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Der Fall Oskar Gröning : Der lange Arm der Tat

Als „kleines Rädchen“ sieht er sich selbst: Zur Verhandlung muss Oskar Gröning, 93, heute aus dem Auto geholfen werden. Bild: Felix Schmitt

Der Fall Oskar Gröning ist nicht nur der Blick auf die Gräueltaten eines Einzelnen. Sein Prozess ist auch eine Auseinandersetzung der Justiz mit sich selbst und der verschleppten Aufarbeitung des NS-Unrechts.

          Morgens um Viertel nach neun, ein roter Kleinwagen hält vor dem Hintereingang des langgezogenen Steinbaus. Das klare Morgenlicht bricht durch die Platanenzweige. Heute wartet ein japanisches Kamerateam auf dem Bürgersteig. Der alte Mann auf dem Beifahrersitz hält kurz inne und lässt es über sich ergehen, dass der Kameramann seine Linse ganz nah an die Scheibe hält. Der Fahrer des Kleinwagens hält den Rollator bereit und hilft dem alten Mann aus dem Auto. Bis zu dem Gittertor folgt das Kamerateam den beiden, dort weisen Polizisten die Presse zurück. Auch in Japan regt sich ganz offenbar inzwischen ein Interesse an dem Prozess, in dem unfassbare Verbrechen aus vergangenen Zeiten verhandelt werden.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Der alte Mann auf dem Beifahrersitz ist Oskar Gröning, 93 Jahre alt, früherer Angehöriger der SS-Mannschaft des Vernichtungslagers Auschwitz. Seit Ende April steht er in Lüneburg vor Gericht. Gröning muss sich wegen der Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verantworten. Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Lüneburg hat, mehr als 70 Jahre nach der Befreiung des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee, darüber zu entscheiden, ob Gröning durch seine Mitwirkung in Auschwitz Straftaten begangen hat.

          Drinnen, in dem umfunktionierten Veranstaltungssaal, warten mittlerweile die meisten Prozessbeteiligten und etwa 60 Zuschauer, die jeden Morgen auf dem Bürgersteig Schlange stehen. Das Gericht hat den „Ritterakademie“ genannten Saal angemietet, da die eigenen Räume für den erwarteten Andrang zu klein waren. Für die kleine Hansestadt mit ihren historischen Gassen und den alten backsteinernen Handelshäusern ist dies das zweite große NS-Verfahren. Im Spätsommer 1945 begann hier mit dem Bergen-Belsen-Prozess die juristische Aufarbeitung von NS-Unrecht, damals noch durch die britischen Besatzer. Mit dem Prozess Gröning könnte sie auch in Lüneburg einen späten letzten Höhepunkt finden.

          Wer jünger als 15 aussah, ging direkt ins Gas

          Nicht nur der Saal mit dem durch schwarze, schwere Tücher abgehängten Tischen ist untypisch für einen Gerichtssaal. Auch die Proportionen sind anders. Während an der Stirn des Raums die drei Richter, eingerahmt von zwei Schöffen, sitzen, und jeweils zwei Verteidiger und zwei Staatsanwälte an den Seiten, zieht sich neben den Staatsanwälten eine lange Reihe von Robenträgern durch den Raum. Insgesamt über 60 Nebenkläger sind dem Prozess gegen Oskar Gröning beigetreten, täglich sitzen 11 Anwälte für sie hinter den langen Tischen, die fast bis ans Ende des Saales reichen.

          Hinter der Riege von Anwälten sitzen an den ersten Prozesstagen einige alte Menschen, meist in Begleitung jüngerer, und folgen dem Geschehen aufmerksam mit Hilfe der Kopfhörer, durch die die Dolmetscher, die auf einer Galerie in kleinen Kammern sitzen, übersetzen. Englisch, Hebräisch, Ungarisch und Russisch können sie die Kanäle einstellen. Es sind die Überlebenden aus Auschwitz. Von ihrem Platz aus können sie den Angeklagten beobachten, der ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Saales in sich zusammengesunken zwischen seinen Verteidigern sitzt.

          Nacheinander treten diese alten Menschen selbst in die Mitte des Raumes und setzen sich an die Zeugenbank, vielleicht drei Meter vom Angeklagten entfernt. Fast alle sind sie im gleichen Alter, deutlich jenseits der 80, selten älter als 90 Jahre. Die eine Grenze zieht die Natur - die heute über 90 Jahre alt sind, schaffen es kaum mehr, den weiten Weg nach Lüneburg zu reisen. Viele der Überlebenden sind nach der Befreiung nach Kanada ausgewandert oder in die Vereinigten Staaten. Die andere Altersgrenze, die nach unten, haben die Regeln von Auschwitz gesetzt. Wer bei der Ankunft in Auschwitz jünger aussah als 15 Jahre, ging direkt „ins Gas“, wie man in dem Vernichtungslager sagte.

          Er ließ seine Hand los und rettete ihm damit das Leben

          Bill Glieds Vater muss das geahnt haben, auch wenn er die Regeln von Auschwitz nicht kennen konnte. Bill Glied ist einer der Jüngeren unter den Zeugen, er war dreizehneinhalb, als er mit seiner Familie aus Ungarn nach Auschwitz kam. Jetzt sitzt er in der Mitte des Saales, und seine brüchige Stimme will so gar nicht zu der würdevollen Anmut passen, die der frühere Bauunternehmer aus Toronto mit den weißen, leicht gelockten Haaren und dem dunklen Jackett mit seinen bald 85 Jahren ausstrahlt. Glied erzählt, wie er im Frühjahr 1944, vor 71 Jahren, plötzlich aus seinem Leben gerissen wurde. Die ungarische Polizei kam zu ihnen in ihr Haus und brachte sie zu einer Sammelstelle. Von dort ging es weiter, drei Tage und Nächte in einem völlig überfüllten Viehwaggon, ohne Wasser, ohne etwas zu essen und ohne Licht. Und dann die Ankunft an diesem eigenartigen Ort Auschwitz, von dem man nichts wusste.

          Die Türen wurden aufgerissen. „Ich erinnere mich an einen wunderschönen Frühlingsmorgen, der Himmel war klar und blau“, erzählt Bill Glied. Doch dann waren da diese Menschen, die gestreifte Pyjamas und runde Mützen trugen und laute Hektik verbreiteten. „Raus, raus, raus“, hätten sie gerufen. Das Gepäck sollten die Neuankömmlinge in den Waggons lassen. „Aber stellt sicher, dass ein Name an jedem Koffer ist“, sagten die Männer in den Pyjamas. Aufstellen in Fünferreihen, langsames Vorrücken, bis sie vor einem großen SS-Mann standen, der sie kurz musterte. Dann diese kleine, unscheinbare Handbewegung des großen SS-Mannes, rechts oder links, Gas oder Leben, aber das wussten sie in diesem Moment noch nicht. „Ich konnte mich nicht von meiner Mutter und meiner Schwester verabschieden, sie sind einfach aus meinem Leben verschwunden“, erzählt Glied und stockt.

          Sein Vater habe seine Hand losgelassen, vielleicht ahnte er etwas. „Ich habe ihn in diesem Moment dafür gehasst, ich war 13 Jahre alt und wollte seine Hand halten.“ Aber heute, sagt Glied, wisse er, dass ihm sein Vater damit das Leben gerettet hatte. „Denn wer an der Hand der Eltern ging, war ein Kind - und wurde in die Gaskammern geschickt.“ Einen Moment herrscht Stille im Saal, so ist das nach jedem der insgesamt 13 Berichte der Zeugen. Dann hebt der Vorsitzende Richter Franz Kompisch an und bedankt sich für die Aussage und dafür, dass die Zeugen den langen Weg auf sich genommen haben. Der Angeklagte, Oskar Gröning, sitzt dann meist noch tiefer versunken in seinem Stuhl und blickt entrückt ins Leere. Nur er weiß, welche Bilder sich vor seinen Augen abspielen.

          „Auschwitz machte mir Angst“

          Gröning selbst hatte schon am ersten Tag eine lange Erklärung abgegeben. Mit fester Stimme hatte er seine Geschichte erzählt, wie er sich im Oktober 1940 habe einziehen lassen, „obwohl mein Jahrgang noch gar nicht an der Reihe war“. Er habe zur SS gewollt, weil die so eine „schneidige Truppe“ gewesen sei. Wegen seiner Banklehre sei er zur Besoldungsstelle der SS beim Konzentrationslager Dachau gekommen, bis er im Herbst 1942 nach Berlin bestellt wurde. In einem holzgetäfelten Konferenzsaal warteten dann plötzlich mehrere ranghohe SS-Männer. Die Holztäfelung und die Dienstgrade hätten ihn sehr beeindruckt. Ein Sturmbannführer habe ihm gesagt: „Sie bekommen eine Aufgabe, die noch wichtiger ist für den Endsieg als die Front.“ Aber es werde nicht immer „angenehm“ sein. Kurz darauf kam er nach anderthalb Tagen Bahnfahrt in einem Ort namens Oswiciem an.

          Dort wurde ihm eine Baracke zugewiesen. Schon in den ersten Tagen habe er von den Kameraden erfahren, welchem Zweck das Lager diente. Er war erschrocken, „Auschwitz machte mir Angst“. Doch er kam - wieder wegen seiner Banklehre - zur Gefangeneneigentumsverwaltung. Er musste nur das Geld zählen und verbuchen, das die Deportierten bei sich führten. An der Rampe, wo die ankommenden Juden für die Gaskammern „selektiert“ wurden, sei er nur für die Bewachung des Gepäcks zuständig gewesen - in Auschwitz, das ist Gröning wichtig, herrschten Diebstahl und Korruption. Also musste er, Oskar Gröning, Angehöriger der Gefangeneneigentumsverwaltung, darauf aufpassen, dass nichts gestohlen wurde. Was mit den Menschen geschah, denen die Koffer gehörten und die von der Rampe in langen Kolonnen in die Gaskammern geführt wurden, das betraf nicht seinen „Arbeitsbereich“.

          Die Staatsanwaltschaft Hannover stützt ihre Anklage darauf, Gröning habe, indem er für die Verladung des Gepäcks der Deportierten und die Räumung der Rampe sorgte, einen Beitrag zum Funktionieren der Vernichtungsmaschinerie geleistet. Wäre die Rampe nicht vom Gepäck geräumt worden, hätte nicht der nächste Zug einfahren können. Staatsanwalt Jens Lehmann hat die Anklage auf die Zeit im Frühsommer 1944 beschränkt, als in der sogenannten Ungarn-Aktion innerhalb weniger Wochen etwa 437 000 ungarische Juden nach Auschwitz gebracht wurden, von denen mehr als 300 000 direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet wurden. In dieser Zeit, in der die Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren lief, musste alles akkurat funktionieren. Gröning selbst sagt, er habe während dieser Zeit nur dreimal an der Rampe ausgeholfen; die zwei Historiker, die in dem Verfahren als Sachverständige aussagen, bezweifeln das.

          Der Fall Demjanjuk war ein Zufall

          Dass der Prozess gegen dieses „kleine Rädchen“ (so Gröning selbst über seine Rolle) überhaupt zustande kam, ist vor allem einem Mann zu verdanken, der in der langen Reihe der Nebenklägeranwälte ganz vorne sitzt. Thomas Walther, Jahrgang 1943, war selbst viele Jahre Richter und Staatsanwalt in der bayrischen Justiz. Kurz vor seiner Pensionierung ließ er sich zur Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen nach Ludwigsburg versetzen. Er wollte eben noch mal etwas Neues probieren. Doch bald musste er feststellen, dass keine Verfahren mehr in Gang kamen, obwohl in Ludwigsburg so viele Informationen über NS-Verbrechen und deren Täter lagen.

          Das Interesse am Gröning-Prozess ist groß, das Gericht musste einen weiteren Saal anmieten, um dem Andrang Herr zu werden.

          Die deutsche Justiz hatte sich nach einer kurzen Welle großer Prozesse in den sechziger Jahren darauf zurückgezogen, nur noch solche Täter zu verfolgen, denen eigene „Exzesstaten“ nachgewiesen werden konnten. Richter und Staatsanwälte stützten sich auf eine mehrdeutige Formulierung des Bundesgerichtshofs zum großen Frankfurter Auschwitzprozess. So konnten Tausende SS-Männer, die in Auschwitz gemeinsam Hunderttausende Menschen ermordet hatten, unbehelligt von ihrer Vergangenheit ein bürgerliches Leben führen. Nur 43 von ihnen wurden von der bundesdeutschen Justiz verurteilt.

          Walther stieß damals durch Zufall auf den Namen John Demjanjuk und versuchte es einfach. Erfolgreich. 2011 wurde Demjanjuk vom Landgericht München wegen Beihilfe zum Mord durch seine Tätigkeit im Vernichtungslager Sobibor zu drei Jahren Haft verurteilt. Kurz darauf starb Demjanjuk, bevor das Urteil rechtskräftig werden konnte. Doch eins hatte Walther erreicht: Die deutsche Justiz war aufgerüttelt, und es wurde wieder über die Frage diskutiert, warum man eigentlich wegen Beihilfe verurteilt werde, wenn man bei einem Bankraub vor der Tür Schmiere steht, nicht aber, wenn man an der Rampe in Auschwitz steht und daran mitwirkt, dass täglich Tausende Menschen in die Gaskammern geschickt werden.

          Gröning ist kooperativ und redet

          Über 50 Vorermittlungsverfahren wurden seitdem angestoßen. Walther, der sich nach seiner Pensionierung als Rechtsanwalt niederließ, ist seitdem unermüdlich im Einsatz. Gemeinsam mit dem Kölner Rechtsprofessor Cornelius Nestler, der schon im Verfahren gegen Demjanjuk die Nebenkläger vertrat, hat er unzählige Überlebende hinter sich versammelt, um in ihrem Namen die Justiz anzutreiben. Die Zeit läuft ihm davon, alle Beschuldigten sind längst im Greisenalter, erst im vergangenen Jahr starb in Philadelphia der frühere SS-Mann John Breyer an dem Tag, an dem ein amerikanisches Gericht seine Auslieferung verfügte.

          Mit Gröning hat Walther nun einen Angeklagten, der sich tatsächlich dem Prozess stellt. Gröning ist kooperativ, und er redet. Für seinen Anwalt wäre es ein Leichtes, das Verfahren durch prozessuale Tricks immer wieder zu verzögern. Er tut es nicht. Und Gröning hatte in seiner ersten Erklärung beteuert, dass es auch für ihn außer Frage stehe, dass er sich moralisch schuldig gemacht habe. Doch auch dieses Verfahren steht auf Messers Schneide. In zwei Wochen wird Gröning 94 Jahre alt, das Verfahren strengt ihn sichtbar an, mehrmals schon konnte er wegen Erschöpfung und Krankheit nicht kommen.

          Ein älterer Zuhörer, der dem Prozess in den hinteren Reihen folgt, stellt an einem dieser Verhandlungstage die Frage, was dieses Verfahren denn noch solle. Der Mann sei alt, ein kleiner Fisch nur, ohnehin. Die Großen habe man alle laufen lassen. Und was hätten außerdem die Aussagen der Zeugen mit den Vorwürfen gegen Oskar Gröning zu tun? „Keiner hat ihn dort überhaupt gesehen!“ Überhaupt, in Lüneburg wird viel über den Prozess gesprochen, beim Bäcker, im Café. Die meisten finden es gut, dass die Überlebenden hergekommen sind, um ihre Geschichten zu erzählen, viele waren schon in den Verhandlungen und sind berührt von dem, was sie hörten.

          „Es gehört in diesen Prozess“

          Auch das Gericht hatte ursprünglich vor, nur höchstens ein, zwei Zeugen zu hören. Walther und Nestler drangen darauf, so viele Überlebende und deren Angehörige wie möglich zu hören. „Die Menschen sollten in dem Prozess keine abstrakten Zahlen werden“, erklärt es Walther, als er nachmittags erschöpft in der Lobby des „Alten Kaufhauses“ sitzt, des Hotels, in dem die Zeugen untergebracht sind. Walther ist seit Wochen ununterbrochen im Einsatz, er hat unzählige Interviews gegeben, gerade die ausländische Presse interessiert sich für den früheren Richter, der das Gesicht dieses Prozesses geworden ist. „Das Gericht muss sich aber auch ein umfassendes Bild machen“, sagt er.

          In der Strafzumessung, bei der Entscheidung über die Höhe der Strafe, seien schließlich auch die Folgen der Tat, auch die entfernten, entscheidend. Drei der Zeugen waren selbst nie in Auschwitz. Die Schwestern Elaine und Judith Kalman etwa berichteten darüber, wie es ist, die Kinder von Überlebenden zu sein, die ihre früheren Familien in den Gaskammern von Auschwitz verloren. Sie leben mit der Gewissheit, dass sie nur deshalb geboren wurden, weil die erste Frau ihres Vaters und ihre Halbschwester von den Nazis ermordet wurden. „Auch das sind die Folgen der Tat“, sagt Walter, „es gehört in diesen Prozess.“

          Er und Nestler waren es auch, die die meisten Überlebenden in Ungarn, Israel, Kanada und den Vereinigten Staaten aufsuchten, um sie zu überreden, nach Lüneburg zu kommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Viele hätten auch abgelehnt, diese Strapazen noch einmal auf sich zu nehmen. „Die haben gesagt, dass sie sich das nicht mehr zutrauen. Oft haben auch schon die Kinder gesagt, dass sie ihren Eltern gar nicht von dem Prozess erzählen wollten. Das würde sie viel zu sehr aufwühlen.“

          Eine Auseinandersetzung der Justiz mit sich selbst

          In Lüneburg haben sie Hotelzimmer gemietet, einen Bus gechartert. Am ersten Prozesstag sorgte Walther persönlich dafür, dass auch jeder der angereisten ausländischen Journalisten einen Kopfhörer bekam, um den Übersetzungen zu folgen. Abends essen sie gemeinsam mit den Überlebenden und ihren Familien, die teilweise mit nach Deutschland gekommen sind. „Diese Menschen wissen das zu schätzen“, berichtet Walter. „Überhaupt sind sie alle sehr angetan davon, was sie hier sehen, von dem Aufwand, den das Gericht betreibt, und dem Interesse, das ihnen entgegengebracht wird.“ Eugene Lebovitz etwa, ein Rentner aus Florida, der mit 15 nach Auschwitz kam. In seinem Hotelzimmer blitzt hinter ihm die Ilmenau im Abendlicht. Der Fluss erinnere ihn an seine Heimatstadt Uschhorod, sagt er. „Dieses Hotel macht aus irgendeinem Grund einen enormen Aufwand, damit wir uns hier zu Hause fühlen.“ Er lächelt spitzbübisch. „Ich werde über diese Stadt und ihre Leute reden, ich bin wirklich beeindruckt über die Art des Empfangs.“

          Doch dieser Lüneburger Prozess ist vor allem auch eine Auseinandersetzung der deutschen Justiz mit sich selbst und der verschleppten Aufarbeitung des NS-Unrechts. Neben dem früheren Richter Walther und dem Rechtsprofessor Nestler ist auch ein pensionierter Staatsanwalt in ihrer Nebenkläger-Gruppe. Günther Feld war der einzige in Deutschland, der Anfang der neunziger Jahre einen von Grönings Kameraden aus der Gefangeneneigentumsverwaltung vor Gericht gebracht hatte. Feld klagte Heinrich Kühnemann, Grönings Stubennachbar in Auschwitz, schon damals auch genau wegen des Vorwurfes an, der jetzt Gröning zur Last gelegt wird: Beihilfe zum Mord durch den Dienst an der Rampe. Gröning war in dem Verfahren 1991 als Zeuge geladen.

          Doch Kühnemann wurde herzkrank und lehnte jede Behandlung ab, obwohl sie von Ärzten für unbedenklich gehalten wurde. Nach einem Jahr Verhandlung musste das Gericht das Verfahren einstellen. Der damalige Richter war so erbost, dass er in seinem Einstellungsbeschluss auf 37 Seiten ausführte, warum Kühnemann hätte schuldig gesprochen werden müssen. Dieser Richter, Dirk Struß, mittlerweile selbst pensioniert, sitzt am Dienstag ebenfalls im Lüneburger Gerichtssaal. Er soll darüber berichten, was Gröning damals als Zeuge über seine Rolle in Auschwitz gesagt hatte. Vor sich liegen hatte er einen vergilbten Leitz-Ordner mit seinen Unterlagen von damals. Er habe ihn aufgehoben, sagt er, weil er es für möglich gehalten habe, dass ihn doch noch einmal jemand danach frage. „Ich hätte Gröning auch gewünscht, dass er dieses Verfahren vor 25 Jahren hätte hinter sich bringen können“, sagt der frühere Staatsanwalt Feld dazu. „Für alle Beteiligten wäre das sicher besser gewesen.“

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