, was innerhalb dieses Verfahrens gemacht wird. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt eine Handhabe, rechtlich gegen ihn vorzugehen.“

Nett, zuverlässig, gewissenhaft, zurückhaltend

Auf den Bildern, die Garik R. bei seiner Verhaftung zeigen, ist ein hagerer Mann im weißen T-Shirt mit blassem Gesicht und eingefallenen Wangen zu sehen. Das dunkle Haar ist kurzgeschoren und wird zum Hinterkopf hin dünn. „Er grüßte noch freundlich, als er abgeführt wurde“, sagt eine Nachbarin über ihn. Das scheint typisch zu sein für den Fünfzigjährigen. Nett, zuverlässig, gewissenhaft, zurückhaltend und eben immer wieder: freundlich - das sind die Eigenschaften, mit denen der Therapeut beschrieben wird. „Er war immer irgendwie bestrebt, den anderen in der Begegnung aufzuwerten“, sagt jemand, der sich als Freund bezeichnet.

Garik R. und seine neun Jahre jüngere Frau, eine Heilpraktikerin, haben zwei Töchter im Kindergartenalter sowie einen Sohn, der eine europäische Grundschule besuchte. Ein weiterer Sohn aus einer früheren Verbindung der Frau lebt beim Vater. Das Eckhaus mit der großen Fichte über dem Essplatz im Garten hatte die Familie erst vergangenen Winter bezogen. Nachbarn registrierten zwar den ungepflegten Rasen, die offenstehende Gartentür und die Autos mit auswärtigen Kennzeichen, die am Wochenende vor dem Haus parkten. Dann zeigten sich auf dem Balkon im ersten Stock gelegentlich Patienten, die in Sitzungspausen Zigaretten rauchten. „Aber das ist ja ihre Sache“, sagt die Frau von nebenan. Man habe sich gewundert, wie eine Praxis in dieser abgeschiedenen Wohnlage Erfolg haben könnte. Aber der neue Nachbar habe beim Kennenlernen versichert, er sei bis zum Sommer ausgebucht.

„Er war weder in die eine noch in die andere Richtung auffällig“

Garik R. stammt aus Taschkent in Usbekistan, machte jedoch schon in Deutschland Abitur und studierte daraufhin Medizin. Sein Deutsch ist fehlerfrei mit einem weichen, rollenden R. Ende der neunziger Jahre arbeitete er an einer psychosomatischen Klinik in Nordhessen. 2001 war er einige Monate als Assistenzarzt an der Oberbergklinik in Brandenburg tätig. Dort hat er nach Auskunft der Klinikleitung das Standardprogramm absolviert: Einzelgespräche, Gruppengespräche, Indikationsgespräche. „Die Arbeit war in Ordnung“, sagt Geschäftsführer Professor Götz Mundle. „Er war weder in die eine noch in die andere Richtung auffällig.“ Als niedergelassener Allgemeinmediziner mit einer Fortbildung zum Psychotherapeuten war Garik R. bis zum vergangenen Wochenende regulär im Internet-Verzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin zu finden. Stichwort: tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Eine Sprecherin sagt: „Er hat korrekt abgerechnet.“

Parallel zu seiner schulmedizinischen Ausbildung muss Garik R. allerdings schon früh eine zweite Laufbahn eingeschlagen haben. „Er hat sich als Arzt nicht zufriedengegeben mit dem, was er gelernt hat. Er ist an bestimmte Grenzen gekommen und hat versucht, andere Methoden zu finden“, sagt der Musiker Jeoma Flores, der mit Garik R. vor etwa zehn Jahren eine Meditations-CD produziert hat. Die beiden Männer hatten sich auf dem Sommercamp eines spirituellen Zentrums im Schwäbischen kennengelernt. Es sei damals um humanistische Psychologie und Selbsterfahrung gegangen, berichtet Flores, Garik R. habe viel experimentiert.

Elitebewusstsein gibt Gemeinschaft sektenhafte Züge

Seine Kenntnisse in psycholytischer Psychotherapie hat Garik R. sich in der Schweiz bei Samuel Widmer angeeignet. Der umstrittene Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Gründer der „Kirschblütengemeinschaft“ im Kanton Solothurn. Dabei handelt es sich nach Einschätzung von Georg Schmid von der „Evangelischen Informationsstelle Kirchen - Sekten - Religionen“ im Kanton Zürich um eine typische „utopistische Gemeinschaft“, die sich als Labor für neue Formen des Zusammenlebens begreife. Wegen der Ausrichtung auf Widmer als Führungsperson, wegen der Abschottung gegen Kritik und wegen ihres Elitebewusstseins attestiert Schmid der Gemeinschaft sektenhafte Züge. Widmer selbst lebt mit zwei Frauen zusammen, hat elf Kinder und präsentiert sein Seminarangebot unter der Überschrift „Therapeutisch-tantrisch-spirituelle Universität“. Er hat auch in Deutschland Fans, die ihn als spirituellen Lehrer preisen, als „integre, wertschätzende, sehr, sehr kluge Person“.

Ende der achtziger Jahre arbeitete Widmer in seiner Praxis wie andere Schweizer Therapeuten mit Ecstasy und LSD - mit offizieller Erlaubnis. Diesem Experiment setzte der Staat 1993 ein Ende. Seitdem nutzt Widmer nach eigenen Angaben ausschließlich die legalen Stoffe Ketamin und Ephedrin, ein Narkosemittel und eine stimulierende Substanz. Trotzdem sagt Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie: „Das sind Substanzen, die in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis nichts verloren haben.“ Außerdem distanziert sich der Berufsverband von Widmers Umgang mit dem Abstinenzverbot. „Sexuelle Handlungen haben in der Therapie nichts zu suchen, und es ist die Aufgabe des Therapeuten, dafür zu sorgen.“ Es gebe Hinweise von Patientinnen, die sich sexuell missbraucht gefühlt hätten.

Ruf nach schärferen Kontrollen

Samuel Widmer selbst weist alle diese Vorwürfe zurück. Am Telefon bezeichnet er sich als „den seriösesten aller Therapeuten“, was die Wahrung sexueller Distanz angehe. Lediglich seiner „Forschungen zum Inzesttabu“ und seiner Lebensweise wegen werde er diffamiert. Die Psycholyse hält er nach wie vor für die wirksamste Form der Therapie. Über LSD und MDMA sagt Widmer: „Ich würde schon gerne wieder damit arbeiten.“ Garik R. habe in den neunziger Jahren bei ihm eine dreijährige Ausbildung absolviert, die sich „Dekonditionierung, Mindfeeling und Energiearbeit“ nannte, aber auf einem Curriculum aufbaute, das ursprünglich für die Ausbildung in Psycholyse erfunden worden sei. Erst vergangenes Jahr habe der Berliner Arzt darüber hinaus einen „Meisterkurs“ bei ihm abgeschlossen, der aus insgesamt sechs Wochenendseminaren bestanden und sich ebenfalls mit Selbsterkenntnis und Psycholyse beschäftigt habe - praktische Selbsterfahrung inklusive. Widmer sagt über Garik R.: „Ich habe ihn nicht als hitzköpfigen Experimentator kennengelernt, sondern als vorsichtigen, fast ängstlichen Arzt.“

In Deutschland unterdessen, wo der Ruf nach schärferen Kontrollen laut wird, gehen die Schuldzuweisungen hin und her. Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung wünscht sich einen gesetzlichen Schutz für den Begriff der Psychotherapie, den bisher jeder Heilpraktiker auf seinem Praxisschild führen dürfe. Die Heilpraktiker erinnern im Gegenzug daran, dass der Stein des Anstoßes diesmal aus der Zunft der Ärzte stammte. Vielfach ist plötzlich von einem „Grauen Markt“ die Rede.

„Ich kann keinerlei vorsätzliches strafbares Handeln erkennen“

Tatsächlich ist die Gesundheitsbranche ein unübersichtliches, fast abenteuerliches Gebilde, wenn man sich klarmacht, wie die Schulmedizin von alternativen Verfahren umlagert wird, die an gewissen Stellen mit der Esoterikszene überlappen - Akupunktur neben Kinesiologie neben Edelsteintherapien. Studien zufolge nehmen bis zu 70 Prozent der Deutschen Verfahren der Komplementärmedizin in Anspruch. Benno Brinkhaus, Professor für Naturheilkunde an der Charité in Berlin, warnt, dass die wenigsten alternativen Heilmethoden wissenschaftlich untersucht seien. „Diese Verfahren können schwerste Nebenwirkungen haben. Das ist den Patienten häufig nicht klar.“

Im Lauf der Woche hat mit Ferdinand von Schirach ein Spezialist für Kapitalverbrechen die Verteidigung von Garik R. übernommen. „Die Rechtslage ist sehr kompliziert“, sagt der Anwalt, „aber ich kann keinerlei vorsätzliches strafbares Handeln erkennen.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen