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Der Fall Dutroux Wut und Sühne

 ·  Michelle Martin, die frühere Frau und Komplizin des Kinderschänders Marc Dutroux, ist vom Gefängnis ins Kloster nach Malonne umgezogen. Tagsüber darf sie es verlassen. Die Anwohner protestieren.

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© dapd Protest in Brüssel: Demonstranten verbrennen einen Sarg mit Fotos von Dutroux und Martin

Im südbelgischen Städtchen Malonne kehrte am Mittwoch zunächst wieder Ruhe ein. Bis zum Nachmittag gab es keine weiteren Demonstrationen gegen die Ankunft von Michelle Martin, der früheren Frau und Komplizin des Kinderschänders Marc Dutroux. Ein paar Leute tauchten vor dem Kloster auf, in das Frau Martin sich nach ihrer vorzeitigen Haftentlassung am Vorabend zurückgezogen hat.

Er wolle sehen, „wo das Monster wohnt“, ließ einer der Besucher wissen. Die Polizei achtete darauf, dass ein Sicherheitsabstand zum Kloster eingehalten wurde. Frau Martin soll künftig von vier Beamten am Tag beschützt werden, was den belgischen Steuerzahler nach einer Schätzung 120.000 Euro im Monat kosten wird.

Ansehensverlust der belgischen Justiz

Die 52 Jahre alte Frau war am Dienstagabend aus dem Frauengefängnis Berkendael in Brüssel entlassen worden, nachdem die Staatsanwaltschaft und Angehörige der von Dutroux ermordeten Mädchen mit dem Versuch gescheitert waren, ihre Entlassung auf Bewährung zu verhindern. Der belgische Kassationsgerichtshof erklärte am Dienstag eine Entscheidung des zuständigen Strafvollstreckungsgerichts in Mons vom 31. Juli für rechtskräftig, nach dem Frau Martin einen vollständigen Plan für ihre Wiedereingliederung vorgelegt habe und kein rechtlicher Grund bestehe, ihr die Bewährung zu verweigern.

Sie war zu 30 Jahren Haft verurteilt worden, wovon sie 16 Jahre absaß. Die Strafe erhielt sie dafür, dass sie ihrem damaligen Mann in den neunziger Jahren bei der Entführung und Vergewaltigung von sechs Mädchen geholfen hatte, von denen er zwei tötete und zwei in einem Kellerverlies verhungern ließ. Ihr wurde vor allem vorgehalten, dass sie die beiden acht Jahre alten Mädchen, die verhungerten, nicht versorgte, während Dutroux vier Monate wegen Diebstahls im Gefängnis saß. Der Fall hat die belgische Gesellschaft tief getroffen und zu einem großen Ansehensverlust der Justiz geführt, der viele Bürger angesichts zahlreicher Ermittlungsfehler Versagen vorwarfen.

Frau Martin wollte nach der Entscheidung des Kassationsgerichtshofs, der das Urteil in Mons nur auf Formfehler hin überprüfte, nach Auskunft ihres Anwalts keine weitere Nacht im Gefängnis verbringen. Deshalb wurde sie noch am Dienstagabend von der Polizei in das Klarissenkloster in Malonne gebracht, dessen Nonnen sich bereit erklärt hatten, sie aufzunehmen. Dort wurde sie von etwa 200 wütenden Demonstranten empfangen; einige schlugen mit Fäusten auf das Auto.

In den Tagen zuvor hatte es bereits mehrere Demonstrationen gegen ihre Anwesenheit gegeben, die Mauern des Klosters wurden mit Graffiti besprüht. Anwohner wiesen darauf hin, dass in der Stadt viele Kinder leben; in der Nähe des Klosters gibt es einen Kindergarten. Frau Martin muss 20 Stunden in der Woche im Kloster arbeiten. Sie dürfe es tagsüber aber verlassen, wenn sie das wolle.

Die Angehörigen der Opfer reagierten unterschiedlich auf ihre Freilassung. Jean-Denis Lejeune, der Vater der verhungerten Julie, sagte, er könne schreien, Frau Martin sei gefährlicher als Dutroux. Sein Anwalt will gegen die Freilassung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagen. Rachel Vanderhoven, die Mutter der ermordeten Eefje, sagte hingegen, dass die Gesetze auch für Frau Martin gälten, wenn sie sich an sie halte. Frau Martins Anwalt teilte mit, dass sie Lejeune auf einen Brief antworten wolle, in dem er von ihr Details über den Tod seiner Tochter verlangte.

Die belgische Politik will bis Ende des Jahres das Bewährungsrecht verschärfen. Zur Zeit kann ein Straftäter nach Verbüßen eines Drittels seiner Strafe freikommen, wenn er bestimmte Bedingungen erfüllt. Die regierenden Parteien haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, die Mindesthaftdauer in schweren Fällen auf die Hälfte der Strafe zu erhöhen.

Die liberale Justizministerin Annemie Turtelboom will die Schwelle sogar auf zwei Drittel der Strafe heraufsetzen. Dass die Regierung die Sache bisher nicht angepackt hat, brachte ihr einige bissige Pressekommentare ein. Auf Dutroux selbst, der zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und im nächsten April erstmals seine Freilassung auf Bewährung beantragen könnte, wären solche Gesetzesänderungen rückwirkend wohl nicht anzuwenden.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent für die Nato und die EU mit Sitz in Brüssel.

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