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Charles Manson „In vierzig Jahren kein Tag ohne Trauer“

07.08.2009 ·  Es war die Zeit von Love, Peace und LSD. Doch dann, in der Nacht zum 9. August 1969, tötete die „Manson Family“ in Hollywood die schwangere Schauspielerin Sharon Tate und vier ihrer Freunde.

Von Christiane Heil, Los Angeles
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Es gibt wohl keinen Ort in Los Angeles, der so anheimelnd und zugleich so gespenstisch ist wie der Cielo Drive. Vorbei an prächtigen Villen und mit Lupinen überwucherten Hängen steigt die Straße oberhalb des Sunset Boulevard in Kehren die Hügel hinauf. Die stickige Luft der Stadt wird mit jedem Höhenmeter frischer, die Stille ist fast zu hören. „Es war so still, dass man die Eiswürfel in den Cocktailshakern unten im Tal hören konnte“, sagte später einer der Mörder, die aus dem Cielo Drive vor genau 40 Jahren einen Ort des Grauens machten. Mit 102 Messerstichen tötete die „Manson Family“ damals sechs Personen in einem Haus am Ende der Straße und riss Kaliforniens Blumenkinder aus ihren Träumen von einer friedlichen amerikanischen Gesellschaft.

Bis zu jener Nacht auf den 9. August 1969 schien die Welt am Cielo Drive so schön wie in einem Hollywoodfilm. Die Schauspielerin Sharon Tate war wenige Wochen zuvor aus London nach Beverly Hills zurückgekehrt, wo sie ihr erstes Kind zur Welt bringen wollte. Ihr „love house“ am Ende der Straße hatte die 26 Jahre alte Frau erst vor einigen Monaten gemietet, zusammen mit ihrem Mann, dem Regisseur Roman Polanski. Mit den kleinen Fenstern, dem tief heruntergezogenen Dach und dem schnörkeligen Eisentor schien es der ideale Rückzugsort. Weil Polanski noch in Europa drehte und Tate vor dem Geburtstermin nicht gern allein sein wollte, wohnten ein polnischer Jugendfreund ihres Mannes und dessen Freundin bei ihr, Voyteck Frykowski und Abigail Folger, die Erbin der gleichnamigen Kaffee-Dynastie. Am 8. August nahm auch der Prominentenfriseur Jay Sebring, Tates früherer Verlobter, am gemeinsamen Dinner teil und beschloss, den milden Sommerabend bei ihr und ihren Freunden ruhig ausklingen zulassen.

Aus der Hippiebewegung wuchsen Manson immer neue Anhänger zu

Auf der Spahn Ranch, etwa 40 Kilometer entfernt, ging es unterdessen nicht so ruhig zu. Die frühere Kulisse für Westernfilme diente Charles Manson seit einigen Monaten als neues Zuhause. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte der Vierunddreißigjährige eine Gruppe junger Leute um sich geschart, mit der er in einem ausrangierten Schulbus den Südwesten bereiste. Aus der Hippiebewegung wuchsen Manson unterwegs immer neue Anhänger zu, auf der Suche nach gemeinschaftlichen Lebensformen und bereit, sich seinem Diktat zu beugen. Die „Family“ schien ihrem Oberhaupt Manson weder Diebeszüge noch Drogen und sexuelle Dienste verweigern zu können. Zur ideologischen Unterfütterung seiner Herrschaft dienten Manson bizarre Interpretationen von Beatles-Liedern, in denen er einen apokalyptischen Rassenkrieg zwischen Schwarzen und Weißen, das „Helter Skelter“, heraufbeschwor.

„In vierzig Jahren kein Tag ohne Trauer“

Am 8. August war es soweit. Mit dem Satz „Jetzt wird es Zeit für Helter Skelter“ schickte er vier seiner Anhänger von der Spahn Ranch an den Cielo Drive. Sie sollten den Krieg zwischen Schwarz und Weiß herbeiführen. Die Adresse kannte Manson von vergeblichen Versuchen, in Los Angeles als Musiker Fuß zu fassen. Bevor Tate und Polanski die Villa im Stil französischer Landhäuser mieteten, hatte hier der Musikproduzent Terry Melcher gewohnt, mit dem Manson Kontakt hatte, aber bald im Streit auseinanderging.

Verbrechen, die Entsetzen und Fassungslosigkeit hervorrufen sollten

Als Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Linda Kasabian und Charles „Tex“ Watson kurz nach Mitternacht vor dem Anwesen ankamen, kappten sie die Telefonleitungen, erschossen den 18 Jahre alten Steven Parent, der gerade den Hausmeister besucht hatte, und verübten die Verbrechen, die Entsetzen und Fassungslosigkeit hervorrufen sollten. Auf dem Rasen vor dem Haus fand die Polizei am nächsten Morgen die tote Abigail Folger. Unter ihrem Nachthemd hatte sie 28 Stichwunden. Ihr Freund Voyteck Frykowski lag mit 51 Messerstichen und zertrümmertem Schädel blutüberströmt neben ihr. Im Wohnzimmer lag Jay Sebring, der mit sieben Stichen und mehreren Pistolenschüssen getötet worden war. Angeblich traten die Mörder auf den Sterbenden ein, sein Gesicht war entstellt. Die Täter hatten den 35 Jahre alten Sebring und Sharon Tate mit einem Strick um den Hals aneinanandergebunden. Bei der Obduktion der hochschwangeren Schauspielerin wurden 16 Stichwunden festgestellt. Ihre Mörderin Susan Atkins sagte später aus, Tate habe sie angefleht, das Ungeborene am Leben zu lassen: „Ich habe ihr gesagt, dass ich kein Mitleid mit ihr habe.“ Danach habe sie zugestochen. Auf dem Weg nach draußen schrieb Atkins mit Tates Blut noch das Wort „Pig“ an die Tür. Im Kreis der „Manson Family“ sah sie sich dann die Fernsehberichte über ihre Greueltaten an. Als Sharon Tate vier Tage später beigesetzt wurde, legte man ihr den kleinen Paul Richard Polanski in die Arme.

Beim Los Angeles Police Department vermutete man, es handele sich Ritualmorde, die Fahndung verlief zunächst ohne Erfolg. Unter den Prominenten von Beverly Hills ging die Angst um. Galten die Mordtaten am Cielo Drive Hollywood und seinem Establishment? Nach Kinoerfolgen wie „Das Tal der Puppen“ und Fotostrecken im „Playboy“ und anderen Magazinen war Sharon Tate auf gutem Weg, in Hollywood Karriere zu machen. Auch ihr Mann Roman Polanski, der erst ein Jahr zuvor in die Vereinigten Staaten gezogen war, wurde seit „Rosemaries Baby“ in der Neuen Welt gefeiert. Tate und Polanski standen schnell auf den Gästelisten der begehrtesten Partys und gingen bei Stars wie Warren Beatty, Steve McQueen und den Fondas ein und aus. „Alle Welt sprach von Liebe, Frieden und Bewussseinserweiterung. Und dann dieses Brutalität. Wir waren wie vor den Kopf geschlagen“, sagte der Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr später. „Alle waren verunsichert. Jeder in Los Angeles dachte, auch ihm könne so etwas passieren.“ Die Stadt schwirrte von Gerüchten. Nicht wenige Prominente schickten ihre Kinder zu Verwandten in den Mittleren Westen oder an die Ostküste.

Jede Einzelheit hat sich ihr ins Gedächtnis gegraben

Mehr Zorn als Angst empfand dagegen die Familie der ermordeten Sharon Tate. „In den 40 Jahren ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht um Sharon und ihren ungeborenen Sohn getrauert hätte“, erzählt Debra Tate, ihre Schwester. Jede Einzelheit hat sich ihr ins Gedächtnis gegraben. Die damals Siebzehnjährige hätte in der Nacht der Morde auch am Cielo Drive sein sollen. Sharon Tate hatte ihrer kleinen Schwester einen Pferdesattel aus Europa mitgebracht, den Debra unbedingt abholen wollte. Weil Sharon aber an diesem Abend Gäste hatte, bat sie Debra um Geduld. Dass ihre Schwester ermordet wurde, erfuhr Debra fast zufällig, als ein Freund ihren Eltern berichtete, am Cielo Drive habe es gebrannt. Ein Anruf bei der Polizei von Los Angeles brachte die furchtbare Nachricht. „Danach war die Familie am Boden zerstört“, sagt Debra Tate, „meine Eltern, meine jüngere Schwester, ich selbst. Und heute geht es noch unseren Kindern so. Allen Opferfamilien geht es so.“

Den Prozess gegen die Mörder aus der „Manson Family“ erlebte Debra Tate als Tortur. Nachdem es der Polizei monatelang nicht gelungen war, das Verbrechen am Cielo Drive aufzuklären, prahlte Susan Atkins nach einem Autodiebstahl im Gefängnis mit ihrer Tat. Einer Zellennachbarin berichtete die Zwanzigjährige dabei auch noch von einem Doppelmord an einem älteren Ehepaar in Los Feliz, einem Vorort von Los Angeles. Am Tag nach den Morden in Beverly Hills hatte man Leno und Rosemary LaBianca furchtbar zugerichtet in ihrem Haus gefunden. Der Schriftzug „Helter Skelter“ stand auf der Kühlschranktür, in die Bauchdecke von Leno LaBianca hatten die Täter das Wort „War“ mit einem Messer geritzt. An der Wohnzimmerwand stand die Forderung „Death to Pigs“ – geschrieben mit Blut. Das Los Angeles Police Department vermutete zwar eine Verbindung zu den Morden am Cielo Drive, konnte sie aber bis zu Atkins’ Prahlereien nicht belegen.

„Kindliche Fragen, die in meiner Welt real sind“

Schon zu Beginn des Prozesses am 15. Juni 1970 bewies Charles Manson schauspielerisches Talent. Die Staatsanwaltschaft hatte keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass er selbst gemordet hatte. Sie klagte ihn an, das Verbrechen geplant und die Täter dazu angestiftet zu haben. Die Fragen der Juroren unterbrach Manson immer wieder mit, wie er sagte, „kindlichen Fragen, die in meiner Welt real sind“. Er starrte Richter und Staatsanwalt Stunde um Stunde an, um sie aus der Ruhe zu bringen. Als das nichts fruchtete, überraschte er das Gericht in Los Angeles mit einem blutigen „X“, das er sich in die Stirn geschnitten hatte.

Gespenstisch mutete auch das Verhalten seiner Mitangeklagten an. Prozessbeobachter erinnern sich noch heute nicht ohne Bitterkeit an das aufgesetzte Lachen in den Gängen des Gerichts, mit denen die Täter ihre Opfer verhöhnten. Nach dem bis dahin längsten Prozess in der amerikanischen Geschichte befand die Jury alle Angeklagten am 25. Januar 1971 des Mordes schuldig. Über Charles Manson, Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie Van Houten wurde einige Wochen später die Todesstrafe verhängt. Da der Oberste Gerichtshof von Kalifornien die Todesstrafe jedoch wenig später für verfassungswidrig erklärte, wurden die Urteile in „lebenslang“ umgewandelt. Die Urteilsverkündung nutzte Charles Manson das vorerst letzte Mal zu einer Tirade: „Mr. und Mrs. Amerika – Ihr habt unrecht. Ich bin weder der König der Juden noch der Führer eines Hippiekultes. Ich bin das, wozu ihr mich gemacht habt. Meine Gedanken setzen eure Städte in Brand.“

„Helter Skelter“-Phantasien

„Charlie“, wie er von seinen Bewunderern genannt wird, zieht auch im Gefängnis bis heute neue „Jünger“ an. Das berühmte T-Shirt mit seinem Konterfei genießt bei vielen amerikanischen Jugendlichen Kultstatus. Der kleine Mann mit dem wirren Blick und den inzwischen ergrauten Haaren diente auch Eric Harris und Dylan Klebold als Vorbild. Bevor die beiden Amokläufer vor zehn Jahren mit Pumpgun und halbautomatischer Waffe in der Columbine High School in Littleton zwölf Mitschüler töteten, ließen sie sich von Charles Manson und seinen „Helter Skelter“-Phantasien inspirieren.

Dass Manson und seine „Familienmitglieder“ bis heute in kalifornischen Gefängnissen sitzen und ihre Anträge auf Strafaussetzung regelmäßig abgelehnt werden, sehen viele als Verdienst der Familie Tate. Seit Jahrzehnten setzt sich Debra Tate, wie früher ihre inzwischen gestorbene Mutter Doris, für die Rechte von Opfern und ihren Angehörigen ein, besonders die der Manson-Opfer: „Ich bin der festen Überzeugung, dass kein Mitglied der ,Manson Family‘ vorzeitig entlassen werden sollte. Sie waren und sind gemeingefährlich.“ Die Drohbriefe von Mitgliedern und Freunden der „Manson Family“, die regelmäßig bei Debra Tate eingehen, haben das ehemalige Model bislang nicht einschüchtern können.

Dennoch sieht Debra Tate den kommenden Wochen mit Sorge entgegen. Anfang September findet vor dem Bewährungsausschuss Susan Atkins’ nächste Anhörung statt. Nach Meinung einiger Beobachter hat die Einundsechzigjährige nach mehr als einem Dutzend abgelehnter Anträge diesmal gute Chancen, doch noch vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Atkins hat Krebs. Der Bundesstaat Kalifornien, der für die Behandlungskosten aufkommen muss, ist finanziell in arger Bedrängnis.

Nicht einmal der gefallene Football-Star O. J. Simpson hat es mit seinen Verbrechen zu ähnlicher Popularität wie Charles Manson gebracht: Schon während des Prozesses gegen Manson und seine „Family“ im Jahr 1970 gelang es dem „Mastermind“ hinter den Tate-LaBianca-Morden immer wieder, die Medien vor seinen Karren zu spannen. So hielt er unbeirrt die Titelseite der „Los Angeles Times“ mit der Überschrift „Manson schuldig, erklärt Nixon“ hoch und sicherte sich damit in ganz Amerika die Schlagzeilen des folgenden Tages. Seine Autobiographie „Manson in His Own Words“ fand viel Beachtung. Immer wieder gibt der inzwischen 74 Jahre alte Manson Interviews. Mit dem Verkauf von Manson- T-Shirts und anderen Memorabilia soll die „Manson Family“ bis zu 250 000 Dollar im Jahr verdienen. Der damalige Staatsanwalt Vincent Bugliosi verdient bis heute recht gut mit seinem Buch „Helter Skelter“, das zu den Standardwerken über Charles Manson zählt. Auch die Tourismusindustrie in Los Angeles profitiert von den Morden, die zu den grausamsten in der Geschichte der Stadt gehören. Das Busunternehmen „Dearly Departed Tours“, das Touristen zu prominenten Grabstätten und Tatorten chauffiert, verdient seit Jahren am sogenannten Manson- Mythos. Obwohl das Haus am Cielo Drive vor Jahren abgerissen und die Hausnummer des neuen Anwesens geändert wurde, finden sich noch immer fast täglich Neugierige vor dem Tor ein. Der Cielo Drive stand für Jahrzehnte oben in der Gunst der Touristen. Seit einigen Wochen aber fahren viele lieber in die nahen Holmby Hills - zu der Villa, in der Michael Jackson eines mysteriösen Todes starb. (ceh.)

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