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Cosby-Prozess beginnt : Eine Änderung der Optik

  • -Aktualisiert am

Ankunft im Gerichtssaal am Montag: Bei einem Schuldspruch drohen „America’s Dad“ bis zu zehn Jahre Haft. Bild: AP

Der Vergewaltigungs-Prozess gegen Bill Cosby beginnt. Seine Anwälte präsentieren der Öffentlichkeit seit Monaten einen gebrechlichen älteren Herrn – auch seine Hautfarbe wird im Kampf um sein Image bemüht.

          Für Moral hatte Bill Cosby schon immer viel übrig. Wie im Jahr 1966, als er in seiner Dankesrede bei der Emmy-Verleihung in Los Angeles Werte wie Freundschaft und Menschlichkeit beschwor. Bei einer Feierstunde der Nationalen Organisation für die Förderung farbiger Menschen griff Cosby im Mai 2004 noch tiefer in die Tugendkiste. „In den Vierteln, in denen die meisten von uns aufgewachsen sind, wird Erziehung vernachlässigt“, warf der Entertainer den afroamerikanischen Zuhörern vor. „Die Schwarzen hinter Gittern sind keine politischen Häftlinge. Sie sind Leute, die durch die Gegend laufen und Coca-Cola klauen. Leute, die sich wegen eines Stücks Sandkuchen in den Hinterkopf schießen lassen!“, empörte er sich.

          Mit der Rolle als selbsternannter Tugendwächter ist es längst vorbei. Nach fast drei Jahren juristischer Scharmützel muss sich Cosby von Montag an wegen sexueller Belästigung vor einem Gericht in Pennsylvania verantworten. Die Staatsanwaltschaft von Montgomery County wirft „America’s Dad“ vor, die frühere Sportmanagerin Andrea Constand Anfang 2004 in seiner Villa mit Medikamenten betäubt und missbraucht zu haben. Der 79 Jahre alte Entertainer beteuert dagegen seine Unschuld. Die sexuelle Begegnung nach einem Abendessen in seinem Haus in Elkins Park sei einvernehmlich gewesen. Wie Constands Homosexualität in Cosbys Darstellung passt, gibt weiter Rätsel auf.

          Dass die Causa Constand den Emmy-Preisträger nach mehr als zehn Jahren einholte, verdankt er dem Komiker Hannibal Buress. Bei einem Auftritt im Club „Trocadero“ in Philadelphia hatte der im Oktober 2014 über Missbrauchsgerüchte gewitzelt und das Publikum aufgefordert, online zu „Cosby“ und „Vergewaltigung“ zu recherchieren. Als das Magazin „Philadelphia“ ein Video des Auftritts veröffentlichte, brachen im Herbst 2014 auch in anderen amerikanischen Medien die Dämme. In den folgenden Wochen verging fast kein Tag ohne Vorwürfe bislang unbekannter Frauen.

          Zwei Hundert-Dollar-Scheine auf den Couchtisch gelegt

          Die Kalifornierin Judy Huth schilderte, wie Cosby sie im Jahr 1974 als Fünfzehnjährige in der Villa des „Playboy“-Gründers Hugh Hefner missbraucht hatte. Die Juristin Tamara Green beschrieb ein Mittagessen Anfang der siebziger Jahre, bei dem der frühere Hauptdarsteller der „Cosby Show“ ihr graue und rote Tabletten gab. Später soll Cosby die benommene Frau ausgezogen haben, um sie zu missbrauchen. Als er Greens Wohnung verließ, legte er angeblich zwei Hundert-Dollar-Scheine auf den Couchtisch. Das frühere Model Beth Ferrier berichtete, wie es Mitte der achtziger Jahre nach einem Cappuccino in Cosbys Garderobe mit geöffnetem Büstenhalter auf dem Rücksitz ihres Autos aufwachte.

          Die Huxtables: Bill Cosbys Fernsehfamilie 2002
          Die Huxtables: Bill Cosbys Fernsehfamilie 2002 : Bild: AP

          Cosbys etwa 60 mutmaßliche Opfer verlangen dem Krisenmanagement seiner Anwälte einiges ab. Obwohl weitere Missbrauchsvorwürfe strafrechtlich verjährt sind und das Gericht ankündigte, neben Constand nur eine angeblich von Cosby vergewaltigte Frau als Zeugin zuzulassen, gilt der einstige Tugendwächter bei den meisten Amerikanern längst als Serientäter. „Im Gerichtssaal der öffentlichen Meinung wurde er schon schuldig gesprochen. Unsere Aufgabe ist es, nicht nur den Richter, sondern auch die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass dieses Urteil falsch ist“, sagte Cosbys Anwältin Angela Agrusa.

          Nach Buress’ Missbrauchsspekulationen hatte Netflix ein Comedy-Special mit ihrem Mandanten abgesagt. Auch der Sender NBC mottete damals die Pläne für eine Sitcom mit dem Entertainer ein. Selbst Wiederholungen der „Cosby Show“, in der der Schauspieler in den Jahren 1984 bis 1992 als Gynäkologe und Familienvater Cliff Huxtable vor der Kamera stand, wurden aus dem Programm gestrichen. Mehrere Universitäten, unter ihnen Brown, Boston und Fordham, erkannten dem spendenfreudigen Entertainer den Ehrendoktortitel ab.

          „Rassismus hat so viele Tentakeln“

          „Wir müssen die Optik ändern“, beschrieb Cosby-Anwältin Agrusa ihre Strategie. Anstelle des früher selbstbewussten bis überheblichen Cosby präsentiert die kalifornische Juristin der Öffentlichkeit seit Monaten einen gebrechlichen älteren Herrn. Bei seltenen Auftritten geht der Comedian am Stock, die Augen bleiben meist hinter dunklen Gläsern verborgen. Mehr als zwei Jahre nach Buress’ Vorwürfen versuchte Cosby vor einigen Wochen, um Sympathie zu werben. „Ich wachte vor zwei Jahren auf und sagte meiner Frau Camille, dass ich blind bin“, klagte er kurz vor Prozessbeginn.

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