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Cyberstalking Im Netz

 ·  Seit fünf Jahren wird der Jazzmusiker Bruno Leicht im Internet von einem Wahnsinnigen verfolgt. Ein Fall von Cyberstalking. Doch niemand kann oder will ihm helfen. Nicht Google, nicht die Polizei.

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Wenn man Bruno Leicht googelt, macht Google unterhalb des Suchfeldes verschiedene Vorschläge für Begriffe, die im Zusammenhang mit seinem Namen am häufigsten gesucht werden. Ein normaler Vorgang. Üblicherweise wird beispielsweise der Arbeitgeber oder der Wohnort des Gesuchten vorgeschlagen. Nicht so bei Bruno Leicht, obwohl er als Musiker, Komponist und Musiklehrer sogar einen eigenen Blog hat. Bei ihm lauten Googles Vorschläge „Nazi“ und „Stalking“.

Ignoriert man diese Vorschläge und beschränkt die Suche auf seinen Namen, findet man gleich auf der ersten Seite der Suchergebnisse, direkt unter dem Link zu seiner My-Space-Seite, den Treffer: „Bruno Leicht wants to sniff my anus. Why? Why? Who ist this Bruno Leicht?????“ Klickt man auf den Link, landet man im You-Tube-Hilfeforum. Autor des Beitrags ist ein gewisser „KingJeremyTheWicked“, dessen andere Beiträge vom Seitenbetreiber Google ausgeblendet werden. Es handelt sich bei dem Eintrag ganz offensichtlich um sinnloses Geschmiere, um ein virtuelles Graffiti, verfasst von einem Anonymus. Dennoch kann es jeder lesen, der Bruno Leicht googelt. Und das seit dem 10. Juni dieses Jahres. „Ich weiß natürlich nicht, wie viele Eltern von Musikschülern meinen Namen gegoogelt haben und ihre Kinder daraufhin nicht zu mir geschickt haben“, sagt Bruno Leicht und lacht bitter. „Fakt ist jedenfalls, dass ich durch das Stalking fünf Schüler verloren habe.“

Wie Don Quijote gegen Windmühlenflügel

Das Stalking begann vor fast fünf Jahren, und seitdem kämpft Bruno Leicht dagegen wie Don Quijote gegen Windmühlenflügel. Jeden Morgen setzt er sich an den Computer, checkt die einschlägigen Internetseiten, auf denen sein Verfolger sein Unwesen treibt, und entdeckt neue Einträge wie zum Beispiel den von „BigJimK9“ im You-Tube-Hilfeforum vom 23. Oktober: „Please remove the video of Bruno Leicht beating his son Dennis* whilst wearing a dress. It is disgusting.“ („Bitte entferne das Video von Bruno Leicht, der seinen Sohn schlägt und dabei ein Kleid trägt. Es ist ekelhaft.“) Das Einzige, was daran stimmt: Bruno Leicht hat einen Sohn. Alles andere ist frei erfunden, nichts stimmt von dem, was der unbekannte Cyberstalker bislang unter mehr als tausend wechselnden Pseudonymen auf über hundert unterschiedlichen Internetseiten behauptet hat.

Dennoch findet Bruno Leicht jeden Tag neue Einträge, die er mit wütenden Kommentaren an Per Meyerdierks, den deutschen Datenschutzbeauftragten der Firma Google, weiterleitet. Alle anderen Seitenbetreiber haben die Verunglimpfungen im Laufe der vergangenen vier Jahre unterbunden. Leicht hatte sie immer wieder darum gebeten. Nur Google gelingt es nicht, die Äußerungen des Stalkers zuverlässig zu blockieren. Auf den zu Google gehörenden Seiten blogger.com, YouTube.com und YouTube-Hilfeforum breitet der Hassprediger seine Kommentare nach wie vor nahezu ungehindert aus. Wenn Leicht sie nicht meldet, so stellt es sich ihm dar, werden sie nicht gelöscht. „Dabei brauchten die doch nur einen Moderator einzusetzen oder die Eingabe meines Namens auf ihren Seiten zu blockieren, so dass stattdessen bei der Eingabe nur Sternchen erscheinen.“

Fotos von Leicht in Windeln

Der Stalker stellte Leichts Wohnadresse, die E-Mail-Adresse, die Telefonnummer ins Netz, veröffentlichte manipulierte Fotos von Leicht in Windeln, als Gefährte von Hitler oder als Mensch mit Hundekörper. Gleichzeitig bezeichnete er ihn als Pädophilen, als Stalker, Nazi, Alkoholiker, Schizophrenen oder Terroristen, wünschte ihm Krebs an den Hals und schmähte Leicht als Jazztrompeter und Komponist. Ein Foto von Leichts Sohn montierte der Stalker in ein Foto von Josef Fritzl, im Begleittext schwelgte er in perversen Phantasien.

Bruno Leicht war 2003 das erste Mal im Netz unterwegs. „Ich war vielleicht früher ein bisschen naiv, was das Internet angeht“, sagt er heute. Damals entdeckte er eine für ihn neue Welt des Jazz im Internet, er besuchte amerikanische Seiten mit Namen wie „Big Band Talk“ oder „Jazzy Music“ und freute sich darüber, mit älteren Nutzern in Kontakt zu kommen, die zumindest vorgaben, einige der Jazzlegenden, für die er schwärmte, noch persönlich kennengelernt zu haben. „Ich bekam da Infos aus erster Hand“, erzählt er, „es war ein Austausch unter Freunden.“ Alle Nutzer hätten ihre Beiträge unter ihrem richtigen Namen plaziert, es sei eine kleine, eingeschworene Gemeinde gewesen.

„Ich wollte berühmt werden“

So lud Leicht Musik, Videos und Bilder von sich und seinem Sohn hoch, erzählte aus seinem Privatleben und dachte sich nichts dabei. Schon gar nicht, dass ihm so viel Offenheit schaden könnte. Im Gegenteil. Er glaubte, mittels einiger auf You Tube präsentierter Videos endlich den Durchbruch als Musiker zu schaffen: „Ich dachte allen Ernstes, dass man mich jetzt endlich wahrnehmen würde, ich wollte berühmt werden und meinte, nun hätte ich alles Nötige dafür getan.“

Eines Tages jedoch ärgerte er sich über einen anderen User, der Links zu Musikstücken löschte, die Leicht und andere Nutzer auf der Seite „Jazzy Music“ veröffentlicht hatten. Er kannte den Mann nicht, schrieb ihm aber über das Forum eine Nachricht. Darin forderte er ihn auf, sich lieber „in eine Bar zu setzen und mit ein paar hübschen Mädels was zu trinken, anstatt uns hier den Spaß zu verderben“.

Der Stalker versuchte, mit Leicht ins Gespräch zu kommen

Der unbekannte Mann kannte keinen Spaß. Er stellte Leicht im Netz nach, verunglimpfte ihn und benutzte dafür just die Fotos und Informationen, die Leicht selbst von sich preisgegeben hatte. Zunächst plazierte der Mann seine Einträge nur im Forum auf „Jazzy Music“ und in den Kommentaren zu den Videos, die Leicht von sich auf You Tube hochgeladen hatte. Später wurde er auf unzähligen anderen Seiten aktiv – von A wie accujazzblog bis Y wie yehoodi. Dabei schrieb er nicht nur negative oder peinliche Einträge über Leicht, sondern gab sich auch als Leicht selbst oder als dessen Sohn aus und veröffentlichte in Leichts Namen sexuelle oder pädophile Phantasien oder beleidigte andere Leser.

Einer dieser Geschmähten meldete sich daraufhin sogar telefonisch bei Leicht und beschwerte sich. Und auch der Stalker versuchte, mit Leicht ins Gespräch zu kommen. So schrieb er ihm beispielsweise (auf Englisch): „Gib deinen Fehler zu, dann sage ich dir, wer ich bin.“ Oder: „Du weißt es nicht mehr, aber wir sind uns schon begegnet.“ Einmal, nachdem Leicht in seinem Blog geschrieben hatte, er habe sich ein Fußballspiel im Stadion angesehen, fiel der Satz: „Na? Hast du meinen Atem in deinem Nacken gespürt? Ich saß direkt hinter dir, als du Fußball gucken warst.“

„Das alles hat tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen“

Es war eine Phase in Leichts Leben, in der er nicht mehr er selbst war. „Das alles hat tiefe Spuren in meiner Seele hinterlassen und mich zeitweise völlig zittrig und panisch gemacht. Ich hatte Schlafstörungen, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, hatte das Gefühl, dass mir alles entgleitet.“ Seine Trompete rührte er nicht mehr an. Der Stalker hatte behauptet, er sei ein schlechter Trompeter. „Ich war unglaublich unsicher, zerfahren und misstrauisch. Ich wusste ja nicht, wer dieser Mann ist. Ich verdächtigte fast meinen gesamten Bekanntenkreis, überlegte mir, wer es sein könnte. Ich ließ mich nirgendwo mehr blicken, weil ich dachte, jeder wisse davon.“ Tage- und nächtelang saß er vor dem Computer. Seinen ganzen Tagesablauf ordnete er dem Rhythmus des Stalkers unter.

Seine Musikschüler vernachlässigte er, indem er permanent zu spät zum Unterricht kam, weil er sich nicht vom Computer loseisen konnte, wo er sich zwei virtuelle Identitäten zugelegt und den Kampf mit dem Cyberstalker aufgenommen hatte: Er antwortete auf dessen Provokationen, verteidigte Bruno Leicht, ließ seine beiden virtuellen Ichs Dialoge führen, um den Stalker zu attackieren, zu provozieren oder lächerlich zu machen. „Ich wollte ihn daran hindern, alles kaputtzumachen, was ich mir aufgebaut hatte.“

„Dadurch habe ich alles nur noch schlimmer gemacht“

Heute weiß er: „Dadurch habe ich alles nur noch schlimmer gemacht.“ Denn im Umgang mit Stalkern, ob sie nun im Internet oder im wirklichen Leben unterwegs sind, gilt als wichtigste Regel: Keine Kommunikation.

Im Dezember 2007 hatte Leicht dann plötzlich das Gefühl, seinen Peiniger identifiziert zu haben. Er hatte eine Person entdeckt, die sich jeden Morgen um die gleiche Uhrzeit in seinem Blog umsah. Die IP-Nummer und Website des Besuchers identifizierten ihn als Mitarbeiter einer deutschen Versicherung. Außerdem war der Blogleser auch eingetragenes Mitglied auf der Internetseite „Big Band Talk“. Leicht schrieb ihm eine freundliche Mail: „Wie finden Sie eigentlich meinen Blog?“ Der Mann antwortete nicht. Leicht schickte ein schärfer formuliertes Schreiben hinterher, teilte ihm mit, dass er vermute, er sei der Stalker. Der Mann antwortete wieder nicht. Leicht nahm Kontakt zu der Versicherung auf, die den Vorgang daraufhin prüfte. Das Ergebnis: Der Mann war nicht der Stalker.

„Is this Bruno Leicht? I am your puppet master“

Die Staatsanwaltschaft in Köln, bei der Leicht daraufhin Anzeige gegen unbekannt erstattete, stellte die Ermittlungen im Frühjahr 2009 ergebnislos ein, obwohl es Leicht inzwischen gelungen war, die IP-Adresse und den Server des Mannes zu ermitteln und herauszufinden, dass er in New Jersey an der amerikanischen Ostküste lebt.

New Jersey schien ihm weit weg. Doch dann klingelte eines Nachts sein Telefon. Eine Männerstimme sagte: „Is this Bruno Leicht? I am your puppet master.“ Leichts Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er antwortete: „I don’t know any puppet master.“ Dann legte er auf. Die Nummer des Stalkers speicherte er. Sie ließ sich genau lokalisieren, sie gehörte zu einer Telefonzelle an der Spring Street direkt neben der Bibliothek in der amerikanischen Universitätsstadt Princeton. „Sieben Minuten später war der Stalker wieder online auf You Tube und brüstete sich in Kommentaren zu dem unter Jazzliebhabern berühmten Video von Benny Golson ‚I remember Clifford‘ damit, dass er mich gerade angerufen habe und mir ‚vor Angst die Pisse die Beine runtergelaufen‘ sei“, berichtet Leicht.

Leicht ließ ihn auf den Anrufbeantworter sprechen

Der Mann rief in der Zeit danach noch zweimal an, einmal aus derselben Telefonzelle und einmal aus New York, aber Leicht ließ ihn auf den Anrufbeantworter sprechen und stellte einen Mitschnitt in die beiden englischsprachigen Warnblogs, die er inzwischen eingerichtet hatte, um englische und amerikanische Jazzblogger und Webseitenbetreiber vor dem Stalker zu warnen. Außerdem beauftragte er den Dienst „deinguterruf.de“, der rufschädigende Einträge aus dem Internet löschen lässt – gegen Bezahlung.

Einige Einträge verschwanden daraufhin tatsächlich. Aber der Dienst ist nicht unbedingt darauf spezialisiert, in Amerika gegen Google vorzugehen. Das wäre wohl nur mit einer Klage in den Vereinigten Staaten zu erreichen, und dazu fehlt Leicht das Geld. Er versuchte sein Glück über ein Online-Beschwerdeformular des FBI, das er dreimal ausfüllte und abschickte. Keine Reaktion.

„Auf eine perverse Art ist der Typ auch verknallt in mich“

Weil er sich nicht mehr anders zu helfen wusste, blieb Leicht von September 2009 bis Ostern dieses Jahres konsequent offline. Er wollte dem Stalker keine Angriffsfläche mehr bieten. „Spätestens dann hätte ein normaler Stalker aufgehört“, sagt Leicht, der inzwischen, wenn auch widerwillig, zu einem Fachmann in Sachen Stalking geworden ist. „Aber er hat gnadenlos weitergemacht. Er hat behauptet, ich sei nach wie vor im Internet unterwegs, bloß unter einem anderen Namen. Er schrieb unter die Blogeinträge von wildfremden Leuten: ‚Das ist doch hundertprozentig Bruno Leicht.‘ Er ist irrsinnig! Und auf eine perverse Art ist der Typ auch verknallt in mich.“

Google hat bis heute nichts tun können. Das zuständige Google-Löschteam in den Vereinigten Staaten forderte Leicht in wiederkehrenden E-Mails nur immer wieder dazu auf, sich selbst mit dem Stalker auseinanderzusetzen. Und so macht der Stalker einfach immer weiter. Vor kurzem erst schrieb er: „Very excited, are you not? Try to calm down, Mr. Leicht. Learn to ignore ignore ignore.“ Oder: „The psychotic Bruno Leicht continues to harass me. What can be done?“ Nach wie vor stellt er nahezu täglich mindestens drei Einträge online. Und nach wie vor leitet Leicht die Einträge weiter an den Google-Datenschutzbeauftragten Per Meyerdierks. In verschiedenen Formulierungen richtet Leicht dabei jedes Mal die inhaltlich gleiche Frage an Meyerdierks: „Wann kriegen Sie es verdammtnochmal auf die Reihe und löschen SÄMTLICHE dieser Threads und zwar ALLE auf einen Schlag und UNWIDERRUFLICH?“

„Die Bearbeitungszeit variiert natürlich im Wochenverlauf“

Eine befriedigende Antwort hat er darauf bislang nicht bekommen. Meyerdierks sagt dazu: „Es findet keine Vorabprüfung von Inhalten bei Plattformen wie Blogger oder You Tube statt. Das geht schon allein aufgrund der Menge der eingestellten Inhalte nicht. Aber wenn wir auf Inhalte hingewiesen werden, die gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen, wird jeder dieser Fälle geprüft, und es werden die weiteren Schritte veranlasst, und zwar rund um die Uhr. Die Bearbeitungszeit variiert natürlich im Wochenverlauf.“ Im Falle Bruno Leicht werde sogar „ein Großteil der problematischen Inhalte“ bereits „vor der Veröffentlichung ausgeschlossen“, und zwar durch „technische Schutzvorrichtungen“. Verstoße zum Beispiel jemand wie der Stalker mehrfach gegen die Nutzungsbedingungen einer Plattform, so werde sein Konto „so weit wie technisch möglich“ dauerhaft von der Plattform ausgeschlossen. Grenzen seien Google gesetzt, wenn der Nutzer „auf technische Art und Weise“ seine Identität verschleiere. Dann könne er sich – wie der Stalker – immer wieder neu anmelden und neue Inhalte auf die Seite stellen.

So bleibt Leicht auf absehbare Zeit wohl nur, das fast fünf Jahre währende Stalking weiter zu ertragen. Zunehmend gelingt ihm dies sogar. Er beherzigt seit neuestem den Rat, den ein Freund ihm neulich bei einer Tasse Kaffee gab: „Es ist nur virtuell. Mach deinen Computer aus, und es findet nicht statt.“

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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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