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Der Fall Oscar Pistorius Das Rätsel einer Nacht

Der Chefermittler abgelöst, der Angeklagte gegen Kaution frei und die Justiz im Zwielicht: Der Prozess gegen Oscar Pistorius hält Südafrika in Atem.

© Getty Images Vergrößern Inzwischen hat jeder in Südafrika eine Meinung darüber, ob Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp vorsätzlich erschossen hat oder nicht. Die überwiegende Mehrheit allerdings zweifelt an seiner Unschuld.

Das hatte es zum letzten Mal bei der Freilassung von Nelson Mandela gegeben: Autofahrer stoppten am Straßenrand, Arbeiter verließen ihre Werkbänke, und selbst in den Townships sammelten sich Menschentrauben um Radiogeräte. Als Magistratsrichter Desmond Nail am Freitagnachmittag seine Entscheidung bekanntgab, den des Mordes angeklagten Profisportler Oscar Pistorius bis zur Hauptverhandlung gegen Kaution auf freien Fuß zu setzen, hielt Südafrika buchstäblich den Atem an.

Thomas Scheen Folgen:    

Schließlich hat inzwischen jeder eine Meinung darüber, ob Oscar Pistorius, sechsfacher Goldmedaillengewinner bei den Paralympics, der „schnellste Mann der Welt ohne Beine“ und nach Nelson Mandela der berühmteste lebende Südafrikaner, seine Freundin Reeva Steenkamp am 14. Februar, dem Tag der Verliebten, vorsätzlich erschossen hat oder nicht. Die überwiegende Mehrheit glaubt Pistorius kein Wort.

Vier Tage hatte die Anhörung um Kaution gedauert, und stellenweise glich die Verhandlung bereits der Schlacht, die man erst im Hauptverfahren erwartet hätte. Dabei ging es bei der Anhörung nur darum, ob die Staatsanwaltschaft genug Beweise für den Vorwurf des Vorsatzes hat - womit sich nach südafrikanischem Recht eine Freilassung auf Kaution verbietet. Davon war Richter Nail ebenso wenig überzeugt wie von den Argumenten der Verteidigung, und deshalb ging es für ihn nur noch darum, festzustellen, ob der Angeklagte einen festen Wohnsitz hat, ein regelmäßiges Einkommen bezieht und nicht vorbestraft ist, um ihn bis zur Hauptverhandlung und gegen einen Million Rand (85.000 Euro) Kaution vorläufig auf freien Fuß zu setzen. Dass unmittelbar danach Vorwürfe laut wurden, Pistorius habe vor Gericht eine Behandlung „de Luxe“ genossen, weil er weiß sei und Geld habe, zeigt, wie weitsichtig die südafrikanische Justiz war, als sie vor vierzig Jahren Geschworenengerichte abschaffte, weil ein Schwarzer vor einer weißen Jury sowieso nie Gnade finden würde. Heute wäre es im Fall Pistorius genau umgekehrt.

„Sie starb in meinen Armen“

Ob Oscar Pistorius das 29 Jahre alte Fotomodell Reeva Steenkamp nun tatsächlich vorsätzlich erschoss, nach einem lautstarken Streit etwa, von dem die Staatsanwaltschaft berichtet und wofür sie Zeugen haben will, weiß man nach dieser Woche voller Mutmaßungen, Andeutungen und Vorverurteilungen natürlich immer noch nicht. Immerhin kennt die Öffentlichkeit nunmehr Pistorius’ Version der Vorkommnisse an diesem Donnerstagmorgen. Demnach sei das Paar am Vorabend früh zu Bett gegangen und gegen 22 Uhr eingeschlafen, bis Pistorius mitten in der Nacht aufgestanden sei, um einen Ventilator vom Balkon zu holen und die Türe zu schließen; dann habe er Geräusche im Badezimmer vernommen und in Panik an einen Einbrecher gedacht.

Er habe sich seine Waffe geschnappt, seiner Freundin zugerufen, sie solle die Polizei rufen, sei dann auf seinen Beinstümpfen ins Badezimmer gehumpelt und habe vier Schüsse durch die Klotür gefeuert, hinter der er den Missetäter vermutete. Erst dann will ihm aufgefallen sein, dass in dem dunklen Schlafzimmer etwas fehlte, nämlich seine Freundin. Also habe er seine Prothesen angelegt, einen Kricketschläger geschnappt, die abgeschlossene Toilettentür aufgebrochen und die von drei Schüssen, darunter einem Kopfschuss, getroffene Frau die Treppe hinuntergetragen, um Hilfe zu holen. Das alles steht in einer eidesstattlichen Erklärung, die von Pistorius Anwälten verlesen wurde und die mit dem pathetischen Satz endet: „Sie starb in meinen Armen.“ Die Verteidigung macht daraus einen Fall von „Totschlag in einem minderschweren Fall“.

Die Staatsanwaltschaft wollte oder konnte bei der Kautionsanhörung ihre Beweise für einen vorsätzlichen Mord nicht ausbreiten. Im Gegenteil: Der Chefermittler der Polizei, Hilton Botha, wurde von der Verteidigung im Zeugenstand nach allen Regeln der Kunst demontiert und musste zum Schluss zugeben, nichts am Tatort widerspreche der Darstellung Pistorius’. Einen Tag später wurde der Kripobeamte abgelöst, weil er bei einer Jagd auf einen Mörder im Dezember 2011 einen Kleinbus mit sieben Insassen zusammengeschossen hatte und sich nun wegen des Verdachts auf siebenfachen Mordversuch verantworten muss. „2:0 für Oscar“, twitterte anschließend der landesweit bekannte Mafioso Glenn Agliotti, der nur deshalb nicht im Knast sitzt, weil er einst im Austausch für Straffreiheit den korrupten Chef der Landespolizei ans Messer lieferte.

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